Im internationalen Handel gibt es Verträge, Absichtserklärungen und Verhandlungsergebnisse. Und dann gibt es die inzwischen etablierte vierte Kategorie: Donald Trump glaubt, dass irgendetwas vereinbart wurde.
Tagelang hatten die USA und Kanada miteinander verhandelt. Zwischendurch trat Trump vor Reporter und verkündete sinngemäß: Einigung! Wenige Stunden später wurde daraus bereits die vorsichtigere Variante, er glaube, man habe eine Einigung.
Am Ende stellte sich heraus: Man hatte keine.
Das ist ungefähr so, als würde jemand nach einer Wohnungsbesichtigung seinen Freunden mitteilen: „Haus gekauft!“, anschließend erklären: „Ich glaube, Haus gekauft“, und am Abend erfahren, dass der Eigentümer überhaupt nicht verkaufen wollte.
Kanadas Ministerpräsident Mark Carney reagierte entsprechend begeistert. Die amerikanische Seite habe in letzter Minute zusätzliche Forderungen gestellt, darunter Einschränkungen für künftige kanadische Handelsabkommen mit anderen Staaten.
Carneys Antwort lässt sich diplomatisch zusammenfassen:
Nö.
Etwas ausführlicher kündigte er an, Kanada werde Washingtons neue Zölle „Dollar für Dollar“ beantworten.
Damit befinden sich zwei der engsten Handelspartner der Welt nun in jener besonders intelligenten Phase eines Handelskonflikts, in der beide Seiten gegenseitig Waren verteuern und anschließend erklären, damit die eigenen Verbraucher zu schützen.
Freihandel, jetzt mit 50 Prozent Eintritt
Die USA erheben nun 50 Prozent Zoll auf zahlreiche kanadische Produkte. Betroffen sind unter anderem Wein, Möbel, Milchprodukte, Zement, Bekleidung, Angelruten und Eishockeyausrüstung.
Eishockeyausrüstung!
Spätestens dort dürfte Kanada die Angelegenheit als Kriegserklärung verstanden haben.
Man kann Kanada mit Zöllen auf Möbel reizen. Man kann Käse verteuern. Aber sobald Washington den Hockeyschläger anfasst, wird vermutlich irgendwo in Ontario bereits die strategische Ahornsirupreserve geöffnet.
Kanada antwortet ab dem 8. September mit Zöllen unter anderem auf amerikanischen Stahl, Haushaltsgeräte, Elektronik, landwirtschaftliche Maschinen und Papier.
Das neue nordamerikanische Wirtschaftskonzept lautet damit:
Amerikaner bezahlen mehr für kanadische Produkte.
Kanadier bezahlen mehr für amerikanische Produkte.
Und beide Regierungen erklären anschließend:
„Seht ihr? Wir haben euch geschützt!“
Besonders schön: Trumps eigener Vertrag
Noch bemerkenswerter ist, dass diesmal auch Produkte betroffen sind, die bislang durch das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA geschützt waren.
Das USMCA besitzt einen prominenten politischen Vater:
Donald Trump.
Trump hatte das Abkommen während seiner ersten Amtszeit als großen Erfolg gefeiert. Nun behandelt seine Regierung Teile dieses eigenen Erfolges ungefähr wie einen alten Küchenschrank:
„Wer hat denn diesen Mist bestellt?“
„Sie, Sir.“
„Schrecklicher Deal.“
Damit erreicht die Trump’sche Handelspolitik ihre philosophische Vollendung: Donald Trump schützt Amerika inzwischen sogar vor Verträgen von Donald Trump.
Mark Carney bestellt das Vergeltungsmenü
Carney macht jedenfalls deutlich, dass Kanada nicht einfach nachgeben wird. „Wir werden nicht das geben, was sie verlangt haben“, erklärte er.
Das könnte teuer werden.
Für Kanada.
Für die USA.
Für Unternehmen.
Und natürlich für Verbraucher.
Denn entgegen einer erstaunlich langlebigen politischen Legende werden Zölle nicht nachts von ausländischen Regierungen mit Geldkoffern an amerikanischen Grenzstationen bezahlt. Importierende Unternehmen zahlen sie – und können die Kosten anschließend weiterreichen.
Aus 50 Prozent Zoll wird deshalb nicht automatisch „Kanada verliert“.
Es kann auch heißen:
„Glückwunsch zu Ihrem neuen amerikanischen Kühlschrank. Möchten Sie ihn finanzieren – auf 36 oder 72 Monate?“
Historische Einigung erfolgreich verhindert
Am Ende bleibt eine beeindruckende diplomatische Bilanz.
Tagelang wurde verhandelt.
Trump verkündete eine Einigung.
Dann glaubte Trump nur noch an eine Einigung.
Dann gab es keine Einigung.
Dann kamen 50-Prozent-Zölle.
Dann kündigte Kanada Gegenzölle an.
Und nun könnte auch noch das USMCA beschädigt werden.
Das ist keine klassische Handelsdiplomatie mehr.
Das ist Deal-Making im Überraschungsei-Verfahren: Niemand weiß, was drin ist, aber Donald Trump erklärt bereits vor dem Öffnen, es sei das großartigste Ergebnis aller Zeiten.
Vielleicht sollten Kanada und die USA beim nächsten Mal deshalb ein neues Verfahren ausprobieren:
Erst verhandeln.
Dann Vertrag unterschreiben.
Dann prüfen, ob beide Seiten denselben Vertrag unterschrieben haben.
Und erst danach Donald Trump mitteilen, dass es eine Einigung gibt.
Das wäre zwar ungewöhnlich.
Aber möglicherweise revolutionär erfolgreich.




