In Großbeeren bei Berlin ist etwas passiert, das in der CDU ungefähr dem Fund eines lebenden Mammuts im Konrad-Adenauer-Haus entspricht: Die Basis hat sich gemeldet.
Und sie möchte nicht einmal einen neuen Kugelschreiber.
33 CDU-Mitglieder aus der brandenburgischen Hochburg, darunter Bürgermeister Martin Wonneberger, haben einen Brandbrief an Friedrich Merz geschrieben. Die zentrale Botschaft lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Lieber Friedrich, wir haben verstanden, dass du deine Politik gut findest. Jetzt wäre es schön, wenn irgendwann auch die Bevölkerung davon erfährt.
Besonders bemerkenswert ist ein Satz, der vermutlich bereits vorsorglich aus sämtlichen PowerPoint-Präsentationen der Parteizentrale entfernt wurde: Man brauche keine Führung, die der Basis erkläre, warum ihre Politik eigentlich richtig sei. Man brauche eine Führung, die sich frage, warum immer weniger Menschen sie für richtig hielten.
Das ist für politische Verhältnisse revolutionär.
Bislang galt schließlich das bewährte Verfahren: Sinkt eine Partei in Umfragen, wurde zunächst festgestellt, dass die eigene Politik hervorragend sei. Danach erklärte man sie besser. Sanken die Werte weiter, musste man sie offenbar noch besser erklären. Bei fünf Prozent hätte vermutlich jeder Bürger ein persönliches CDU-Erklärteam mit Flipchart bekommen.
Die Großbeerener Parteifreunde vermuten dagegen überraschend, dass Wähler womöglich Ergebnisse erwarten.
Geradezu radikal.
Die CDU sei mit Versprechen angetreten: Wirtschaft stärken, Bürger entlasten, Energie bezahlbarer machen, Migration steuern, Bürokratie abbauen und dafür sorgen, dass sich Leistung wieder lohnt.
Nun fragt die Basis: Was davon ist eigentlich angekommen?
Im politischen Berlin dürfte daraufhin hektisch geprüft worden sein, ob „angekommen“ möglicherweise ein neuer demoskopischer Fachbegriff ist.
Besonders deutlich wird der Brief beim Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Das Debakel der CDU und der Erfolg der AfD seien kein bloßer „Betriebsunfall“. Die Menschen seien nicht plötzlich über Nacht radikal geworden. Vielmehr hätten viele das Vertrauen verloren, dass etablierte Politik ihre Probleme tatsächlich löst.
Das ist natürlich eine gefährliche Theorie.
Denn sollte sich herumsprechen, dass Bürger Parteien nicht nach Talkshow-Auftritten, sondern nach Resultaten beurteilen, könnte das gesamte politische Kommunikationsmodell zusammenbrechen.
Friedrich Merz steht deshalb vor einer historischen Herausforderung: weniger erklären, mehr liefern.
Für deutsche Spitzenpolitik wäre das ein gewagtes Experiment.
Fast so, als würde man bei einem kaputten Wasserhahn ausnahmsweise nicht zuerst eine Pressekonferenz darüber veranstalten, wie hervorragend der Installateur arbeitet.




