Große gesellschaftliche Durchbrüche kündigen sich manchmal ganz unscheinbar an. Die Menschheit entdeckte das Feuer, erfand das Rad und entwickelte irgendwann WLAN. Nun folgt womöglich der nächste Zivilisationssprung:
Die AfD Sachsen-Anhalt hat die individuelle Lebensgestaltung entdeckt.
Zumindest ein bisschen.
Spitzenkandidat Ulrich Siegmund erklärte im „Frühstart“ von RTL/ntv schließlich, jeder solle „so leben, wie er glücklich ist“.
Das klingt zunächst derart liberal, dass irgendwo vermutlich gerade ein FDP-Mitglied erschrocken sein Monokel ins Müsli fallen ließ.
Doch kaum war die Toleranz aus der Verpackung genommen, erschien das Kleingedruckte.
Denn selbstverständlich dürfe jeder glücklich sein. Nur manche Formen des Glücks sollen offenbar gesellschaftlich ein bisschen glücklicher behandelt werden als andere. Besonders unterstützenswert sei nämlich die Familie, die Kinder hervorbringt.
Das ist ungefähr das gesellschaftspolitische Modell einer Payback-Karte:
Kinder? 500 Bonuspunkte.
Mutter und Vater? Status Gold.
Andere Lebensmodelle? Vielen Dank für Ihren Einkauf.
Besonders faszinierend wird die Angelegenheit bei Parteichefin Alice Weidel. Sie lebt mit einer Frau zusammen und hat zwei Kinder. Gleichzeitig enthält das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt Formulierungen über „sexuelle Abweichungen“ und „nicht-reproduktive Lebensweisen“.
Politisch entsteht damit eine Konstruktion, gegen die selbst ein IKEA-Schrank ohne Anleitung übersichtlich wirkt.
Weidel hatte bereits erklärt, sie gehe bei dieser Passage nicht mit. Sie sei gesellschaftlich liberaler aufgestellt und fügte den schwer widerlegbaren Hinweis hinzu:
„Ich lebe es.“
Das ist natürlich ausgesprochen unpraktisch, wenn die eigene Parteivorsitzende persönlich wie ein wandelnder Faktencheck durch das Familienkapitel des Wahlprogramms spaziert.
Siegmund sieht dennoch keinen grundsätzlichen Widerspruch.
Damit erreicht die politische Dialektik eine neue Qualitätsstufe: Man kann offenbar gleichzeitig sagen, jeder dürfe leben, wie er möchte, bestimmte Lebensweisen als „Abweichung“ bezeichnen und anschließend feststellen, dass sich das überhaupt nicht widerspricht.
Das funktioniert allerdings nur mit einer speziellen politischen Mathematik:
Toleranz + Abwertung = Familienpolitik.
Auch die Formulierung von der „intakten Familie bestehend aus Mutter, Vater und Kindern“ wirft interessante Fragen auf. Offenbar verfügt Sachsen-Anhalt künftig möglicherweise über eine Art familiären TÜV.
„Guten Tag. Familienhauptuntersuchung.“
„Mutter vorhanden?“
„Ja.“
„Vater?“
„Nein.“
„Oh. Dann muss ich Ihnen leider die Plakette verweigern.“
Vielleicht folgt irgendwann das amtliche Familienprüfsiegel DIN EN 0815: Mutter links, Vater rechts, Nachwuchs mittig, Gartenzwerg optional.
Dabei wäre die Sache erstaunlich einfach. Wenn tatsächlich jeder so leben soll, wie er glücklich ist, könnte man den Satz einfach mit einem Punkt beenden.
„Jeder soll so leben, wie er glücklich ist.“ Punkt.
Doch Politik wäre nicht Politik, wenn nach einem schönen Satz nicht irgendwo ein großes Aber lauern würde.
Und so präsentiert die AfD Sachsen-Anhalt eine bemerkenswerte neue Form der Liberalität:
Leben Sie, wie Sie wollen.
Die Gebrauchsanweisung, wie Sie eigentlich leben sollten, liegt selbstverständlich bei.




