Die Vereinigten Staaten und Kanada haben es versucht. Sie haben verhandelt, Fristen gesetzt, Fristen verlängert, Grundsatzeinigungen gefunden, Grundsatzeinigungen wieder verloren und vermutlich so viele Tassen Kaffee vernichtet, dass allein deren Import künftig zollpolitisch relevant werden könnte.
Am Ende stand das klassische Ergebnis moderner Handelspolitik unter Donald Trump:
50 Prozent Strafzoll.
Denn wenn zwei der engsten Handelspartner der Welt ein Problem miteinander haben, könnte man natürlich verhandeln, Kompromisse suchen und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum stärken.
Oder man macht kanadische Waren einfach so teuer, dass ein Importeur beim Blick auf die Rechnung glaubt, versehentlich einen Ferrari aus Ahornholz bestellt zu haben.
Donald Trump setzt erneut auf seine wirtschaftspolitische Lieblingswaffe: den Zoll.
Für Trump ist der Zoll ungefähr das, was für andere Menschen Klebeband ist. Egal, welches Problem auftaucht – erst einmal ordentlich draufkleben.
Handelsdefizit?
Zoll.
Politischer Streit?
Zoll.
Kanada widerspricht?
Mehr Zoll.
Kanada widerspricht danach immer noch?
Offenbar war der erste Zoll nicht groß genug.
Damit entwickeln sich die USA langsam von einer Wirtschaftsmacht zu einem internationalen Parkhaus: Wer reinwill, zieht ein Ticket und bezahlt beim Verlassen.
Drei Tage mehr Zeit für dasselbe Ergebnis
Eigentlich sollten die neuen Zölle bereits früher in Kraft treten. Doch Donald Trump verschob die Frist kurzfristig um drei Tage, nachdem angeblich eine Grundsatzeinigung erreicht worden war.
Das sorgte kurzzeitig für Hoffnung.
Drei Tage später war die Grundsatzeinigung ungefähr so belastbar wie ein Sonnenschirm während eines Tornados.
Keine Einigung.
50 Prozent Zoll.
Damit hat Washington eine bemerkenswerte neue Verhandlungsmethode entwickelt:
Montag: „Wir stehen kurz vor einer historischen Einigung.“
Dienstag: „Die Gespräche sind sehr konstruktiv.“
Mittwoch: „Wir machen enorme Fortschritte.“
Donnerstag: „Kanada ist schuld.“
Freitag: 50 Prozent Zoll.
Wer internationale Diplomatie bislang kompliziert fand, dürfte dieses System begrüßen. Man benötigt eigentlich nur noch einen Kalender und einen Taschenrechner.
Mark Carney bekommt das Trump-Spezialangebot
Kanadas Premierminister Mark Carney bezeichnete die amerikanischen Bedingungen als unfair und kündigte Vergeltungsmaßnahmen in gleicher finanzieller Größenordnung an.
Damit erreicht der Handelskonflikt jene wirtschaftspolitische Phase, in der beide Länder versuchen, dem jeweils anderen möglichst großen Schaden zuzufügen, um anschließend zu beweisen, dass die eigene Bevölkerung davon profitiert.
USA: „Wir verteuern eure Produkte!“
Kanada: „Dann verteuern wir eure Produkte!“
USA: „Ha!“
Kanada: „Ha!“
Verbraucher beider Länder: „Moment mal.“
Genau hier liegt das kleine Detail, das in der großen Zollromantik gern übersehen wird: Zölle werden nicht von einem magischen ausländischen Finanzministerium bezahlt, das nachts mit einem Geldkoffer an der Grenze erscheint.
Sie verteuern Importe.
Und diese Mehrkosten können bei amerikanischen Unternehmen und Verbrauchern landen.
Das macht den Zoll politisch so faszinierend: Man kann eine Steuer erhöhen und gleichzeitig behaupten, der Nachbar bezahle sie.
Ein Konzept, das Finanzminister weltweit vermutlich gern übernehmen würden.
„Liebe Bürger, die Mehrwertsteuer steigt auf 35 Prozent. Aber keine Sorge: Frankreich bezahlt.“
Besonders pikant: Trumps eigener Vertrag
Richtig majestätisch wird die Geschichte beim nordamerikanischen Freihandelsabkommen.
Denn Donald Trump greift nun erstmals auch Waren an, die unter jenes Handelsabkommen fallen, das er während seiner ersten Amtszeit selbst ausgehandelt und damals als großartigen Erfolg verkauft hatte.
Das ist politische Produktpflege auf höchstem Niveau.
Trump 2020:
„Fantastischer Deal!“
Trump 2026:
„Katastrophale Bedingungen!“
Historiker könnten irgendwann eine eigene Maßeinheit dafür benötigen, wie lange ein Trump-Abkommen benötigt, bis Donald Trump es für unzureichend hält.
Vielleicht nennt man sie einen „Trumpzyklus“.
Ein Trumpzyklus entspricht der Zeitspanne zwischen:
„Das ist der beste Deal aller Zeiten“
und
„Wer hat diesen schrecklichen Deal eigentlich gemacht?“
Besonders problematisch wird es, wenn die Antwort lautet:
Donald Trump.
Freihandel mit Eintrittspreis
Die neuen Zölle betreffen kanadische Produkte im Wert von rund 20 Milliarden Dollar. Gemessen am gesamten Handel zwischen beiden Staaten ist das noch überschaubar.
Doch das politische Signal ist erheblich.
Wenn selbst Produkte innerhalb eines nordamerikanischen Freihandelsabkommens plötzlich mit Strafzöllen belegt werden können, bekommt das Wort „Freihandel“ eine interessante neue Bedeutung.
Freier Handel bedeutet dann:
Der Handel ist frei.
Außer er kostet 50 Prozent extra.
Das wäre ungefähr so, als würde ein Schwimmbad mit „Freier Eintritt“ werben und hinter der Eingangstür ein Mitarbeiter stehen, der 37 Euro „Wasserbenutzungsgebühr“ verlangt.
Kanada möchte weiterhin nicht amerikanisch werden
Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind ohnehin nicht gerade auf dem historischen Höhepunkt.
Donald Trump hat Kanada wiederholt mit zusätzlichen Zöllen gedroht und mehrfach die Idee verbreitet, das Land könne zum 51. US-Bundesstaat werden.
Kanada reagiert darauf bislang überraschend zurückhaltend.
Es möchte offenbar weiterhin Kanada bleiben.
Ein diplomatischer Affront, den Washington vermutlich noch nicht vollständig verarbeitet hat.
Die kanadische Bevölkerung reagierte bereits auf frühere US-Maßnahmen mit Boykotten amerikanischer Produkte. Einige Provinzen entfernten amerikanischen Alkohol aus den Verkaufsregalen und warben verstärkt für heimische Waren.
Damit könnte Donald Trump unbeabsichtigt eine der erfolgreichsten „Buy Canadian“-Kampagnen der Geschichte geschaffen haben.
Wer kanadische Unternehmen stärken wollte, hätte Millionen Dollar für Marketing ausgeben können.
Oder man lässt Donald Trump einfach einen Zoll ankündigen.
Kosten für Kanada:
Null.
Werbewirkung:
National.
Die Zollspirale dreht sich
Nun kündigt Mark Carney Gegenmaßnahmen an.
Damit beginnt die beliebteste Choreografie jedes Handelskriegs.
Land A erhebt Zölle.
Land B reagiert.
Land A bezeichnet die Reaktion von Land B als Provokation.
Land A erhebt weitere Zölle.
Land B reagiert erneut.
Nach sechs Monaten treten Wirtschaftsverbände vor die Kameras und erklären vorsichtig, dass eventuell auch Unternehmen betroffen sein könnten.
Nach zwölf Monaten veröffentlicht irgendeine Regierung eine Studie mit dem Titel:
„Unerwartete Auswirkungen handelspolitischer Anpassungsmaßnahmen auf Verbraucherpreise.“
„Unerwartet“ bedeutet dabei: von praktisch jedem Ökonomen vorhergesagt.
Der Zoll als außenpolitisches Schweizer Taschenmesser
Donald Trump behandelt Zölle inzwischen nicht nur als wirtschaftspolitisches Instrument, sondern als universelles außenpolitisches Druckmittel.
Das Problem dabei: Wer jedes Problem mit demselben Werkzeug bearbeitet, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann alles wie ein Nagel aussieht.
Kanada ist außerdem kein geopolitischer Erzfeind der Vereinigten Staaten.
Es ist Nachbar, NATO-Partner und einer der wichtigsten Handelspartner.
Die beiden Volkswirtschaften sind tief miteinander verflochten. Lieferketten verlaufen über die Grenze, teilweise mehrfach während der Herstellung eines einzigen Produkts.
Bei manchen Industriegütern könnte Trumps Zollpolitik deshalb bald ungefähr so funktionieren:
Ein amerikanisches Bauteil fährt nach Kanada.
Kanada verarbeitet es.
Es fährt zurück.
Zoll.
Es wird weiterverarbeitet.
Noch einmal Kanada.
Noch einmal zurück.
Zoll.
Am Ende kostet ein Scheibenwischer 8.700 Dollar und wird mit einer kostenlosen Eigentumswohnung in Detroit ausgeliefert.
Und wer hat gewonnen?
Donald Trump dürfte die Zölle als Beweis amerikanischer Stärke präsentieren.
Mark Carney wird kanadische Gegenwehr demonstrieren.
Beide Regierungen können ihren Anhängern erzählen, dass sie nationale Interessen verteidigen.
Nur Unternehmen und Verbraucher besitzen den ausgesprochenen Nachteil, irgendwann Rechnungen bezahlen zu müssen.
Das ist vielleicht die größte Leistung der modernen Zollpolitik:
Alle Regierungen können sich gleichzeitig zum Sieger erklären, während auf beiden Seiten der Grenze die Preise steigen.
Und so geht der große nordamerikanische Handelsstreit in die nächste Runde.
Ein Freihandelsvertrag gilt weiterhin.
Produkte aus diesem Freihandelsraum bekommen Strafzölle.
Der Mann, der das Abkommen einst selbst ausgehandelt hat, setzt es unter Druck.
Kanada verhängt Gegenmaßnahmen.
Und anschließend werden vermutlich beide Seiten wieder verhandeln, um jene Handelsbarrieren abzubauen, die sie gerade selbst errichtet haben.
Man könnte das für absurd halten.
Doch vielleicht ist es lediglich die konsequenteste Form von Donald Trumps Zollpolitik:
Erst baut man eine Mauer zwischen zwei Volkswirtschaften.
Dann verkauft man die Tür als historischen Deal.




