Es gibt Politiker, die fordern mehr Bildung. Andere verlangen bessere Infrastruktur. Manche wünschen sich niedrigere Steuern oder günstigere Energiepreise.
Und dann gibt es jene Menschen, die morgens aufstehen, in den Spiegel schauen und denken:
„Wisst ihr, was dieser Welt fehlt? Weniger Gerichte. Mehr Abkürzungen.“
Genau mit dieser seltenen Mischung aus Entschlossenheit, Ungeduld und einer beinahe allergischen Reaktion auf langwierige Verfahren sorgte kürzlich ein hochrangiger Vertreter der amerikanischen Sicherheitsarchitektur für Aufmerksamkeit.
Während normale Menschen bei einem Besuch einer Einrichtung vielleicht fragen würden, ob die Kaffeemaschine funktioniert oder ob die Klimaanlage repariert werden muss, entstand hier offenbar eine völlig andere Überlegung:
„Warum dauert das eigentlich alles so lange?“
Eine gefährliche Frage.
Denn jeder weiß: Sobald ein Politiker beginnt, über Effizienz nachzudenken, geraten irgendwo auf der Welt mehrere Rechtsanwälte gleichzeitig in Panik.
Der Albtraum aller Bürokraten
Man stelle sich vor, ein Verwaltungsmitarbeiter betritt morgens sein Büro.
Vor ihm liegen 38 Aktenordner.
Dazu 14 Gutachten.
Sieben Gegengutachten.
Vier Anhänge.
Zwei Stellungnahmen.
Ein Prüfvermerk.
Drei Prüfvermerke zum Prüfvermerk.
Und ein Formular zur Beantragung weiterer Formulare.
Plötzlich öffnet sich die Tür.
Ein Politiker tritt herein und sagt:
„Können wir das nicht einfach schneller machen?“
Der Beamte fällt augenblicklich in Ohnmacht.
Kollegen berichten später von dramatischen Szenen.
Einige hätten versucht, sich hinter Aktenschränken zu verstecken.
Andere hätten vorsorglich neue Arbeitsgruppen gegründet.
Ein besonders erfahrener Sachbearbeiter beantragte sofort die Einrichtung eines Krisenstabs zur Untersuchung der möglichen Folgen beschleunigter Entscheidungen.
Die amerikanische Spezialität
Die Vereinigten Staaten sind bekannt für viele Dinge.
Mondlandungen.
Hollywood.
Fast Food.
Und für die bemerkenswerte Fähigkeit, Probleme gleichzeitig maximal zu beschleunigen und maximal zu verzögern.
Raketen gelangen in wenigen Minuten ins All.
Eine Entscheidung kann dagegen mehrere Jahrzehnte benötigen.
Kein Land beherrscht diesen Gegensatz besser.
Es ist ungefähr so, als würde ein Formel-1-Wagen mit 350 km/h auf eine rote Ampel zufahren und dort anschließend 23 Jahre warten.
Genau dieses Gefühl beschreibt die Geschichte eines ganz besonderen Ortes, an dem die Zeit offenbar irgendwann beschlossen hat, selbst in den Ruhestand zu gehen.
Historiker vermuten inzwischen, dass manche Akten dort älter sind als die Smartphones der beteiligten Juristen.
Einige Dokumente sollen noch Datenträger enthalten, die moderne Computer nur noch aus archäologischen Rekonstruktionen kennen.
Gerüchten zufolge wurde kürzlich eine Diskette gefunden.
Sie gilt inzwischen als nationales Kulturgut.
Die Revolution der Sofortentscheidungen
Die Diskussion löste in politischen Kreisen eine wahre Euphorie aus.
Wenn man Verfahren beschleunigen könne, warum dann nicht überall?
Ein Thinktank präsentierte bereits erste Vorschläge.
Baugenehmigungen könnten durch Glücksräder ersetzt werden.
Steuerprüfungen durch Horoskope.
Gerichtsverfahren durch Online-Abstimmungen mit Katzenbildern.
Person A gewinnt.
Person B verliert.
Die Katze bekommt 87 Prozent Zustimmung.
Problem gelöst.
Ein Sprecher erklärte begeistert:
„Wir glauben fest an die Digitalisierung der Gerechtigkeit.“
Der neue Traum der Verwaltung
Besonders begeistert zeigte sich eine kleine Gruppe von Beratern.
Sie arbeiten angeblich bereits an einem revolutionären Projekt namens:
JustizGPT
Das System soll sämtliche Verfahren automatisieren.
Die Eingabe erfolgt über drei Auswahlfelder:
- Problem vorhanden?
- Ja oder Nein?
- Sind wir genervt?
Anschließend berechnet die Software innerhalb von 0,3 Sekunden eine endgültige Entscheidung.
Juristen äußerten vorsichtige Kritik.
Der Entwickler reagierte überrascht:
„Warum? Die KI hat immerhin eine Erfolgsquote von 50 Prozent. Das ist deutlich besser als Münzwurf und nur knapp hinter politischen Talkshows.“
Das große Wettrennen gegen die Realität
Natürlich besitzt die Wirklichkeit eine unangenehme Eigenschaft:
Sie ist kompliziert.
Menschen möchten einfache Antworten.
Die Realität liefert stattdessen Aktenberge.
Man erwartet Klarheit.
Man erhält Zuständigkeiten.
Man sucht Lösungen.
Man findet Ausschüsse.
Irgendwo zwischen den Ordnern, Gutachten und Anhörungen verschwindet dann jede ursprüngliche Idee.
Politiker wechseln.
Regierungen wechseln.
Frisuren wechseln.
Nur die Verfahren bleiben.
Einige Fälle wirken mittlerweile so langlebig, dass Wissenschaftler ihre Aufnahme in die Liste bedrohter Tierarten prüfen.
Tourismus der Zukunft
Experten sehen darin jedoch auch Chancen.
Warum nicht aus der Situation Kapital schlagen?
Man könnte Führungen anbieten.
Besucher erhalten Audioguides.
Station 1:
„Hier sehen Sie den berühmten Flur der offenen Fragen.“
Station 2:
„Links erkennen Sie das legendäre Zimmer der ausstehenden Entscheidungen.“
Station 3:
„Vor Ihnen befindet sich der historische Schreibtisch, auf dem seit mehreren Präsidentschaften dieselbe Akte liegt.“
Kinder erhalten Ermäßigung.
Studenten bekommen Gruppenrabatte.
Juristen dürfen kostenlos hinein, schaffen es aber erfahrungsgemäß nie wieder heraus.
Das Ende der Geduld
Während die einen nach Geschwindigkeit rufen, verteidigen andere jede einzelne Verfahrensstufe wie einen Schatz.
Beide Lager stehen sich inzwischen gegenüber wie zwei Menschen an einer Supermarktkasse.
Der eine möchte sofort bezahlen.
Der andere diskutiert seit 45 Minuten über die Herkunft eines Rabattcoupons.
Dazwischen steht die Gesellschaft und fragt höflich, ob vielleicht irgendwann jemand weitermachen könnte.
Doch genau darin liegt die eigentliche Komik.
Die einen wollen alles sofort.
Die anderen wollen zunächst drei Gutachten, vier Prüfungen und einen parlamentarischen Gesprächskreis.
Am Ende bekommt niemand, was er wollte.
Dafür entstehen weitere Ordner.
Und irgendwo wird gerade ein neues Formular entwickelt, das bestätigt, dass die Entwicklung weiterer Formulare ordnungsgemäß geprüft wurde.
So dreht sich das Rad weiter.
Langsam.
Sehr langsam.
Unfassbar langsam.
Mit einer Geschwindigkeit, die selbst einer Schnecke das Gefühl vermittelt, sie befinde sich in einem Hochgeschwindigkeitszug.
Und während alle auf die endgültige Entscheidung warten, hat die Bürokratie bereits gewonnen.
Denn sie kennt einen Trick, gegen den niemand ankommt:
Wer lange genug wartet, wird irgendwann selbst zur Akte.




