Es gibt Behörden, die arbeiten mit Stempeln.
Es gibt Behörden, die arbeiten mit Formularen.
Und dann gibt es Behörden, bei denen selbst das Formular zunächst einen Antrag auf Genehmigung des Formulars benötigt.
Die moderne Verwaltung hat schließlich ihre Prioritäten.
Ganz oben steht traditionell die Frage:
„Wer ist eigentlich zuständig?“
Erst deutlich später folgt:
„Worum geht es überhaupt?“
Diese Reihenfolge scheint sich weltweit erstaunlicher Beliebtheit zu erfreuen.
Während der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, unabhängige Untersuchungen fordert und mehr Transparenz verlangt, beginnt anderswo vermutlich bereits die Vorbereitung der ersten Koordinierungsrunde zur Vorbereitung eines Vorbereitungsgesprächs.
Schließlich soll nichts überstürzt werden.
Transparenz ist schließlich ein sensibles Gut.
Sie muss geprüft werden.
Genehmigt werden.
Dokumentiert werden.
Archiviert werden.
Und anschließend in einer PDF-Datei veröffentlicht werden, die sich ausschließlich mit dem Internet Explorer öffnen lässt.
Internationale Beobachter sprechen bereits vom sogenannten Bürokratischen Nebelverfahren.
Dabei wird so lange über Abläufe gesprochen, bis niemand mehr weiß, womit alles begonnen hat.
Der eigentliche Star jeder Verwaltung bleibt ohnehin nicht der Mensch.
Es ist die Akte.
Akten haben in Behörden einen beinahe mythischen Status.
Menschen kommen.
Menschen gehen.
Aber Akten bleiben.
Sie wandern zuverlässig durch Abteilungen, sammeln Vermerke, erhalten bunte Klebezettel und entwickeln mit den Jahren mehr Erfahrung als manche Führungskraft.
Insider behaupten sogar, manche Akten würden inzwischen selbstständig Kaffeepausen beantragen.
Besonders faszinierend ist die Sprache offizieller Stellungnahmen.
Kaum taucht ein ernstes Problem auf, erscheinen Formulierungen wie:
„Der Sachverhalt wird geprüft.“
„Die Erkenntnislage entwickelt sich.“
„Eine Bewertung erfolgt zu gegebener Zeit.“
„Der Vorgang befindet sich in Bearbeitung.“
Übersetzt bedeutet das häufig:
„Wir sprechen später noch einmal darüber.“
Kommunikationsberater lieben diese Sätze.
Sie klingen wichtig.
Sie klingen verantwortungsvoll.
Und sie enthalten gleichzeitig ungefähr so viele konkrete Informationen wie ein Horoskop.
Auch internationale Organisationen kennen dieses Phänomen nur zu gut.
Es wird berichtet.
Es wird gefordert.
Es wird appelliert.
Es wird erinnert.
Es wird angemahnt.
Und anschließend beginnt die Suche nach einem geeigneten Konferenzraum.
Manchmal entsteht der Eindruck, dass Sitzungsräume weltweit deutlich schneller verfügbar sind als Antworten.
Dabei wäre manches erstaunlich einfach.
Wenn Fragen offen sind, sollte man sie beantworten.
Wenn Verantwortung ungeklärt ist, sollte man sie klären.
Wenn Transparenz fehlt, sollte man sie schaffen.
Doch diese drei Schritte sind offenbar deutlich weniger beliebt als die Gründung einer interministeriellen Lenkungsgruppe mit drei Unterarbeitskreisen und einer Taskforce für Kommunikationsoptimierung.
Besonders bemerkenswert ist die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der Behörden auf Presseanfragen reagieren können.
Innerhalb weniger Minuten liegt häufig eine perfekt formulierte Erklärung vor.
Leider beantwortet sie meistens exakt keine der gestellten Fragen.
Ein journalistischer Klassiker lautet inzwischen:
Frage:
„Was ist passiert?“
Antwort:
„Wir nehmen die Situation sehr ernst.“
Frage:
„Wer trägt Verantwortung?“
Antwort:
„Die laufenden Prozesse werden evaluiert.“
Frage:
„Wann gibt es Ergebnisse?“
Antwort:
„Zum jetzigen Zeitpunkt können wir dazu keine Angaben machen.“
Man muss die Konsequenz bewundern.
Es ist eine Kunstform.
Fast schon choreografiert.
In manchen Ministerien soll es sogar Fortbildungen geben.
„Ausweichende Antworten für Fortgeschrittene.“
Modul eins:
Wie beantwortet man eine Frage mit möglichst vielen Wörtern und möglichst wenig Inhalt?
Modul zwei:
Die elegante Kunst des Passivs.
Modul drei:
Warum „laufende Prüfung“ nahezu immer funktioniert.
Volker Türk fordert unterdessen unabhängige Untersuchungen und nachvollziehbare Aufklärung.
Eine bemerkenswert einfache Forderung.
Fast schon provokant schlicht.
Denn sie setzt voraus, dass Transparenz nicht nur ein Schlagwort für Pressekonferenzen ist, sondern tatsächlich gelebt wird.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe moderner Politik.
Nicht darin, dass es unterschiedliche Positionen gibt.
Sondern darin, dass alle Seiten Transparenz loben – solange sie nicht unmittelbar die eigene Schreibtischschublade betrifft.
Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Aufklärung nicht irgendwann zwischen Aktenordner Nummer 47 und Formular 12b verloren geht.
Denn Verwaltung kann vieles.
Sie kann Vorgänge nummerieren.
Sie kann Dokumente sortieren.
Sie kann Sitzungen organisieren.
Aber Vertrauen entsteht nicht durch immer neue Aktenvermerke.
Vertrauen entsteht dort, wo Fragen beantwortet und Verantwortung nachvollziehbar übernommen werden.
Und genau das passt auf erstaunlich wenige Formulare.




