In Europa ist ein neuer Volkssport entstanden.
Er wird nicht im Stadion ausgetragen.
Es gibt keine Schiedsrichter.
Keine Nationalmannschaften.
Keine Medaillen.
Und dennoch fließen dort Summen, bei denen selbst Fußballvereine kurz den Taschenrechner hervorholen.
Die Disziplin heißt:
„Wer darf dem Politiker als Erster ins Ohr flüstern?“
Der Wettbewerb erfreut sich wachsender Beliebtheit.
Teilnehmer sind internationale Konzerne, Branchenverbände, Beratungsfirmen, Strategen, Kommunikationsexperten, Experten für Experten sowie Experten, die andere Experten beraten, wie man Experten wird.
Alle verfolgen dasselbe Ziel:
Sie möchten der Politik helfen.
Natürlich völlig selbstlos.
So selbstlos wie ein Fuchs, der freiwillig die Schlüssel für den Hühnerstall verwalten möchte.
Die Geburt einer Idee
Irgendwann muss irgendjemand festgestellt haben, dass Gesetze erstaunlicherweise von Menschen geschrieben werden.
Und Menschen kann man treffen.
Mit Menschen kann man sprechen.
Menschen kann man überzeugen.
Menschen kann man einladen.
Menschen kann man Studien zeigen.
Menschen kann man Präsentationen zeigen.
Menschen kann man noch mehr Präsentationen zeigen.
Und wenn das nicht reicht, kann man ihnen eine Präsentation darüber zeigen, warum die vorherigen Präsentationen unterschätzt wurden.
Damit war eine ganze Industrie geboren.
Die heilige Dreifaltigkeit des Einflusses
Insider berichten, dass erfolgreicher Einfluss auf drei Grundpfeilern beruht:
- Termine.
- Noch mehr Termine.
- PowerPoint.
Besonders PowerPoint gilt als gefürchtete Waffe.
Einige Abgeordnete sollen bereits nach dem dritten Balkendiagramm in einen tranceähnlichen Zustand geraten.
Nach dem fünften Kreisdiagramm stimmen sie versehentlich sogar ihrer eigenen Visitenkarte zu.
Ein Lobbyberater erklärte:
„Die meisten Menschen unterschätzen die Macht einer professionell animierten Folie.“
Dann zeigte er eine Präsentation mit dem Titel:
„Synergistische Chancen transformativer Innovationspotenziale im regulatorischen Umfeld.“
Niemand verstand ein einziges Wort.
Die Präsentation erhielt trotzdem Standing Ovations.
Die Konzerne werden kreativ
Besonders große Technologieunternehmen gelten inzwischen als wahre Meister ihres Fachs.
Sie besitzen Daten.
Sie besitzen Geld.
Sie besitzen Anwälte.
Und vor allem besitzen sie die bemerkenswerte Fähigkeit, jeden Sachverhalt so darzustellen, als würde das gesamte Universum zusammenbrechen, falls ihre Wünsche nicht erfüllt werden.
Ein Sprecher erklärte:
„Unsere Forderungen dienen ausschließlich dem Wohl der Menschheit.“
Auf die Frage, warum dabei zufällig Milliarden zusätzliche Gewinne entstehen würden, antwortete er:
„Das ist reiner Zufall. Wir waren selbst überrascht.“
Der Bürger versucht mitzuhalten
Der durchschnittliche Bürger beschloss irgendwann, ebenfalls Einfluss auszuüben.
Er schrieb eine E-Mail.
Eine freundliche E-Mail.
Mit Argumenten.
Mit Fakten.
Mit Quellen.
Mit konkreten Vorschlägen.
Die Nachricht wurde ordnungsgemäß empfangen.
Anschließend wurde sie ausgedruckt.
Dann eingescannt.
Dann archiviert.
Dann digitalisiert.
Dann zur Sicherheit erneut ausgedruckt.
Danach verschwand sie in einem Aktenschrank, der bereits mehrere Regierungswechsel überlebt hatte.
Dort liegt sie heute zwischen einem Fax von 1998 und einer Anfrage zur Krümmung von Büroklammern.
Die Wissenschaft schlägt zurück
Forscher wollten die Mechanismen des politischen Einflusses genauer untersuchen.
Dazu entwickelten sie ein Experiment.
Ein Politiker wurde in einen Raum gesetzt.
Auf der linken Seite befand sich ein unabhängiger Wissenschaftler.
Auf der rechten Seite ein Konzernvertreter.
Der Wissenschaftler brachte Fakten mit.
Der Konzernvertreter brachte Fakten, Grafiken, Studien, Berater, Kommunikationsstrategen, drei Anwälte, fünf Experten, acht PowerPoint-Präsentationen und ein Catering-Team mit.
Das Ergebnis überraschte niemanden.
Außer den Forschern.
Das Brüsseler Wettrennen
Inzwischen herrscht regelrechte Aufrüstung.
Kaum veröffentlicht ein Unternehmen eine Studie, veröffentlicht ein anderes zwei.
Bringt ein Verband zehn Experten mit, erscheinen die Konkurrenzverbände mit fünfzehn.
Organisiert jemand ein Frühstückstreffen, veranstaltet der Wettbewerber gleich einen Brunch, ein Mittagessen, einen Nachmittagskaffee und ein Networking-Dinner.
Ein Beobachter berichtete:
„Manchmal weiß niemand mehr, worum es ursprünglich ging. Hauptsache, es findet noch ein Termin statt.“
Die Zukunft
Branchenkenner erwarten eine weitere Professionalisierung.
Künstliche Intelligenz wird künftig automatisch erkennen, welcher Entscheidungsträger gerade welchen Kaffee trinkt, welche Schlagwörter er mag und bei welchem Diagramm seine Aufmerksamkeit um 0,3 Prozent steigt.
Anschließend erstellt die Software in Echtzeit eine maßgeschneiderte Präsentation.
Version Blau.
Version Grün.
Version Rot.
Version Gelb.
Version „Bitte nur drei Stichpunkte, ich habe gleich den nächsten Termin“.
Die Technologie gilt als vielversprechend.
Ein Testlauf zeigte beeindruckende Ergebnisse.
Eine Präsentation überzeugte gleichzeitig zwölf Politiker, vier Berater und versehentlich auch den Getränkeautomaten.
Das große Finale
Die eigentliche Meisterleistung besteht jedoch darin, dass sämtliche Beteiligten fest davon überzeugt sind, ausschließlich dem Gemeinwohl zu dienen.
Die Unternehmen dienen dem Gemeinwohl.
Die Berater dienen dem Gemeinwohl.
Die Verbände dienen dem Gemeinwohl.
Die Agenturen dienen dem Gemeinwohl.
Die Lobbyisten dienen dem Gemeinwohl.
Die Experten dienen dem Gemeinwohl.
Lediglich das Gemeinwohl selbst wurde bislang noch nicht dazu befragt.
Es wartet vermutlich irgendwo vor einem Konferenzraum.
Mit einer Besuchermarke um den Hals.
Nummer 438.
Voraussichtliche Wartezeit:
Nur noch sechs bis acht Legislaturperioden.
Bis dahin wird weiter diskutiert.
Weiter beraten.
Weiter analysiert.
Weiter vernetzt.
Und irgendwo in Brüssel öffnet gerade ein Berater seine 427. PowerPoint-Präsentation.
Mit dem beruhigenden Titel:
„Warum mein Auftraggeber zufällig die Lösung für sämtliche Probleme der Menschheit besitzt.“
Das Gemeinwohl hat bereits zugesagt, sich die Folien anzusehen.
Sobald es einen Termin bekommt.




