Deutschland darf aufatmen. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hat eine Steuerreform vorbereitet, die Bürger und Familien entlasten soll. Und weil Deutschland bei Entlastungen traditionell größten Wert darauf legt, dass niemand versehentlich tatsächlich zu viel Geld behält, enthält das Paket selbstverständlich auch neue Belastungen.
Das Finanzministerium verspricht bis 2028 eine Bruttoentlastung von rund zehn Milliarden Euro.
Netto bleiben davon knapp fünf Milliarden.
Damit ist bereits das Grundprinzip erklärt.
Es entspricht einem Restaurant, das jedem Gast einen Gutschein über zehn Euro schenkt und anschließend fünf Euro Bearbeitungsgebühr verlangt.
„Herzlichen Glückwunsch! Sie wurden entlastet.“
Der Bund der Steuerzahler reagiert entsprechend begeistert. Präsident Reiner Holznagel bezeichnet die Pläne als „Scherz oder Provokation“.
Dabei könnte es sich theoretisch auch um beides handeln.
Deutschland wäre schließlich international führend bei der Entwicklung der provokanten Steuersatire mit Gesetzeskraft.
Zehn Milliarden Entlastung – bitte nicht alles ausgeben!
Lars Klingbeils Ministerium rechnet vor, dass Bürger 2028 gegenüber 2026 um etwa zehn Milliarden Euro entlastet werden sollen.
Eine beeindruckende Zahl.
Dann kommt allerdings die Gegenfinanzierung.
Denn eine Steuerentlastung muss selbstverständlich finanziert werden.
Und wer könnte eine Entlastung der Steuerzahler besser finanzieren als:
die Steuerzahler?
Das Konzept ist genial.
Der Staat greift in die linke Hosentasche des Bürgers, legt dort fünf Euro hinein und nimmt aus der rechten sieben heraus.
Anschließend veröffentlicht das Finanzministerium eine 86-seitige Präsentation mit dem Titel:
„Mehr Netto vom Gefühl.“
Kindergeld steigt – Ferrari vermutlich schon bestellt
Familien dürfen sich besonders freuen.
Das Kindergeld soll von derzeit 259 Euro zunächst auf 267 Euro und später auf 272 Euro steigen.
2028 sind das also 13 Euro mehr im Monat.
Eltern sollten dieses Geld keinesfalls leichtfertig verprassen.
Mit 13 Euro lassen sich bei sorgfältiger Planung bereits erhebliche Teile eines Familienlebens finanzieren.
Zum Beispiel ein Käse.
Oder zwei Kugeln Eis für eine vierköpfige Familie, sofern zwei Familienmitglieder nur zuschauen.
Möglicherweise reicht es sogar für einen halben Schulhefter, sobald die Inflation wieder etwas nachlässt.
Das Finanzministerium dürfte deshalb bald eine Warnkampagne starten:
„Kindergelderhöhung nicht auf einmal ausgeben!“
Auch der Arbeitnehmer-Pauschbetrag explodiert förmlich
Der Arbeitnehmer-Pauschbetrag soll von 1.230 auf 1.430 Euro steigen.
Das sind 200 Euro.
Nicht etwa 200 Euro aufs Konto.
Das wäre finanzpolitischer Extremismus.
Nein, 200 Euro mehr Pauschbetrag.
Der deutsche Arbeitnehmer bekommt also kein Geld, sondern das erhebend schöne Gefühl, dass irgendwo in einer Steuerberechnung eine Zahl größer geworden ist.
Wer davon spontan einen Urlaub buchen möchte, sollte vorher seinen Steuerberater konsultieren.
Der erklärt anschließend für 280 Euro, was die 200 Euro gebracht haben.
Kalte Progression? Welche kalte Progression?
Reiner Holznagel kritisiert besonders, dass ein Ausgleich der kalten Progression offenbar nicht vorgesehen ist.
Die kalte Progression ist jene wundervolle steuerpolitische Erscheinung, bei der ein Arbeitnehmer wegen der Inflation mehr Lohn bekommt, dadurch steuerlich höher belastet wird und am Ende feststellt, dass seine Gehaltserhöhung hauptsächlich dem Finanzamt gefallen hat.
Der Chef sagt:
„Glückwunsch, fünf Prozent mehr Gehalt!“
Der Supermarkt sagt:
„Großartig, sechs Prozent mehr Preise!“
Das Finanzamt sagt:
„Wir freuen uns mit Ihnen!“
So entsteht das berühmte deutsche Wohlstandsdreieck.
Alle bekommen mehr.
Nur der Arbeitnehmer nicht.
Die Reichen dürfen ebenfalls teilnehmen
Damit die Reform sozial ausgewogen aussieht, sollen hohe Einkommen stärker belastet werden.
Für Einkommen ab 280.000 Euro ist ein neuer Reichensteuersatz von 47 Prozent vorgesehen.
Damit bekommt Deutschland endlich eine klare Definition von Reichtum:
Reich ist, wer nach seiner Steuererklärung noch genügend Geld besitzt, um jemanden dafür zu bezahlen, die Steuererklärung des nächsten Jahres vorzubereiten.
Wer 280.000 Euro verdient, dürfte künftig also verstärkt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen.
Die Betroffenen werden das verkraften.
Notfalls muss der Drittwagen einen Monat länger gefahren werden.
Deutschland verlangt Opfer von allen.
Handwerker werden wieder interessanter
Gleichzeitig soll die steuerliche Absetzbarkeit von Handwerkerleistungen sinken.
Auch das ist konsequent.
Deutschland beklagt Schwarzarbeit und bekämpft sie seit Jahrzehnten mit einem bewährten Verfahren:
Man macht legale Handwerkerleistungen steuerlich weniger attraktiv.
Das könnte zu interessanten Gesprächen führen.
„Mit Rechnung?“
„Ja.“
„Oder möchten Sie die neue Klingbeil-Entlastungsoption?“
„Was ist das?“
„Dann reden wir beide nie wieder über dieses Gespräch.“
Auch Mini-Jobs und Mitarbeiterrabatte sollen ihren Beitrag zur großen Entlastung leisten.
Man erkennt langsam das Prinzip:
Überall dort, wo noch irgendwo ein kleiner steuerlicher Vorteil herumliegt, wird geprüft, ob er möglicherweise entlastend wirkt.
Falls ja, muss gegengesteuert werden.
Auch Unternehmer im Ruhestand dürfen sich freuen
Kritik gibt es zudem an der geplanten Streichung eines Freibetrags bei der Aufgabe eines Unternehmens im Alter oder bei Krankheit.
Das trifft insbesondere kleinere und mittlere Unternehmer.
Aber auch dafür dürfte Berlin eine kommunikative Lösung finden.
Der Freibetrag wird nicht gestrichen.
Er wird altersgerecht auf null Euro transformiert.
Das klingt sofort freundlicher.
Überhaupt braucht die Reform dringend ein neues Wörterbuch.
Steuererhöhung heißt künftig „Gegenfinanzierung“.
Streichung heißt „Subventionsbereinigung“.
Mehrbelastung heißt „Solidarbeitrag“.
Und wenn jemand am Ende weniger Geld besitzt als vorher, handelt es sich um eine:
„fiskalisch aktivierte Eigenverantwortung“.
Die perfekte deutsche Steuerreform
Damit hat Lars Klingbeil im Grunde die perfekte deutsche Steuerreform geschaffen.
Sie entlastet.
Sie belastet.
Sie erhöht Freibeträge.
Sie streicht Vergünstigungen.
Sie gibt zehn Milliarden.
Sie holt ungefähr die Hälfte wieder zurück.
Und am Ende benötigt jeder Bürger einen Taschenrechner, einen Steuerberater und möglicherweise ein abgeschlossenes Mathematikstudium, um herauszufinden, ob er sich freuen soll.
Das Finanzministerium könnte sich die komplizierten Berechnungen allerdings sparen.
Für deutsche Steuerreformen gibt es seit Jahrzehnten eine deutlich einfachere Formel:
Der Staat sagt: „Sie werden entlastet.“
Der Bürger fragt: „Um wie viel?“
Der Staat antwortet:
„Das hängt davon ab.“
Und genau in diesem Moment weiß der erfahrene deutsche Steuerzahler:
Es wird teuer.




