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KOLUMNE

Bundeswahlleiter führt den Wahrheits-TÜV ein – Wahlplakate bekommen jetzt einen Ehrlichkeitsaufkleber

admin · 20.07.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Der Wahrheits-TÜV für Wahlplakate kommt
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Deutschland ist bekannt für Brot.

Für Autos.

Für Bürokratie.

Und dafür, dass selbst ein Gartenzwerg wahrscheinlich eine Bedienungsanleitung besitzt.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis jemand eine der letzten großen Lücken im deutschen Verwaltungsrecht schloss.

Wahlplakate erhalten künftig einen offiziellen Wahrheitsgehalt.

Nicht freiwillig.

Verpflichtend.

Jedes Plakat muss künftig sichtbar kennzeichnen, wie realistisch seine Aussagen tatsächlich sind.

Die Entscheidung fiel nach jahrelangen Beratungen einer eigens eingerichteten Expertenkommission.

Sie bestand aus Juristen, Statistikern, Verwaltungsbeamten, drei Mathematikprofessoren und einer Person, die freiwillig sämtliche Wahlprogramme der vergangenen vierzig Jahre gelesen hatte.

Sie gilt seitdem offiziell als vermisst.

Das neue System orientiert sich an den bekannten Energieeffizienzklassen.

Allerdings nicht für Kühlschränke.

Sondern für Wahlversprechen.

Klasse A+

"Mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichbar."

Klasse B

"Könnte funktionieren, wenn wirklich alles perfekt läuft."

Klasse C

"Erfordert mehrere Wunder und mindestens zwei neue Naturgesetze."

Klasse D

"Sehr ambitioniert."

Klasse E

"Bitte setzen Sie sich vorher."

Klasse F

"War vermutlich als Kabarett gemeint."

Klasse G

"Diese Aussage entstand unter erheblichem Einfluss von Wahlkampf."

Schon wenige Stunden nach der Bekanntgabe herrschte hektische Betriebsamkeit in sämtlichen Parteizentralen.

Pressestellen überprüften Plakate.

Juristen überprüften die Pressestellen.

Faktenchecker überprüften die Juristen.

Und irgendwo saß ein Praktikant mit einem Textmarker und murmelte verzweifelt:

"Wo fängt Optimismus an und wo hört Fantasie auf?"

Die erste Partei reichte stolz ihr neues Plakat ein.

Darauf stand:

"Wir lösen alle Probleme."

Nach kurzer Prüfung vergab die Bundeswahlleitung den Ehrlichkeitswert:

0,8 Prozent.

Mit dem Zusatz:

"Rundungsfehler möglich."

Eine andere Partei versprach:

"Bürokratie abbauen."

Die zuständige Prüfbehörde eröffnete daraufhin zunächst ein Genehmigungsverfahren.

Nach 27 Formularen und vier Anhörungen kam sie zu dem Ergebnis:

"Bearbeitung dauert noch."

Besonders schwierig wurde die Bewertung klassischer Wahlkampfsätze.

"Wir entlasten alle."

Nachweis?

Bitte Anlage 17b.

"Deutschland wird moderner."

Definition von "modern" bitte in dreifacher Ausfertigung.

"Niemand wird vergessen."

Die Datenschutzbeauftragte verlangt zunächst eine Liste aller Betroffenen.

Natürlich blieb es nicht bei Prozentwerten.

Jedes Wahlplakat erhält künftig einen ausführlichen QR-Code.

Wer ihn scannt, landet direkt auf einer offiziellen Informationsseite.

Dort erscheinen unter anderem:

  • Wahrscheinlichkeit der Umsetzung.
  • Voraussichtliche Kosten.
  • Benötigte Koalitionspartner.
  • Geschätzte Anzahl erforderlicher Pressekonferenzen.
  • Wahrscheinlichkeit, dass nach der Wahl plötzlich etwas ganz anderes Priorität besitzt.

Politische Strategen reagierten erstaunlich kreativ.

Statt großer Versprechen formulieren sie künftig vorsichtiger.

"Wir prüfen die Möglichkeit, eventuell unter günstigen Umständen darüber nachzudenken, ob Verbesserungen denkbar erscheinen."

Wahrheitsgehalt:

98 Prozent.

Verständlichkeit:

4 Prozent.

Kommunikationsberater feierten das sofort als großen Erfolg.

Die Werbebranche entwickelte parallel neue Plakatdesigns.

Oben der Slogan.

Darunter in winziger Schrift:

"Kann Spuren von Realität enthalten."

Einige Parteien beschlossen sogar, besonders ehrlich aufzutreten.

Ein erstes Testplakat lautete:

"Wir wissen auch nicht genau, wie das funktionieren soll."

Die Umfragewerte stiegen überraschend.

Offenbar wirkt Ehrlichkeit auf viele Menschen inzwischen exotischer als jedes Wahlversprechen.

Besonders beschäftigt zeigte sich der Deutsche Wetterdienst.

Denn erstmals musste geklärt werden, ob Aussagen wie:

"Morgen wird alles besser."

unter das Wahlrecht oder die Meteorologie fallen.

Die Zuständigkeit blieb ungeklärt.

Im Bundestag wurde daraufhin eine Enquete-Kommission eingerichtet.

Laufzeit:

Sechs Legislaturperioden.

Die Opposition verlangte selbstverständlich strengere Regeln.

Jede Aussage solle zusätzlich eine Fußnote erhalten.

Beispielsweise:

"Gilt nur bei stabilem Wirtschaftswachstum, internationalem Frieden, günstigen Zinsen und guter Laune aller Koalitionspartner."

Die Regierungsfraktionen hielten dagegen.

Das Plakat würde dadurch größer als ein Mehrfamilienhaus.

Das Bauministerium bestätigte diese Einschätzung.

Kommunen mussten sich ebenfalls vorbereiten.

Die Litfaßsäulen reichen künftig nicht mehr aus.

Für Wahlplakate mit vollständigen Erläuterungen werden künftig mehrstöckige Gerüste benötigt.

Einige Städte prüfen bereits, ob ehemalige Windkraftanlagen umfunktioniert werden können.

Fernsehduelle verändern sich ebenfalls.

Moderator:

"Sie versprechen sinkende Steuern."

Politiker:

"Ja."

Moderator:

"Der Wahrheits-TÜV gibt 23 Prozent."

Politiker:

"Wir arbeiten an einem Software-Update."

Die Wissenschaft erhielt eine völlig neue Aufgabe.

Ein Institut entwickelte den Politischen Wahrheits-Scanner 3000.

Er analysiert Mimik, Wortwahl, historische Wahlprogramme und den durchschnittlichen Abstand zur nächsten Wahl.

Trefferquote:

Beeindruckende 94 Prozent.

Bei besonders kreativen Wahlkampfslogans beginnt das Gerät allerdings leise zu lachen.

Internationale Aufmerksamkeit ließ nicht lange auf sich warten.

Delegationen aus aller Welt reisten nach Berlin.

Frankreich wollte wissen, ob Charme den Wahrheitswert erhöht.

Großbritannien fragte nach Sonderregelungen für Wahlkampfbusse.

Die Schweiz beantragte zunächst ein Gutachten.

Die Europäische Union gründete vorsorglich eine Arbeitsgruppe.

Laufzeit:

Offen.

Besonders beliebt wurde schließlich der neue Plakat-Check für Bürger.

Per Smartphone lässt sich jedes Wahlversprechen sofort bewerten.

Neben der Wahrheitsskala erscheinen zusätzliche Hinweise.

"Historisch schon zwölfmal versprochen."

"Zuletzt gesehen im Wahlkampf 1998."

"Kompatibel mit maximal zwei Koalitionspartnern."

"Enthält Spuren von Wunschdenken."

Der größte Schock traf allerdings die Druckereien.

Sie mussten plötzlich viel kleinere Schriftgrößen beherrschen.

Denn unter jedem Slogan erscheinen nun mehrere Seiten Erläuterungen.

Ein Wahlplakat ähnelt inzwischen weniger einer Werbefläche als einer wissenschaftlichen Dissertation mit Ampelsystem.

Am Ende stellte der Bundeswahlleiter zufrieden fest, das neue System funktioniere hervorragend.

Die Bürger seien deutlich besser informiert.

Die Parteien formulierten vorsichtiger.

Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten dauerten Wahlkampfreden doppelt so lange.

Nicht wegen neuer Ideen.

Sondern weil nach jedem Satz zunächst der amtlich bestätigte Wahrheitswert vorgelesen werden musste.

Einige Politiker vermissen die alte Zeit.

Damals genügte ein knackiger Slogan.

Heute braucht man zusätzlich einen Taschenrechner, drei Gutachter und eine Genehmigung des Wahrheits-TÜV.

Dafür weiß der Wähler künftig wenigstens ganz genau, woran er ist.

Oder zumindest mit welcher Wahrscheinlichkeit.

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