In Alabama wurde erneut Geschichte geschrieben. Nicht etwa durch eine spektakuläre Mondlandung, eine medizinische Sensation oder die Entdeckung einer dritten politischen Meinung zwischen Republikanern und Demokraten. Nein. Diesmal sorgte die ehrwürdige Wissenschaft des Wahlkreiszeichnens für Aufsehen.
Der Supreme Court gab grünes Licht für neue Wahlkreise. Damit dürfen Karten verwendet werden, die von ihren Schöpfern vermutlich mit der gleichen Hingabe gestaltet wurden wie moderne Kunstwerke, abstrakte Tapetenmuster oder die Wegführung in einem schwedischen Möbelhaus.
Für Außenstehende wirken solche Wahlkreisgrenzen oft wie das Ergebnis eines heftigen Erdbebens, das anschließend von einem hyperaktiven Tintenfisch nachbearbeitet wurde. Doch Kenner wissen: Hinter jeder krummen Linie steckt politische Präzisionsarbeit.
Experten beschreiben das Verfahren als „Gerrymandering“. Normale Menschen beschreiben es als „Moment mal, warum sieht dieser Bezirk aus wie ein betrunkener Seestern auf einem Skateboard?“
In Alabama war die Angelegenheit besonders spannend. Ein Bundesgericht hatte die Karte zunächst gestoppt. Es vertrat die Ansicht, dass schwarze Wähler benachteiligt werden könnten. Ihre Stimmen würden auf verschiedene Bezirke verteilt und dadurch an Einfluss verlieren.
Die Befürworter der Karte sahen das naturgemäß anders.
„Das ist keine Benachteiligung“, erklärte ein fiktiver Wahlkreisarchitekt. „Wir haben lediglich die geografische Realität berücksichtigt.“
Auf Nachfrage, warum ein Bezirk gleichzeitig an einen Kaktus, einen Staubsaugeraufsatz und den Umriss eines erschrockenen Eichhörnchens erinnere, antwortete er: „Reiner Zufall.“
Politische Beobachter sind inzwischen überzeugt, dass moderne Wahlkreiszeichnungen zu den kreativsten Kunstformen des 21. Jahrhunderts gehören.
Während Maler Leinwände verwenden, arbeiten Strategen mit Bevölkerungsdaten.
Während Bildhauer Marmor bearbeiten, bearbeiten Politiker Wahllisten.
Und während normale Menschen Straßenkarten benutzen, erschaffen Wahlkreisdesigner geografische Abenteuerreisen.
In einem Bezirk beginnt man angeblich in einer Vorstadt, fährt drei Stunden durch Wälder, überquert zwei Flüsse, umrundet einen Golfplatz und landet schließlich in einem völlig anderen Teil des Bundesstaates – nur um festzustellen, dass man immer noch im selben Wahlkreis ist.
Tourismusverbände denken bereits über neue Angebote nach.
„Erleben Sie den Wahlkreis von innen!“, könnte ein Werbeslogan lauten.
Mit Zwischenstopps an den interessantesten Grenzkurven und einem Souvenirpaket bestehend aus Zirkel, Lineal und einem Parteibuch.
Die Entscheidung kommt zu einem politisch günstigen Zeitpunkt.
Im November werden die Zwischenwahlen stattfinden. Dann entscheidet sich, wer künftig im Repräsentantenhaus das Sagen hat.
Für Präsident Donald Trump und die Republikaner ist das von großer Bedeutung. Denn Politik macht bekanntlich deutlich mehr Spaß, wenn die eigenen Gesetzesvorhaben nicht ständig auf Gegenwind treffen.
Entsprechend aufmerksam verfolgt man jede einzelne Linie auf der Landkarte.
Früher stritten Politiker über Inhalte.
Heute diskutiert man zusätzlich darüber, ob die Kurve hinter dem Supermarkt vielleicht noch einen kleinen Schlenker nach links oder rechts machen sollte.
Denn manchmal entscheidet nicht der Kandidat über den Wahlausgang.
Manchmal entscheidet die Geometrie.
Mathematiklehrer weltweit fühlen sich dadurch endlich gewürdigt.
Jahrzehntelang mussten sie erklären, warum Winkelberechnungen wichtig sind.
Nun können sie sagen:
„Seht ihr? Mit dem richtigen Polygon kann man möglicherweise ein ganzes Parlament beeinflussen.“
Auch andere Bundesstaaten sind längst auf den Geschmack gekommen.
In Virginia wurde kürzlich eine Reform zugunsten der Demokraten von einem Gericht kassiert.
Anderswo versuchen Republikaner, ihre Chancen zu verbessern.
Wieder anderswo versuchen Demokraten genau dasselbe.
Der Unterschied besteht häufig lediglich darin, welche Pressekonferenz gerade stattfindet.
Beobachter sprechen deshalb inzwischen von einem regelrechten Wettrennen der Kartografen.
Während Sportler bei Olympia um Gold kämpfen, kämpfen politische Strategen um besonders elegante Wahlkreisformen.
Insider berichten sogar von geheimen Wettbewerben.
Kategorien sollen sein:
- Längster zusammenhängender Bezirk
- Kreativste Grenzführung
- Wahlkreis mit den meisten unerwarteten Kurven
- „Wie konnte das jemals genehmigt werden?“ Sonderpreis
Der Publikumsliebling bleibt allerdings die Disziplin „Unsichtbare Logik“.
Hier gewinnt die Karte, deren Begründung niemand versteht, die aber trotzdem vollkommen legal ist.
Besonders beeindruckend ist die Leidenschaft, mit der beide politischen Lager ihre Karten verteidigen.
Wenn die eigene Partei profitiert, spricht man von fairer Repräsentation.
Wenn die andere Partei profitiert, spricht man von einem Angriff auf die Demokratie.
Diese Regel gilt seit Jahrzehnten zuverlässig und gehört zu den stabilsten Traditionen des politischen Systems.
Politikwissenschaftler haben deshalb vorgeschlagen, Wahlkreisgrenzen künftig von unabhängigen Kommissionen festlegen zu lassen.
Andere schlagen vor, die Karten von gelangweilten Grundschülern malen zu lassen.
Wieder andere möchten einfach einen Würfel werfen.
Manche Umfragen deuten darauf hin, dass die Ergebnisse erstaunlich ähnlich ausfallen könnten.
Währenddessen blickt ganz Amerika gespannt auf die kommenden Zwischenwahlen.
Die Republikaner hoffen, ihre Mehrheiten zu sichern.
Die Demokraten hoffen auf Zugewinne.
Und Millionen Bürger hoffen vor allem darauf, irgendwann einmal einen Wahlkreis zu sehen, der aussieht wie ein Wahlkreis und nicht wie das Ergebnis einer nächtlichen Begegnung zwischen einem GPS-Gerät und einem expressionistischen Künstler.
Bis dahin bleibt die Wahlkreisreform eine einzigartige Mischung aus Politik, Mathematik, Geografie und kreativer Linienführung.
Und vielleicht ist genau das die wahre amerikanische Innovation:
Nicht die Frage, wer die Wahl gewinnt.
Sondern die Frage, wie viele erstaunliche Formen eine Landkarte annehmen kann, bevor jemand bemerkt, dass sie eigentlich ein politisches Instrument geworden ist.
Wenn die Demokratie ein Spielbrett ist, dann haben einige ihrer Spieler offenbar beschlossen, zuerst die Felder neu zu zeichnen – und erst danach die Würfel zu werfen.




