Niemand ahnte etwas.
Die Sonne schien.
Der Chiemsee glitzerte.
Musikkapellen stimmten ihre Instrumente.
Kinder schleckten Eis.
Rentner diskutierten darüber, ob früher wirklich alles besser gewesen sei.
Und irgendwo in einem Gebüsch wartete offenbar ein Mann.
Nicht mit einem Transparent.
Nicht mit einem Megafon.
Nicht einmal mit einer Trillerpfeife.
Sondern mit einer Tomate.
Genau an diesem Punkt verabschiedete sich die Wahrscheinlichkeit höflich aus der Geschichte.
Markus Söder war nach Bernau am Chiemsee gekommen, um das 1.100-jährige Jubiläum der Gemeinde zu besuchen.
Ein Termin, wie ihn Politiker ständig absolvieren.
Händeschütteln.
Lächeln.
Ein paar Fotos.
Ein kurzer Plausch.
Vielleicht ein Stück Kuchen.
Anschließend weiter zum nächsten Termin.
So zumindest der ursprüngliche Plan.
Doch irgendwo zwischen Blasmusik und Festzelt hatte offenbar jemand beschlossen, Gemüse in die politische Debatte einzubringen.
Nicht metaphorisch.
Sehr praktisch.
Man stelle sich den geheimnisvollen Tomatenwerfer einmal vor.
Er sitzt im Gebüsch.
Regungslos.
Vielleicht seit Minuten.
Vielleicht seit Stunden.
Möglicherweise begleitet von einer Fliege, die sich ebenfalls fragt:
"Warum macht der das?"
Der Mann beobachtet jede Bewegung.
Er wartet.
Nicht auf das perfekte politische Argument.
Nicht auf den richtigen Moment für eine Diskussion.
Sondern auf die ideale Flugbahn für eine Salattomate.
James Bond hätte spätestens an dieser Stelle den Einsatz abgebrochen.
Zu unrealistisch.
Dann erscheint Markus Söder.
Begleitet von Daniela Ludwig, Daniel Artmann und Sebastian Friesinger.
Alle vier wirken entspannt.
Niemand ahnt, dass sie sich in wenigen Sekunden mitten in der ersten Gemüsekrise des Tages befinden werden.
Plötzlich raschelt das Gebüsch.
Normalerweise bedeutet das am Chiemsee:
Ein Igel.
Eine Ente.
Oder ein Tourist auf der Suche nach der Toilette.
Diesmal jedoch springt ein Mann hervor.
Und zwar mit jener Entschlossenheit, die man sonst nur Menschen zuschreibt, die den letzten freien Liegestuhl am Hotelpool entdeckt haben.
Die Sicherheitskräfte registrieren Bewegung.
Instinktiv gehen sie in Alarmbereitschaft.
Vielleicht rechnen sie mit einem Banner.
Mit einem Farbbeutel.
Mit einem Selfie-Stick.
Niemand rechnet ernsthaft mit Obst... beziehungsweise Gemüse.
Dann hebt sich ein Arm.
Die Tomate startet.
Man möchte fast glauben, sie habe unterwegs noch kurz überlegt, ob sie diesen Karriereweg wirklich einschlagen möchte.
Schließlich war ursprünglich vermutlich ein würdevoller Ruhestand in einer Bruschetta vorgesehen.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Der Flug dauerte nur einen Augenblick.
In Zeitlupe allerdings vermutlich mehrere Fernsehminuten.
Meteorologen berechnen später Windrichtung.
Physiker diskutieren Rotationsgeschwindigkeit.
Gemüsehändler sprechen von einem tragischen Verlust.
Und irgendwo schreibt bereits ein Drehbuchautor begeistert mit.
Treffer.
Nicht spektakulär.
Nicht explosiv.
Sondern am linken Ohr von Markus Söder.
Damit dürfte dieses Körperteil offiziell zum ersten Ohr der Bundesrepublik geworden sein, das unfreiwillig Teil eines Gemüsewurfs wurde.
Markus Söder reagierte bemerkenswert unspektakulär.
Kein dramatischer Blick zum Himmel.
Keine heroische Ansprache.
Keine Forderung nach einer parlamentarischen Untersuchungskommission für aggressive Nachtschattengewächse.
Er griff einfach zu einem Tuch.
Wischte die Tomatenreste weg.
Und setzte seinen Weg fort.
Es war ungefähr dieselbe Gelassenheit, mit der andere Menschen einen kleinen Regenschauer kommentieren.
Der eigentliche Schock traf ohnehin die Sicherheitskräfte.
Sie hatten den Werfer innerhalb kürzester Zeit überwältigt.
Doch anschließend mussten sie vermutlich einen Einsatzbericht schreiben.
Tatmittel:
Tomate.
Farbe:
Rot.
Konsistenz:
Überdurchschnittlich reif.
Schadensbild:
Leichte Gemüserückstände.
Gefährdung:
Vorübergehender Verlust der makellosen Frisurenästhetik.
Die Einsatzakte dürfte später versehentlich zwischen "Gefährliche Gegenstände" und "Schweres Gerät" einsortiert worden sein.
Im Landeskriminalamt begann unterdessen die kriminaltechnische Aufarbeitung.
Spezialisten untersuchten Tomatenreste.
Botaniker wurden hinzugezogen.
Ein Sachverständiger erklärte, anhand der Konsistenz könne man möglicherweise den Reifegrad bestimmen.
Ein anderer fragte vorsichtig:
"Brauchen wir dafür wirklich acht Beamte?"
Die Antwort lautete selbstverständlich:
"Es ist Bayern."
Währenddessen veröffentlichte Markus Söder Fotos vom Jubiläumsfest.
Kein Wort über den Vorfall.
Das war ungefähr so, als würde jemand nach einer Begegnung mit einem Nilkrokodil lediglich schreiben:
"Schöner Nachmittag am Wasser."
Diese Gelassenheit sorgte bundesweit für Bewunderung.
Kommunikationsberater waren irritiert.
Normalerweise folgt auf jedes ungewöhnliche Ereignis mindestens ein ausführliches Statement.
Hier dagegen offenbar nur:
Weitergehen.
Lächeln.
Termin abhaken.
Die eigentlichen Opfer dieses Tages waren allerdings die Tomaten.
Seit Jahrhunderten kämpfen sie darum, als vielseitiges Lebensmittel wahrgenommen zu werden.
Salat.
Pizza.
Pasta.
Suppen.
Nun droht ihnen plötzlich ein völlig neues Image.
Der Deutsche Gemüsehandel reagierte alarmiert.
Eine Pressemitteilung stellte klar:
"Tomaten möchten grundsätzlich gegessen und nicht geworfen werden."
Auch italienische Köche meldeten sich empört.
"Eine gute Tomate hat Besseres verdient."
Supermärkte prüfen inzwischen neue Sicherheitsmaßnahmen.
Tomaten sollen künftig ausschließlich einzeln verkauft werden.
Ab einer Menge von drei Stück erfolgt automatisch eine Nachfrage.
"Planen Sie einen Salat?"
"Ja."
"Sind Sie sicher?"
"Natürlich."
"Gut... wir mussten fragen."
Tourismusverbände am Chiemsee versuchen derweil, das Beste aus der Situation zu machen.
Neue Stadtführungen sind bereits geplant.
"Historische Orte besonderer Gemüseflugbahnen."
Mit Audioguide.
Originalschauplatz.
Und einem Gebüsch, das inzwischen vermutlich häufiger fotografiert wird als manche Sehenswürdigkeit.
Kinder erhalten dort kleine Stofftomaten als Souvenir.
Die echte Ware bleibt vorsorglich im Kühlschrank.
Auch Daniela Ludwig, Daniel Artmann und Sebastian Friesinger werden den Tag vermutlich nicht vergessen.
Nicht wegen der Festrede.
Nicht wegen der Jubiläumsfeier.
Sondern weil künftig jede Einladung zu einer Dorfveranstaltung mit einer zusätzlichen Sicherheitsfrage beginnt.
"Liegt irgendwo frisches Gemüse herum?"
Falls ja, wird zunächst der Kartoffelsalat kontrolliert.
Am Ende bleibt eine wichtige Erkenntnis.
Politische Auseinandersetzungen leben von Argumenten.
Von Debatten.
Von Diskussionen.
Sobald allerdings Tomaten beginnen, Wahlkampf zu betreiben, hat die Gemüseabteilung eindeutig zu viel Mitspracherecht erhalten.
Die betreffende Tomate selbst konnte für eine Stellungnahme leider nicht mehr erreicht werden.
Sie hatte ihre politische Laufbahn bereits nach ihrem ersten und letzten Einsatz beendet.
Man sagt, sie sei inzwischen Bestandteil der örtlichen Kompostwirtschaft.
Dort soll sie endlich den Frieden gefunden haben, der ihr im Wahlkampf verwehrt geblieben war.




