Es gibt Bundeskanzler, die regieren ein Land.
Dann gibt es Friedrich Merz.
Der regiert neuerdings offenbar auch gleich die Weltmeere.
Kaum hatte sich irgendwo zwischen Afrika und der Arabischen Halbinsel die Lage zugespitzt, öffnete sich im Kanzleramt vermutlich eine bis dahin streng geheime Stahltür.
Dahinter befand sich das Bundesamt für Spontane Weltrettung.
Ein Raum voller Seekarten.
Drei Globen.
Sieben Ferngläser.
Und ein Mitarbeiter, dessen einzige Aufgabe darin besteht, dramatisch auf Landkarten zu zeigen.
„Herr Bundeskanzler!“
„Ja?“
„Das Rote Meer!“
„Schon wieder?“
„Es ist immer noch rot.“
„Dann brauchen wir sofort eine Erklärung!“
Innerhalb weniger Sekunden begann hektische Betriebsamkeit.
Referenten rannten mit Aktenordnern durch die Flure.
Ein Praktikant suchte verzweifelt nach einem Atlas.
Ein anderer googelte vorsichtshalber noch einmal den Unterschied zwischen Backbord und Steuerbord.
Man möchte schließlich vorbereitet sein.
Im Pressezentrum wurde währenddessen fieberhaft an einer Stellungnahme gearbeitet.
Denn eines hat die moderne Politik perfektioniert:
Die Geschwindigkeit, mit der Erklärungen entstehen.
Früher brauchte man Wochen für diplomatische Schreiben.
Heute genügt offenbar die Zeit zwischen zwei Espressi.
Im Kanzleramt existiert dafür vermutlich längst ein Computerprogramm.
Man wählt einfach ein Konfliktgebiet aus.
Dann erscheinen automatisch Textbausteine.
☑ Sorge ausdrücken
☑ Schärfstens verurteilen
☑ Solidarität bekunden
☑ Regionale Stabilität erwähnen
☑ Freiheit hervorheben
Fertig.
Druck auf „Senden“.
Außenpolitik abgeschlossen.
Währenddessen dürfte irgendwo ein Beamter leise gefragt haben:
„Sollten wir vielleicht vorher prüfen, ob die Seekarte richtig herum liegt?“
Doch dafür blieb keine Zeit.
Die Welt wartete schließlich auf Deutschland.
Zumindest glaubte Deutschland das.
Besonders faszinierend ist ohnehin die Sprache offizieller Erklärungen.
Sie klingt stets so, als würden sämtliche Außenminister der Erde gleichzeitig einen Benimmkurs besuchen.
Niemand wird laut.
Niemand schreit.
Stattdessen entstehen Sätze, die so geschniegelt wirken, dass sie vermutlich morgens selbst ihre Krawatte bügeln.
Man stelle sich dieselbe Sprache einmal im Alltag vor.
Der Nachbar mäht sonntags den Rasen.
Man klingelt.
„Ich verurteile Ihre Lärmemissionen auf das Schärfste.“
„Sie müssen unverzüglich eingestellt werden.“
„Jede Form akustischer Dominanz ist inakzeptabel.“
Der Nachbar nickt höflich.
Schließt den Rasenmäher aus.
Und schreibt anschließend eine Pressemitteilung.
Im Roten Meer selbst dürfte sich unterdessen ein Frachtschiff gewundert haben.
„Moment...“
„Jetzt interessiert sich plötzlich sogar Berlin für uns?“
Der Kapitän blickte vermutlich kurz Richtung Horizont.
Dann auf die Nachrichten.
Dann wieder aufs Meer.
„Na gut... immerhin weiß jetzt jemand, dass wir existieren.“
Währenddessen entwickelte sich das Kanzleramt langsam zur Marinebasis ohne Wasser.
Ein Mitarbeiter rollte ein Fernrohr herein.
Ein anderer trug einen Rettungsring.
Niemand wusste warum.
Aber es sah entschlossen aus.
Friedrich Merz soll angeblich kurz gefragt haben:
„Brauchen wir eigentlich eine Flotte?“
Ein Referent antwortete:
„Nein.“
„Gut.“
„Aber vielleicht eine größere Weltkarte.“
„Bestellen.“
Die eigentlichen Gewinner solcher Tage sind allerdings stets die Hersteller von Pinnnadeln.
Kaum entsteht irgendwo eine internationale Krise, landet sie wenig später auf einer riesigen Karte im Lagezentrum.
Rote Stecknadel.
Gelbe Stecknadel.
Blaue Stecknadel.
Am Ende sieht die Weltkarte aus wie das Nadelkissen eines besonders nervösen Schneiders.
Natürlich bekundete Deutschland Solidarität.
Das gehört mittlerweile zur außenpolitischen Grundausstattung wie Kaffee zur Ministerkonferenz.
Man steht solidarisch an der Seite.
Diplomatisch.
Besonnen.
Und möglichst mit ernster Miene.
Man könnte fast glauben, im Kanzleramt existiere ein eigener Workshop:
„Professionelles Ernstschauen für Fortgeschrittene.“
Unterrichtseinheit eins:
Nachdenklich aus dem Fenster blicken.
Unterrichtseinheit zwei:
Langsam nicken.
Unterrichtseinheit drei:
Mit verschränkten Armen auf eine Weltkarte schauen.
Prüfung bestanden.
Außenpolitische Einsatzfähigkeit erreicht.
Besonders spannend bleibt allerdings die deutsche Leidenschaft für Formulierungen.
Andere Länder schicken Flugzeugträger.
Deutschland schickt zunächst Hauptsätze.
Sehr gut formulierte Hauptsätze.
Mit Nebensatz.
Und Komma.
Nicht selten entsteht dabei der Eindruck, deutsche Diplomatie könne notfalls sogar einen Vulkan höflich um Entschuldigung bitten.
„Sehr geehrter Ausbruch,
wir betrachten Ihre jüngsten Aktivitäten mit großer Sorge.
Mit freundlichen Grüßen,
die Bundesregierung.“
Während sich internationale Analysten mit Sicherheitsfragen beschäftigten, diskutierten Beamte vermutlich noch darüber, ob das Wort „unverzüglich“ energischer klingt als „umgehend“.
Darüber kann man in Ministerien erstaunlich lange sprechen.
Stunden.
Mit Arbeitsgruppe.
Und Unterausschuss.
Irgendwo wurde sicherlich eine Präsentation erstellt.
Folie eins:
„Schärfstens.“
Folie zwei:
„Äußerst schärfstens.“
Folie drei:
„Maximal schärfstens.“
Die Sitzung endete ergebnisoffen.
Am Ende bleibt allerdings ein tröstlicher Gedanke.
Egal, wo auf der Welt etwas passiert – früher oder später erscheint eine Erklärung aus Berlin.
Sie reist schneller als manches Frachtschiff.
Zuverlässiger als manche Wettervorhersage.
Und pünktlicher als so mancher Regionalzug.
Vielleicht eröffnet das Kanzleramt deshalb bald sogar einen neuen Dienst.
Den Bundesweiten Stellungnahmenotdienst.
Rund um die Uhr erreichbar.
Konflikt gemeldet?
Fünf Minuten später steht bereits eine perfekt formulierte Erklärung bereit.
Mit ernstem Blick.
Vier Absätzen.
Und einer Extraportion diplomatischer Entschlossenheit.
Bis dahin bleibt Friedrich Merz vermutlich regelmäßig vor der großen Weltkarte stehen.
Mit verschränkten Armen.
Neben einem Globus.
Vor einem Stapel Pressemitteilungen.
Und fragt in die Runde:
„Gibt es irgendwo noch ein Meer, das heute keine Erklärung aus Berlin bekommen hat?“
Betretenes Schweigen.
Dann hebt hinten ein Referent vorsichtig die Hand.
„Die Nordsee ist heute erstaunlich ruhig.“
Friedrich Merz nickt.
„Gut.“
„Aber behalten Sie sie im Auge.“
„Man weiß schließlich nie.“




