Deutschland hat seit Jahrzehnten eine komplizierte Beziehung zu seiner Geschichte. Sie soll erinnert werden, aufgearbeitet werden, sichtbar bleiben – aber offenbar möglichst so, dass niemand versehentlich beim Bäcker darüber nachdenken muss.
Im sächsischen Heidenau hat der Stadtrat deshalb eine bemerkenswerte Innovation der Erinnerungskultur entwickelt:
Gedenken ja. Aber bitte dort, wo es beim täglichen Leben nicht stört.
Neue Stolpersteine sollen im öffentlichen Straßenraum künftig nicht mehr verlegt werden. Stattdessen wird über zentralere Formen des Erinnerns nachgedacht. Als möglicher Ort ist unter anderem ein Friedhof im Gespräch.
Damit könnte ein völlig neues kommunales Konzept entstehen:
Erinnerung mit Öffnungszeiten.
Die Stolpersteine haben nämlich einen lästigen konstruktiven Fehler. Sie liegen genau dort, wo Menschen wohnen, einkaufen, arbeiten und ihren Alltag verbringen.
Man könnte also plötzlich auf dem Weg zum Supermarkt mit Geschichte konfrontiert werden.
Völlig unpraktisch.
Wer wollte schließlich beim Brötchenholen daran erinnert werden, dass dort einst ein Mensch lebte, der verfolgt, deportiert oder ermordet wurde?
Viel ordentlicher wäre ein zentraler Gedenkbereich.
Schön zusammengefasst.
Vergangenheit kompakt.
Am besten mit Parkplatz.
Besonders bemerkenswert ist die Begründung, auf den kleinen Gedenkplatten werde herumgetreten. Genau dieses Argument gehört seit Langem zur Debatte um Stolpersteine; Kritiker sehen das Betreten als respektlos, Befürworter gerade die Einbettung in den Alltag als Stärke des Projekts.
Damit eröffnet sich ein völlig neues Feld deutscher Stadtplanung.
Straßennamen müssten ebenfalls überprüft werden.
Schließlich fährt man darüber.
Denkmäler könnten durch Regen beschädigt werden.
Historische Gebäude werden gelegentlich angefasst.
Museen wiederum haben Türen, durch die Menschen tatsächlich hineingehen.
Ein untragbarer Zustand.
Vielleicht sollte Geschichte künftig grundsätzlich in einer schützenden Vitrine außerhalb der Innenstadt aufbewahrt werden.
Bitte nicht berühren. Vergangenheit frisch gestrichen.
Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Bundesbildungsministerin Karin Prien sprach von einem Skandal. Israels Botschafter Ron Prosor warnte davor, Opfer aus der sichtbaren Erinnerung zu verdrängen. Charlotte Knobloch bezeichnete den eingeschlagenen Weg als falsch.
Damit steht Heidenau nun vor einer schwierigen Aufgabe.
Wie erinnert man so, dass niemand darüber stolpert?
Vielleicht mit einer unsichtbaren Gedenktafel.
Oder einem lautlosen Mahnmal.
Eventuell könnte man jedes Jahr feierlich eine Minute lang an einen Ort denken, an dem niemand vorbeikommt.
Der Vorteil läge auf der Hand:
Niemand tritt darauf.
Niemand muss stehen bleiben.
Und vor allem stolpert niemand mehr über Geschichte.
Höchstens über die Frage, warum sie plötzlich aus dem Weg geräumt wurde.




