In der CDU gibt es derzeit keinerlei Diskussion über einen möglichen Nachfolger von Bundeskanzler Friedrich Merz. Das erkennt man vor allem daran, dass inzwischen öffentlich darüber gesprochen wird, wer Friedrich Merz keinesfalls nachfolgen möchte.
Besonders entschieden äußerte sich Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst. Das Kanzleramt sei für ihn „aktuell keine Option“, erklärte der CDU-Politiker.
Das Wort „aktuell“ ist in der Politik eine faszinierende Konstruktion. Es bedeutet ungefähr dasselbe wie „Nein“, nur mit eingebautem Fluchtweg, reserviertem Dienstwagen und bereits ausgemessenen Vorhängen.
Wüst hätte schließlich auch sagen können:
„Ich möchte nicht Bundeskanzler werden.“
Tat er aber nicht.
Oder:
„Eine Kanzlerkandidatur schließe ich aus.“
Auch das blieb aus.
Stattdessen sagte er sinngemäß, das Kanzleramt sei aktuell keine Option. Damit befindet sich das Amt vermutlich in derselben Kategorie wie ein Nachtisch nach dem Mittagessen: Im Moment wirklich nicht, vielen Dank – aber lassen Sie den Kuchen bitte noch auf dem Tisch.
Für Friedrich Merz ist diese Unterstützung zweifellos beruhigend. Der Bundeskanzler weiß nun, dass Hendrik Wüst ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ersetzen möchte. In der Politik umfasst der gegenwärtige Zeitpunkt ungefähr die Strecke zwischen dem Beginn eines Interviews und dem Eingang der nächsten schlechten Umfrage.
Merz erlebt derzeit eine schwierige Phase. Seine Umfragewerte zeigen eine Dynamik, die Immobilienmakler bei Kellergeschossen als „mit erheblichem Entwicklungspotenzial nach oben“ beschreiben würden. Dazu kamen Kabinettsumbildungen und Streit um die Rentenreform. Die Regierung vermittelt dadurch den Eindruck einer Wohngemeinschaft, die seit Monaten über den Putzplan diskutiert, während im Badezimmer bereits das Wasser durch die Decke läuft.
Die Rentenreform sollte eigentlich beweisen, dass die Bundesregierung zu großen Veränderungen fähig ist. Inzwischen beweist sie vor allem, dass sich in Deutschland sogar die Reform einer Reform reformbedürftig diskutieren lässt.
Friedrich Merz möchte das Rentensystem umbauen. Teile der SPD sind skeptisch. Mehrere CDU-Ministerpräsidenten rebellieren. Die Bevölkerung erwartet Klarheit, während die Politik zunächst eine Kommission, anschließend einen Kompromiss und schließlich vermutlich eine Kommission zur Erklärung des Kompromisses benötigt.
In dieser Lage erscheint Hendrik Wüst wie der freundliche Nachbar, der beim Umzug hilft, indem er am geöffneten Fenster steht und erklärt, er wolle die Wohnung selbstverständlich nicht übernehmen.
„Friedrich macht das hervorragend“, könnte er sagen, während er unauffällig die Raumhöhe des Kanzleramts misst.
„Wir arbeiten wirklich gut zusammen“, ergänzt er womöglich, während ein Mitarbeiter bereits prüft, ob die nordrhein-westfälische Staatskanzlei Möbel nach Berlin liefern kann.
Wüst hat eine spätere Kanzlerkandidatur nämlich keineswegs ausgeschlossen. Das ist vollkommen verständlich. Kein ambitionierter Politiker möchte versehentlich eine Zukunft ausschließen, in der Parteifreunde ihn eines Tages unter Blitzlichtgewitter bitten, sich aus reiner Verantwortung für Deutschland zu opfern.
Kanzlerkandidaturen entstehen schließlich niemals aus persönlichem Ehrgeiz. Sie überfallen Politiker völlig überraschend.
Am Morgen steht ein Ministerpräsident noch friedlich in Düsseldorf, am Nachmittag klingelt das Telefon, und plötzlich ruft die historische Verantwortung an.
„Herr Wüst, Deutschland braucht Sie!“
„Ach, das kommt jetzt aber völlig unerwartet. Zum Glück habe ich bereits ein 120-seitiges Regierungsprogramm, eine Wahlkampfagentur und ein Porträt vor dem Reichstagsgebäude vorbereitet.“
In der CDU funktioniert Loyalität nach einem besonderen Prinzip. Solange der Parteivorsitzende erfolgreich ist, stehen alle geschlossen hinter ihm. Sinkt seine Popularität, stehen sie weiterhin geschlossen hinter ihm – allerdings immer näher beieinander, damit man später schneller an ihm vorbeikommt.
Hendrik Wüst ist dafür bestens positioniert. Er regiert das bevölkerungsreichste Bundesland, gilt als freundlich, modern und ausreichend unauffällig, um noch nicht für sämtliche Probleme Deutschlands verantwortlich gemacht zu werden.
In der gegenwärtigen Politik ist das bereits ein enormer Wettbewerbsvorteil.
Während Friedrich Merz jeden Morgen mit neuen Konflikten aufwacht, kann Wüst in Nordrhein-Westfalen erklären, Bundespolitik sei aktuell keine Option. Das ist ungefähr so, als würde ein Reservespieler während einer Niederlagenserie versichern, er dränge keineswegs auf einen Einsatz, aber selbstverständlich bereits vollständig aufgewärmt am Spielfeldrand stehen.
Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Wüst Kanzler werden möchte.
Die entscheidende Frage lautet, wie lange „aktuell“ dauert.
Bis zur nächsten Umfrage?
Bis zum nächsten Koalitionsstreit?
Bis Friedrich Merz eine weitere Kabinettsumbildung ankündigt und versehentlich das gesamte Kabinett gegen die Ministerpräsidentenkonferenz austauscht?
Oder bis Wüst eines Morgens feststellt, dass das Kanzleramt inzwischen doch eine Option geworden ist – vollkommen überraschend, gegen seinen Willen und ausschließlich aus Verantwortung gegenüber Land, Partei und den bereits gedruckten Wahlplakaten?
Friedrich Merz dürfte jedenfalls aufmerksam zugehört haben. Politiker besitzen ein feines Gespür für Einschränkungen. Wer hört, jemand wolle seinen Posten „aktuell“ nicht, versteht sofort:
Der Mann will meinen Posten.
Nur nicht, solange ich danebenstehe.
Hendrik Wüst kann sich unterdessen entspannt zurücklehnen. Er hat Merz seine volle Unterstützung ausgesprochen, ohne auch nur eine einzige zukünftige Möglichkeit zu beschädigen. Das ist politische Präzisionsarbeit.
Er möchte nicht Kanzler werden.
Aktuell.
Er plant keine Kandidatur.
Im Moment.
Er steht hinter Friedrich Merz.
Von dort hat man schließlich den besten Blick auf das Kanzleramt.




