Name: Wladimir Wladimirowitsch Putin
Geboren: 7. Oktober 1952 in Leningrad
Beruf: Präsident Russlands, ehemaliger Geheimdienstoffizier und hauptamtlicher Verwalter der russischen Vergangenheit
Dienstort: Kreml, Moskau
Spezialgebiete: Macht, Geschichte, sehr lange Tische und überraschende Wiederwahlen
Politischer Aggregatzustand: dauerhaft im Amt
Lieblingssport: Judo
Lieblingsgegner: der Westen
Lieblingsentfernung zu Gesprächspartnern: ungefähr Interkontinentalraketenreichweite
Frühe Jahre – einmal Geheimdienst, bitte
Wladimir Putin wurde 1952 in Leningrad geboren.
Schon früh entwickelte er offenbar einen Berufswunsch, den andere Kinder eher selten in Freundebücher schreiben:
Geheimdienst.
Andere wollten Feuerwehrmann werden.
Putin wollte vermutlich wissen, was der Feuerwehrmann gestern mit seinem Nachbarn besprochen hatte.
Er studierte Jura und trat anschließend dem sowjetischen KGB bei.
Damit begann eine Karriere, bei der Diskretion traditionell eine große Rolle spielte.
Was genau ein Geheimdienstmitarbeiter macht?
Dazu liegen keine Informationen vor.
Wer fragt?
Und warum?
Dresden – der Mann vom KGB kommt nach Deutschland
In den 1980er-Jahren arbeitete Putin für den KGB in Dresden.
Damit verbrachte der spätere russische Präsident mehrere Jahre in der DDR.
Die DDR verschwand.
Putin blieb.
Ein Muster, das sich später politisch noch als außerordentlich nützlich erweisen sollte.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann seine Karriere in der russischen Politik.
Er arbeitete zunächst in Sankt Petersburg und wechselte später nach Moskau.
1999 wurde er Ministerpräsident.
Kurz darauf amtierender Präsident.
Dann Präsident.
Dann wieder Ministerpräsident.
Dann wieder Präsident.
Wer versucht, Putins Ämterfolge ohne Hilfsmittel aufzuschreiben, erhält ungefähr:
Präsident → Ministerpräsident → Präsident → Präsident → Präsident → Moment, immer noch?
Ja.
Immer noch.
Demokratie mit Verlängerung
Russland hält Wahlen ab.
Das ist wichtig.
Schließlich soll niemand behaupten, die Bevölkerung dürfe nicht entscheiden.
Die entscheidende Frage lautet lediglich gelegentlich:
Wie überraschend soll das Ergebnis diesmal werden?
Putins politische Karriere besitzt jedenfalls eine bemerkenswerte Stabilität.
In anderen Demokratien wechseln Regierungschefs.
In Russland wechseln eher die Jahreszahlen.
Putin bleibt.
Manche Möbelstücke im Kreml dürften inzwischen ausschließlich deshalb ausgetauscht worden sein, weil sie ihre Amtszeitbegrenzung erreicht hatten.
Der starke Mann
Putins öffentliche Inszenierung gehört zu den bemerkenswertesten politischen Bildwelten der Gegenwart.
Putin beim Judo.
Putin beim Angeln.
Putin im Flugzeug.
Putin mit Tieren.
Putin in der Wildnis.
Putin auf dem Pferd.
Die Botschaft lautet stets:
Dieser Mann kann alles.
Man wartet eigentlich nur noch auf:
Putin repariert einen Geschirrspüler.
Putin backt Sauerteigbrot.
Putin baut ohne Anleitung einen schwedischen Kleiderschrank zusammen.
Dann wäre die Herrschaft endgültig legitimiert.
Besonders bekannt wurden Bilder eines oberkörperfreien Putin zu Pferd.
Andere Staatschefs veröffentlichen Regierungsprogramme.
Der Kreml veröffentlichte:
Präsident. Pferd. Fertig.
Politische Kommunikation kann so einfach sein.
Der Tisch
Dann kam der Tisch.
Dieser sehr, sehr lange Tisch.
Putin saß an einem Ende.
Sein Gesprächspartner am anderen.
Dazwischen befand sich ungefähr genügend Fläche für einen mittelgroßen Regionalflughafen.
Der Tisch wurde weltweit zum Symbol diplomatischer Distanz.
Normale Menschen sagen:
„Bitte nehmen Sie Platz.“
Putin:
„Ihr Platz ist in Weißrussland.“
Akustisch dürfte ein Gespräch schwierig gewesen sein.
„Wladimir, wir müssen über die Sicherheitslage sprechen!“
„WAS?“
„DIE SICHERHEITSLAGE!“
„DAS WIRD DER WESTEN SEIN!“
Am Ende wurden vermutlich Ferngläser ausgegeben.
Putin erklärt Geschichte
Eine weitere Spezialität des russischen Präsidenten sind historische Ausführungen.
Stellt man Putin eine Frage zur aktuellen Politik, besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Antwort irgendwann im 9. Jahrhundert beginnt.
Journalist: „Herr Präsident, warum …?“
Putin: „Im Jahre 862 …“
Journalist:
„Oh Gott.“
Putins Geschichtsverständnis besitzt dabei eine erstaunliche praktische Eigenschaft:
Es führt bemerkenswert häufig zu dem Ergebnis, dass Russland Anspruch auf etwas hat.
Historiker benötigen Archive, Quellenkritik und jahrelange Forschung.
Putin benötigt einen Tisch und ungefähr 45 Minuten.
Danach gehört gefühlt halb Osteuropa historisch irgendwie zum Vorgarten.
Der Westen
Für zahlreiche Probleme Russlands existiert ein universelles Erklärungsmodell:
der Westen.
Sanktionen?
Westen.
NATO?
Westen.
Politischer Widerstand?
Westen.
Internationale Kritik?
Westen.
Schlechtes Wetter?
Noch nicht offiziell bestätigt.
Der Westen erfüllt damit im russischen Regierungssystem ungefähr dieselbe Funktion wie die Fehlermeldung „Unbekannter Fehler“ unter Windows.
Sie erklärt nichts.
Aber man kann das Fenster schließen.
Die Ukraine
2022 ließ Putin den großangelegten Angriff auf die Ukraine beginnen.
Der Kreml erwartete offenkundig einen wesentlich anderen Verlauf, als der Krieg tatsächlich nahm.
Aus der Vorstellung eines schnellen politischen und militärischen Erfolgs wurde ein jahrelanger Krieg mit enormen menschlichen und wirtschaftlichen Kosten.
Satirisch betrachtet besitzt das eine bittere Grundregel autoritärer Systeme:
Wenn alle Mitarbeiter wissen, dass der Chef schlechte Nachrichten nicht mag, bekommt der Chef irgendwann nur noch gute Nachrichten.
Bis die Realität anruft.
Und die Realität benutzt keine Kreml-Telefonanlage.
Putins Problem ist dabei möglicherweise das älteste Managementproblem der Welt:
Wenn niemand dem Chef widerspricht, glaubt der Chef irgendwann seinem eigenen PowerPoint.
Nur dass es hier nicht um Quartalszahlen geht.
Putin und seine Sprecher
Zum Glück besitzt Putin Dmitri Peskow.
Wenn Putin etwas sagt, tritt Peskow später vor die Presse und erklärt, warum es möglicherweise anders verstanden werden müsse.
Putin produziert Realität.
Peskow produziert die Bedienungsanleitung.
Das Zusammenspiel funktioniert ungefähr so:
Putin: Aussage.
Welt: „Was?!“
Peskow: „Sie haben das missverstanden.“
Journalist: „Aber er hat es wörtlich gesagt.“
Peskow: „Genau das haben Sie missverstanden.“
Eine Kommunikationsform, die im Kreml vermutlich als Kreislaufwirtschaft gilt.
Putin und internationale Gipfel
Internationale Treffen mit Putin folgen einer eigenen Dramaturgie.
Putin kommt.
Putin schaut ernst.
Putin sitzt.
Fotografen fotografieren.
Jemand erwähnt Zusammenarbeit.
Putin erwähnt russische Sicherheitsinteressen.
Jemand erwähnt internationales Recht.
Putin beginnt mit Geschichte.
Drei Stunden später möchte jeder nur noch nach Hause.
Diplomatischer Durchbruch.
Typischer Arbeitstag
06:30 Uhr: Aufstehen.
06:45 Uhr: Weltkarte betrachten.
06:46 Uhr: Historische Korrekturen entdecken.
07:00 Uhr: Sicherheitsbriefing.
08:00 Uhr: Peskow fragen, was heute dementiert werden muss.
09:00 Uhr: Besprechung.
Tisch wird ausgefahren.
09:15 Uhr: Gesprächspartner am Horizont sichtbar.
10:00 Uhr: Internationale Kritik.
10:01 Uhr: Westen verantwortlich.
11:00 Uhr: Wirtschaftsdaten.
11:05 Uhr: Verantwortlichen suchen.
11:06 Uhr: Westen.
Effizient.
12:00 Uhr: Mittagessen.
13:00 Uhr: Historische Karte betrachten.
13:15 Uhr: Grenzen gefallen nicht.
14:00 Uhr: Telefonat mit ausländischem Regierungschef.
14:03 Uhr: Sicherheitsinteressen.
14:07 Uhr: NATO.
14:12 Uhr: Geschichte.
15:30 Uhr: Gesprächspartner bereut den Anruf.
16:00 Uhr: Pressekonferenz.
16:15 Uhr: Peskow erklärt Pressekonferenz.
17:00 Uhr: Judo.
18:00 Uhr: Pferd.
18:30 Uhr: Fotograf prüfen.
19:00 Uhr: Russland stabil.
Zumindest laut Bericht.
Besondere Fähigkeiten
Putin besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit zur politischen Dauerpräsenz.
Andere Politiker besitzen Karrieren.
Putin besitzt inzwischen eher eine geologische Epoche.
Menschen wurden geboren, eingeschult, machten Abitur, studierten und begannen zu arbeiten – während Putin politisch ganz oben blieb.
Russische Kinder könnten bei der Frage nach bisherigen Präsidenten irgendwann antworten:
„Putin.“
„Und davor?“
„Früher Putin.“
Der Putin-Kompass
Sein politischer Kompass besitzt vier Himmelsrichtungen:
Norden: russisches Sicherheitsinteresse.
Süden: russisches Sicherheitsinteresse.
Osten: russisches Sicherheitsinteresse.
Westen: Schuld.
Damit lässt sich geopolitisch erstaunlich effizient navigieren.
Lebensmotto
„Geschichte ist das, was passiert ist – nachdem ich sie erklärt habe.“
Kurzprofil
Wladimir Putin ist ehemaliger KGB-Offizier, langjähriger russischer Machthaber und vermutlich der einzige Regierungschef, dessen politische Karriere mittlerweile länger wirkt als manche historische Epoche, über die er spricht.
Er begann beim Geheimdienst.
Kam in den Kreml.
Blieb im Kreml.
Wechselte kurz den Amtstitel.
Kam wieder.
Und blieb.
Währenddessen wurde geritten, geangelt, Judo betrieben, Geschichte erklärt, der Westen verantwortlich gemacht und ein Besprechungstisch angeschafft, dessen anderes Ende möglicherweise bereits in einer benachbarten Zeitzone liegt.
Vielleicht lässt sich Putins politisches System deshalb am besten mit einem Navigationsgerät erklären:
„Sie befinden sich seit 25 Jahren auf derselben Straße.“
Putin:
„Weiter.“
„Eine alternative Route wäre verfügbar.“
Putin:
„Nein.“
„Möchten Sie wenigstens wenden?“
Putin:
„Nein.“
„Ziel?“
Putin betrachtet die historische Landkarte.
Das Navigationsgerät schweigt.
Es möchte seinen Arbeitsplatz behalten.




