Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt – und kaum waren die Wahllokale geschlossen, begann die schönste deutsche Tradition nach dem Sonntagskaffee: das hektische Erklären eines Ergebnisses, das noch gar nicht vollständig feststeht.
Nach der ersten Prognose liegt die AfD knapp vor der SPD. Die politische Landschaft im Nordosten sieht damit ungefähr so übersichtlich aus wie ein Strandkorbverleih nach einem Herbststurm: Alles ist noch da, aber niemand weiß genau, was wohin gehört.
Bei der AfD dürfte der Abend zunächst unter der Rubrik „Das Volk hat gesprochen – und erstaunlicherweise immer genau das gesagt, was wir hören wollten“ verbucht werden.
Dort gehört es inzwischen zur politischen Grundausstattung, jedes gute Ergebnis als historischen Volksaufstand zu feiern. Gewinnt man, ist es der unumkehrbare Wille der Bevölkerung. Verliert man andernorts, war vermutlich das System, die Presse, das Wetter, die Briefwahl, die Erdrotation oder eine verdächtig linksdrehende Kaffeemaschine schuld.
Besonders praktisch ist dabei das politische Geschäftsmodell: Solange andere Parteien nicht mitregieren wollen, kann man deren Ablehnung als Beweis dafür präsentieren, dass man vom Establishment ausgegrenzt werde. Sollten sie doch miteinander reden wollen, wäre das vermutlich ebenfalls verdächtig.
Die AfD hat damit die politische Variante eines Spielautomaten erfunden, bei dem auf jeder Walze „Wir haben recht“ erscheint.
Ein möglicher Wahlerfolg löst allerdings ein Problem aus, das sich mit Empörung allein nur schwer verwalten lässt: Irgendwann muss aus Protest vielleicht tatsächlich Politik werden.
Dann reichen keine Sätze mehr wie „Alles muss anders werden“. Dann möchte irgendein kleinlicher Mensch plötzlich wissen: Wie genau? Mit welchem Geld? Mit welchem Personal? Und wer übernimmt Montagmorgen die Akten?
An dieser Stelle verwandelt sich der große Proteststurm womöglich überraschend schnell in eine Sitzung mit Tagesordnung, Haushaltsplan und schlecht funktionierendem Beamer.
Die SPD wiederum befindet sich in jener besonderen sozialdemokratischen Lage, in der ein knappes Ergebnis gleichzeitig Niederlage, Achtungserfolg und Beweis für die erstaunliche Beliebtheit der Spitzenkandidatin sein kann. Damit beginnt die traditionsreiche Disziplin, aus jedem Balken einer Hochrechnung möglichst viel Regierungsfähigkeit herauszulesen.
Besonders spannend wird es bei den kleineren Parteien.
Dort erreicht die Prozenthürde am Wahlabend regelmäßig den Status eines Naturereignisses. Funktionäre stehen vor Bildschirmen wie Meteorologen vor einem herannahenden Orkan und erklären:
„Wir sind optimistisch.“
Übersetzt bedeutet das meist:
„Bitte aktualisiert diese Grafik nicht.“
Vor allem die CDU erlebt dabei offenbar einen Abend, an dem jeder neue Datenpunkt ungefähr so willkommen ist wie eine Motorkontrollleuchte auf der Autobahn.
Anschließend beginnt die eigentliche Königsdisziplin deutscher Landespolitik: Koalitions-Tetris.
Parteien, die sich im Wahlkampf noch gegenseitig für ungeeignet hielten, entdecken plötzlich erstaunliche Gemeinsamkeiten bei Landwirtschaft, Schulen, Ostsee und der grundsätzlichen Attraktivität von Ministerposten.
Aus „mit denen niemals“ wird dann zunächst „schwierig“.
Aus „schwierig“ wird „Gespräche“.
Und aus „Gesprächen“ entsteht irgendwann ein Koalitionsvertrag mit dem Titel:
„Verantwortung für Mecklenburg-Vorpommern übernehmen.“
Was meistens bedeutet:
Alle wollten eigentlich etwas anderes, aber irgendjemand musste schließlich regieren.
Die AfD kann derweil weiter erklären, dass sämtliche Probleme des Landes ausgerechnet von jenen verursacht worden seien, die am Ende tatsächlich versuchen müssen, sie zu lösen.
Das ist politisch ausgesprochen komfortabel.
Wer nur das Feuer kommentiert, muss schließlich keinen Schlauch halten.
Der Wahlabend im Nordosten beweist damit erneut: Demokratie ist das einzige System, bei dem Millionen Menschen Kreuze machen – und anschließend mehrere Parteizentralen wochenlang versuchen herauszufinden, was genau damit gemeint gewesen sein könnte.




