Name: Dmitri Sergejewitsch Peskow
Beruf: Regierungssprecher, Kreml-Dolmetscher für alternative Wirklichkeiten und hauptamtlicher Beauftragter für den Satz „Davon ist uns nichts bekannt“
Dienstort: Moskau, irgendwo zwischen Kreml, Mikrofon und einer Realität mit eingeschränkten Öffnungszeiten
Spezialgebiet: Dinge erklären, ohne dass anschließend irgendjemand mehr weiß als vorher.
Frühe Jahre – Schweigen will gelernt sein
Dmitri Peskow wurde 1967 in Moskau geboren. Schon früh soll sich sein außergewöhnliches Kommunikationstalent gezeigt haben. Während andere Kinder auf die Frage „Wer hat die Vase umgeworfen?“ entweder gestanden oder auf den Hund gezeigt haben, soll der junge Dmitri geantwortet haben:
„Dem Kreml liegen derzeit keine belastbaren Informationen über eine Veränderung des Aggregatzustandes der Vase vor.“
Die Eltern wussten sofort: Der Junge gehört in die Politik.
Während seiner Ausbildung beschäftigte sich Peskow mit Sprachen und internationalen Beziehungen. Eine ausgezeichnete Grundlage für seine spätere Karriere, denn wer Regierungssprecher werden möchte, muss vor allem zwei Sprachen perfekt beherrschen: Russisch und Ausweichisch.
Letzteres spricht Peskow inzwischen praktisch akzentfrei.
Karriere im Kreml – vom Sprecher zum Realitätsübersetzer
Peskow arbeitete sich in der russischen Staatsverwaltung nach oben und wurde schließlich zum Sprecher von Wladimir Putin.
Damit übernahm er eine der anspruchsvollsten Aufgaben der modernen Kommunikationsgeschichte: Er muss regelmäßig erklären, was Putin gemeint haben könnte, warum es vermutlich ganz anders gemeint war und weshalb bereits die Frage danach möglicherweise auf einem Missverständnis des Westens beruht.
Seine Pressekonferenzen folgen dabei einem bewährten Prinzip:
Frage: „Herr Peskow, stimmt es, dass …?“
Peskow: „Nein.“
Frage: „Aber wir haben Fotos.“
Peskow: „Diese Fotos müssen geprüft werden.“
Frage: „Sie stammen vom russischen Staatsfernsehen.“
Peskow: „Dann müssen wir prüfen, warum Sie russisches Staatsfernsehen schauen.“
Kommunikation auf Champions-League-Niveau.
Das Peskow-Prinzip™
Im Laufe seiner Karriere entwickelte Dmitri Peskow eine Kommunikationsmethode, die inzwischen vermutlich in mehreren Ministerien unter strengster Geheimhaltung eingesetzt wird.
Sie besteht aus fünf Stufen:
- Davon wissen wir nichts.
- Das ist nicht unsere Angelegenheit.
- Der Präsident wurde darüber nicht informiert.
- Die Darstellung des Westens ist falsch.
- Warum interessieren Sie sich überhaupt dafür?
Sollte keine dieser Antworten funktionieren, tritt die strategische Reserve in Kraft:
„Der Kreml wird sich zu Spekulationen nicht äußern.“
Damit lassen sich ungefähr 94 Prozent aller Pressefragen beantworten. Die übrigen sechs Prozent können durch Stirnrunzeln erledigt werden.
Besondere Fähigkeiten
Peskow verfügt über eine Reihe außergewöhnlicher beruflicher Kompetenzen.
Er kann beispielsweise gleichzeitig bestätigen, dementieren und offenlassen.
Das klingt physikalisch unmöglich, funktioniert aber hervorragend, solange genügend Mikrofone im Raum stehen.
Ein typischer Peskow-Satz könnte lauten:
„Wir können diese Informationen nicht bestätigen, schließen jedoch nicht aus, dass entsprechende Überlegungen möglicherweise Gegenstand von Gesprächen gewesen sein könnten, über deren Inhalt uns derzeit keine Informationen vorliegen.“
Nach einem solchen Satz braucht selbst die Wahrheit erst einmal einen Kaffee.
Legendär ist auch seine Fähigkeit zur semantischen Tarnkappe. Während normale Menschen ungefähr zwölf Wörter benötigen, um nichts zu sagen, schafft Peskow dafür problemlos 180.
Internationale Journalisten berichten deshalb angeblich von einem bislang unerforschten Phänomen: Nach zwanzig Minuten Kreml-Pressekonferenz enthält der Notizblock zwar drei Seiten Text, aber keine Information.
Verhältnis zu Wladimir Putin
Als Sprecher des russischen Präsidenten gehört Peskow seit Jahren zum engsten kommunikativen Umfeld des Kremls.
Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, Putins öffentliche Aussagen anschließend so lange diplomatisch zu massieren, bis sie durch eine Tür passen.
Putin sagt etwas.
Die Welt reagiert.
Peskow tritt ans Mikrofon.
Und plötzlich stellt sich heraus, dass Putin möglicherweise gar nicht das gesagt hat, was sämtliche Kameras aufgezeichnet haben, sondern etwas viel Komplexeres, das nur unter Berücksichtigung historischer Zusammenhänge, geopolitischer Realitäten und der korrekten Mondphase verstanden werden kann.
Politikwissenschaftler nennen diesen Vorgang inzwischen scherzhaft „Peskowisierung“:
Die Umwandlung einer eindeutigen Aussage in einen Zustand vollständiger interpretativer Quantenmechanik.
Putins Aussage ist dabei gleichzeitig wahr, falsch, missverstanden und aus dem Zusammenhang gerissen – bis jemand eine offizielle Erklärung verlangt.
Verhältnis zur Wahrheit
Entgegen gelegentlicher Behauptungen führt Dmitri Peskow keinen Krieg gegen die Wahrheit.
Die beiden haben lediglich beschlossen, getrennte Wege zu gehen.
Die Wahrheit lebt irgendwo draußen in der Welt und macht ihr Ding.
Peskow arbeitet im Kreml.
Man respektiert sich.
Man trifft sich nur selten.
Typischer Arbeitstag
08:00 Uhr: Internationale Nachrichten lesen.
08:05 Uhr: Internationale Nachrichten dementieren.
09:00 Uhr: Erste Presseanfrage: „Stimmt das?“
09:01 Uhr: „Nein.“
09:03 Uhr: Beweise treffen ein.
09:04 Uhr: „Dazu liegen uns keine Informationen vor.“
10:30 Uhr: Putin hält Rede.
10:47 Uhr: Weltweite Schlagzeilen.
10:48 Uhr: Peskow erklärt, Putin sei missverstanden worden.
12:00 Uhr: Mittagessen. Suppe offiziell nicht bestätigt.
14:00 Uhr: Weitere Pressekonferenz.
15:30 Uhr: Journalisten fragen nach gestern.
15:31 Uhr: Gestern ist eine westliche Interpretation.
17:00 Uhr: Feierabend wird dementiert.
Auszeichnungen
Zu seinen inoffiziellen Ehrungen zählen vermutlich:
Goldener Konjunktiv am Bande – für herausragende Leistungen im Bereich „könnte möglicherweise eventuell“.
Orden des unbekannten Kenntnisstandes – verliehen für tausend erfolgreiche Anwendungen von „Uns liegen dazu keine Informationen vor“.
Internationaler Nebelpreis für Kommunikation – für Antworten, nach denen die Frage klarer war als vorher.
Und natürlich die höchste Auszeichnung der Kreml-Kommunikation:
Das Mikrofon am langen Arm mit gekreuzten Fragezeichen.
Lebensmotto
„Es ist nicht wichtig, was passiert ist. Entscheidend ist, ob uns dazu Informationen vorliegen.“
Kurzprofil
Dmitri Peskow ist ein russischer Regierungssprecher, Kommunikationsprofi und vermutlich einer der wenigen Menschen, die auf die Frage nach der Uhrzeit antworten könnten:
„Der Kreml sieht derzeit keine Notwendigkeit, sich an Spekulationen über den aktuellen Stand des Minutenzeigers zu beteiligen.“
Und sollte irgendwann ein Meteorit direkt auf dem Roten Platz einschlagen, würde Peskow vermutlich vor die Kameras treten, seine Krawatte richten und erklären:
„Uns liegen keine Informationen über einen Meteoriteneinschlag vor. Wir haben lediglich Kenntnis von einer außerplanmäßigen geologischen Kontaktaufnahme mit einem möglicherweise außerirdischen Objekt.“
Dann würde er kurz schweigen.
Und ergänzen:
„Behauptungen, wonach der Kreml davon überrascht worden sei, entsprechen nicht der Realität.“




