Im russischen Staatsapparat scheint sich eine bemerkenswerte neue Form des Patriotismus auszubreiten: Vaterlandsliebe mit Auslandsüberweisung.
Während der Kreml Berichte über eine bevorstehende neue Mobilmachung zurückweist, sollen Teile der politischen und militärischen Bürokratie vorsorglich Angehörige aus Russland schaffen, ausländische Bankkonten suchen und Vermögenswerte außer Reichweite bringen.
Offiziell gibt es also keinen Grund zur Sorge.
Inoffiziell lautet die Empfehlung offenbar: „Keine Panik – aber pack schon mal.“
Das ist ungefähr so beruhigend wie ein Feuerwehrmann, der erklärt, das Gebäude brenne keineswegs, während er gleichzeitig seine Familienfotos aus dem Fenster wirft.
Besonders pikant ist die Lage für Mitarbeiter der Einberufungsbehörden. Dort könnte sich demnächst eine organisatorische Herausforderung ergeben, die selbst russische Bürokratie an ihre Grenzen bringt: Menschen zum Militär schicken, während man gleichzeitig versucht, den eigenen Schwager möglichst schnell über die Grenze zu bekommen.
Morgens also: „Ihre Einberufung ist eine patriotische Pflicht.“
Mittags: „Unterschreiben Sie bitte hier.“
Abends: „Igor, der Wagen steht hinten. Fahr einfach Richtung Ausland und stell keine Fragen.“
Zusätzliche Nervosität verursacht offenbar der geplante Stellenabbau in Teilen der Verwaltung. Wer gestern noch hinter einem Schreibtisch Einberufungsbescheide sortierte, könnte sich plötzlich fragen, ob sein nächster Arbeitsplatz möglicherweise deutlich weniger ergonomisch eingerichtet ist.
Damit bekommt der Begriff Personalrotation eine völlig neue Bedeutung.
Und weil Russland inzwischen auf digitale Einberufungsverfahren setzt, könnte selbst die Mobilmachung demnächst den Charme eines Paketdienstes bekommen.
Ihre Sendung wurde zugestellt.
Nur dass die Sendung in diesem Fall der Empfänger selbst ist.
Das wäre Bürokratie in ihrer vollendeten Form: Der Bürger erhält elektronisch die Nachricht, dass er persönlich irgendwo erscheinen soll, und erfährt gleichzeitig, dass Nichterscheinen gewisse Nachteile mit sich bringt. Vermutlich fehlt nur noch die Push-Mitteilung:
„Herzlichen Glückwunsch! Für Sie liegt eine neue staatliche Aufgabe vor.“
Unterdessen bleibt die offizielle Linie beruhigend: Eine neue Mobilisierung sei nicht beschlossen.
Das kann durchaus stimmen.
Es erklärt nur nicht vollständig, warum Menschen im Umfeld des Apparats offenbar plötzlich großes Interesse an internationalen Banken, Reisemöglichkeiten und möglichst weit entfernten Familienangehörigen entwickeln.
Vielleicht handelt es sich lediglich um eine spontane Begeisterung für globale Vermögensdiversifikation.
Vielleicht veranstaltet die russische Verwaltung auch einfach einen großen internationalen Betriebsausflug.
Nur das Reiseziel scheint auffällig häufig zu lauten:
Hauptsache nicht Front.




