Während Donald Trump offenbar weiterhin daran arbeitet, internationale Beziehungen nach dem bewährten Prinzip „erst Zoll, dann Drohung, anschließend überrascht sein“ zu gestalten, denkt Kanada über einen bemerkenswerten Plan nach: eine deutlich engere Anbindung an die Europäische Union.
Im Gespräch ist eine Art „assoziierte Mitgliedschaft“. Das wäre ungefähr EU-Mitgliedschaft Light: weniger Brüssel, aber möglicherweise mehr Binnenmarkt. Eine Konstruktion also, die so kompliziert klingt, dass sie praktisch schon alle Voraussetzungen für Europa erfüllt.
Für Kanada hätte die Sache Charme. Statt sich jeden Morgen zu fragen, welchen Zoll Donald Trump über Nacht auf Holz, Aluminium, Ahornsirup oder kanadische Höflichkeit gelegt hat, könnte Ottawa künftig einfach EU-Verordnungen lesen. Das dauert zwar länger, ist aber emotional berechenbarer.
Besonders faszinierend: Sollte der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften tatsächlich ausgeweitet werden, könnte die EU-Außengrenze politisch betrachtet bis nach Nordamerika wandern.
Damit bekäme Europa schlagartig eine Grenze zu den Vereinigten Staaten.
In Brüssel soll bereits fieberhaft geprüft werden, wie viele neue Grenzschilder bestellt werden müssen und ob auf ihnen „Europäische Union“ in Englisch, Französisch oder vorsichtshalber in Trump-kompatiblen Großbuchstaben stehen sollte.
Im Weißen Haus könnte die Entwicklung hingegen Verwirrung auslösen. Schließlich hatte Trump Kanada bereits wiederholt wie eine Immobilie behandelt, die eigentlich nur deshalb noch nicht zu den USA gehört, weil bislang niemand den richtigen Makler angerufen hat. Nun droht ausgerechnet das Gegenteil: Kanada könnte sich nicht Washington annähern, sondern Brüssel.
Geopolitisch wäre das die spektakulärste Fehlbestellung seit jemand „America First“ anklickte und anschließend „Europe Next Door“ geliefert bekam.
Besonders heikel dürfte die Frage des visumfreien Lebens und Arbeitens werden. Kanadier könnten künftig leichter nach Europa ziehen. Damit stünden plötzlich Millionen Menschen vor der schwierigen Entscheidung: Toronto, Paris oder doch ein deutscher Bürgeramtstermin im November 2028?
Auch gemeinsame Rechenzentren, Unterseekabel, Satellitennetze, Energieinfrastruktur und Kooperationen bei KI und Verteidigung sind im Gespräch. Europa und Kanada könnten also digital, wirtschaftlich und strategisch enger zusammenrücken.
Lediglich eine Kleinigkeit könnte das Projekt bremsen: die Europäische Union selbst.
Denn das bestehende Handelsabkommen CETA ist nach Jahren noch immer nicht überall vollständig ratifiziert. Die EU könnte Kanada also herzlich willkommen heißen und anschließend erklären, dass die Bearbeitung des Willkommens voraussichtlich zwischen zwölf Jahren und dem Ende der Zivilisation dauert.
Donald Trump dürfte unterdessen Gelegenheit bekommen, eine historische Erkenntnis zu verkünden:
Er wollte Amerika größer machen.
Und schaffte womöglich eine größere EU.




