Es gibt Menschen, die sammeln Briefmarken.
Andere sammeln Münzen.
Und dann gibt es Wladimir Putin.
Er sammelt historische Landkarten – allerdings bevorzugt solche, auf denen der Radiergummi offensichtlich noch Garantie besitzt.
Beim russischen Tag der Flotte trat der Kremlchef erneut vor die Öffentlichkeit und präsentierte seine inzwischen bekannte Spezialdisziplin: den historischen XXL-Vortrag mit integrierter Zukunftsprognose. Während andere Staatsoberhäupter über Wirtschaft, Infrastruktur oder Renten sprechen, eröffnet Wladimir Putin regelmäßig das weltweit einzige geopolitische Museum mit Live-Kommentar.
Der Eintritt ist kostenlos.
Die Realität kostet allerdings extra.
Diesmal erklärte Putin unter anderem, Polen könnte sich eines Tages Gebiete der Westukraine zurückholen wollen.
Nicht morgen.
Nicht übermorgen.
Vielleicht in einem Jahr.
Oder zwei.
Oder zehn.
Oder fünfzehn.
Eine bemerkenswert präzise Vorhersage.
Meteorologen wären begeistert.
"Es könnte zwischen morgen und dem Jahr 2041 regnen."
Polen reagierte erstaunlich emotionslos.
Das Außenministerium erklärte nüchtern:
"Nein."
Das war vermutlich die kürzeste internationale Geschichtsvorlesung aller Zeiten.
Während Putin also die Zukunft osteuropäischer Grenzen entwarf, reichte Warschau gewissermaßen einen Einzeiler ein:
"Vielen Dank für die kreative Idee, aber wir haben sie nie bestellt."
Historiker bekamen unterdessen hektische Anrufe ihrer Verlage.
"Bitte stoppen Sie sofort den Druck der nächsten Schulatlanten."
"Warum?"
"Wir wissen nicht, welche Version der Geschichte heute Nachmittag gilt."
Inzwischen soll es bereits eine neue Edition geben:
Atlas Premium Plus Ultra Dynamic Edition.
Jede Seite besitzt Klettverschlüsse.
Grenzen lassen sich beliebig austauschen.
Neue Kapitel erscheinen automatisch nach jeder Rede.
Besonders faszinierend ist die neue Rolle Josef Stalins.
In Putins Darstellung wirkt der sowjetische Diktator beinahe wie ein besonders großzügiger Immobilienmakler.
"Herzlichen Glückwunsch! Zu jeder Ukraine gibt es heute kostenlos mehrere westliche Gebiete dazu."
Historiker räuspern sich an dieser Stelle traditionell sehr laut.
Denn Geschichte besitzt die unangenehme Eigenschaft, komplizierter zu sein als ein Sonderangebot im Möbelhaus.
Grenzen entstehen selten dadurch, dass jemand mit einem Filzstift einmal quer über Europa fährt und anschließend erklärt:
"So. Jetzt passt das."
Dennoch scheint genau diese Methode gelegentlich erstaunliche Popularität zu genießen.
Währenddessen entwickelte sich der Dnipro offenbar zur philosophischsten Flusslandschaft Europas.
Putin erklärte, die linksufrige Ukraine sei immer Teil Russlands gewesen.
Geografen begannen daraufhin vermutlich vorsorglich damit, sämtliche Flüsse der Welt unter Beobachtung zu stellen.
Man weiß ja nie.
Heute trennt ein Fluss zwei Ufer.
Morgen vielleicht zwei Weltanschauungen.
Übermorgen drei Pressekonferenzen.
In Warschau herrschte dagegen bemerkenswerte Gelassenheit.
Man hatte offenbar keinerlei Interesse an den angeblich geplanten Gebietsansprüchen.
Das muss ein seltsames Gefühl sein.
Jemand erzählt der ganzen Welt von deinen geheimen Plänen.
Und du erfährst davon gleichzeitig aus den Nachrichten.
Das erinnert ein wenig an den Nachbarn, der plötzlich behauptet:
"Thorsten möchte übrigens mein Wohnzimmer übernehmen."
"Wirklich?"
"Ja."
"Interessant. Ich wusste bislang nicht einmal, wo dein Wohnzimmer ist."
Polens Außenministerium bezeichnete die Behauptungen als primitiven Versuch der Desinformation.
Ein Ausdruck, der diplomatisch ungefähr dieselbe Temperatur besitzt wie ein höflich formuliertes:
"Das glauben Sie doch hoffentlich selbst nicht."
Währenddessen sitzen Historiker vermutlich gemeinsam in einem Konferenzraum und spielen inzwischen ein neues Gesellschaftsspiel.
Es heißt:
"Wer besitzt diese Stadt eigentlich heute?"
Regeln:
Jeder zieht eine Rede.
Anschließend werden alle Karten neu gemischt.
Wer am Ende noch dieselben Grenzen wie zu Beginn besitzt, gewinnt einen Atlas von 1991.
Auch Rumänien und Ungarn tauchten in Putins Zukunftsprognose auf.
Sie sollen angeblich ebenfalls irgendwann ihre historischen Gebiete zurückfordern.
Die Regierungen dieser Länder dürften beim Frühstück vermutlich gleichzeitig ihre Kaffeetassen abgestellt haben.
"Moment."
"Was genau sollen wir angeblich planen?"
Internationale Diplomatie ähnelt inzwischen manchmal einer Familienfeier.
Ein Onkel behauptet plötzlich:
"Ich weiß übrigens ganz genau, was ihr alle nächstes Weihnachten machen werdet."
Alle anderen schauen sich verwundert an.
"Wir wussten bisher nicht einmal, dass wir eingeladen sind."
Besonders bemerkenswert bleibt Putins Aussage, Russland sei der einzige Garant der territorialen Unversehrtheit der Ukraine gewesen.
Diese Formulierung besitzt ungefähr denselben Überraschungseffekt wie der Satz:
"Der einzige Mensch, der mein Fahrrad wirklich beschützen konnte, war derjenige, der gerade damit wegfährt."
Manchmal entstehen Formulierungen, die sich bereits beim ersten Lesen selbst in einen satirischen Dialog verwandeln.
Natürlich verläuft der Hintergrund des Konflikts wesentlich ernster.
Die Geschichte Osteuropas ist komplex, geprägt von wechselnden Grenzen, Kriegen, Vertreibungen und politischen Umbrüchen. Genau deshalb reagieren Staaten äußerst sensibel, wenn historische Ereignisse zur Begründung heutiger politischer Ansprüche oder Spekulationen herangezogen werden.
Doch der eigentliche Sieger dieser Woche dürfte ohnehin nicht Russland oder Polen sein.
Sondern die Druckindustrie.
Denn jede neue historische Interpretation erzeugt automatisch Bedarf an neuen Landkarten.
Kartografen arbeiten inzwischen vermutlich im Schichtbetrieb.
Version 8.2.
Version 8.3.
Version 8.4 mit kleinen Grenzkorrekturen.
Version 8.5 nach der nächsten Rede.
Man überlegt bereits, Atlanten künftig mit einer automatischen Update-Funktion auszuliefern.
Ähnlich wie Smartphones.
Jeden Morgen erscheint dann die Meldung:
"Neue geopolitische Karte verfügbar."
"Möchten Sie die Grenzen jetzt aktualisieren?"
Darunter ein kleiner Hinweis:
"Die Installation kann je nach Pressekonferenz einige Minuten dauern."
Vielleicht wäre das tatsächlich ehrlicher.
Denn in Zeiten, in denen politische Reden regelmäßig historische Debatten auslösen, entwickelt sich Geschichte langsam zur einzigen Wissenschaft, deren Fußnoten täglich Pressemitteilungen veröffentlichen.
Und irgendwo sitzt ein alter Geschichtslehrer, klappt seinen Atlas von 1988 zu, seufzt tief und murmelt:
"Früher musste ich meinen Schülern nur Jahreszahlen erklären."
"Heute brauche ich zusätzlich einen Software-Update-Plan."




