Mecklenburg-Vorpommern steht vor einer Landtagswahl – und plötzlich entwickelt die dortige Parteienlandschaft eine Spannung, die man bislang hauptsächlich von der Frage kannte, ob die nächste Regionalbahn tatsächlich kommt.
Laut der genannten Infratest-dimap-Umfrage liegt die AfD mit 35 Prozent vorn. Die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig folgt allerdings bereits mit 32 Prozent. Drei Punkte Plus – innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit.
Politikwissenschaftler nennen so etwas „Aufholjagd“. Im Fußball würde man sagen: Der Gegner führt 3:2, aber die SPD hat gerade entdeckt, wo das Tor steht.
Die AfD wiederum dürfte angesichts der 35 Prozent bereits vorsorglich Maßbänder für die Staatskanzlei bestellen. Allerdings wäre Zurückhaltung angebracht. Umfragen sind schließlich keine Wahlergebnisse, sondern politische Wettervorhersagen: Manchmal scheint am Sonntag die Sonne, manchmal regnet es – und manchmal steht am Montag plötzlich jemand im Landtag, den am Freitag noch niemand auf dem Schirm hatte.
Besonders beeindruckend ist die CDU. Sie erreicht acht Prozent.
Acht.
Die ehemalige Volkspartei befindet sich damit statistisch irgendwo zwischen „politischer Kraft“ und „größere WhatsApp-Gruppe“. Noch ein paar Prozentpunkte weniger, und CDU-Wahlkampfveranstaltungen könnten künftig in einem mittelgroßen Carport stattfinden.
Die Linke kommt auf elf Prozent, die Grünen auf fünf. Damit beginnt das eigentliche Spektakel: Koalitions-Tetris Schwerin Edition.
Rot-Rot reicht nicht mehr. Rot-Rot-Grün könnte hingegen funktionieren – vorausgesetzt, die Grünen schaffen tatsächlich fünf Prozent. Mecklenburg-Vorpommerns Regierungsbildung hängt damit möglicherweise an einer Zahl, bei der normale Menschen überlegen, ob sie beim Onlinekauf noch genügend Rabatt bekommen.
Das BSW liegt bei vier Prozent und müsste draußen bleiben. Die FDP ebenfalls. Für Liberale wäre das besonders bitter: Die Partei könnte künftig vor dem Landtag stehen und erklären, dass der Markt das schon regeln werde – während drinnen ohne sie geregelt wird.
Und die CDU?
Die schließt Bündnisse mit der Linken aus. Mit der AfD ebenfalls. Bei acht Prozent ist das durchaus konsequent. Wer kaum Koalitionsmasse besitzt, kann schließlich besonders großzügig festlegen, mit wem er sie nicht teilen möchte.
So könnte am Ende eine bemerkenswerte Situation entstehen: Die AfD wird möglicherweise stärkste Kraft – und mehrere andere Parteien müssen gemeinsam eine Regierung bilden.
Nicht aus großer romantischer Zuneigung.
Sondern nach dem klassischen Prinzip deutscher Zweckgemeinschaften:
„Ich mag dich nicht. Du magst mich nicht. Aber der da hinten bekommt auf keinen Fall den Schlüssel.“
Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern.
Wo aus einer Landtagswahl langsam ein politischer Escape Room wird – und fünf Prozent darüber entscheiden könnten, wer den Ausgang findet.




