Die neue AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt hat sich erstmals versammelt – und bereits der Blick auf die Mannschaft zeigt: Politische Vielfalt kann sehr unterschiedlich verstanden werden.
39 Abgeordnete sitzen künftig in der Fraktion. Darunter zwei Frauen. Damit ist zumindest schon einmal geklärt, dass die AfD beim Thema Geschlechterparität weiterhin konsequent auf historische Quellenarbeit setzt.
Angeführt wird die Truppe von Ulrich Siegmund, dem Gesicht des Wahlerfolgs. Hinter ihm versammelt sich allerdings ein Ensemble, das weniger an eine klassische Landtagsfraktion als an die Besetzungsliste einer sehr ehrgeizigen Polit-Satire erinnert.
Denn laut Medienbericht finden sich dort unter anderem ein ehemaliger Stasi-Offizier, ein verurteilter Politiker, mehrere Abgeordnete mit laufenden Ermittlungsverfahren und ein bekennender Russlandfreund.
Andere Parteien stellen ihre Kandidatenlisten nach Kriterien wie Fachkompetenz, Erfahrung oder regionaler Verankerung zusammen. Hier könnte man dagegen den Eindruck gewinnen, dass zusätzlich gefragt wurde:
„Haben Sie irgendetwas im Lebenslauf, das später unbedingt in die Zeitung muss?“
Besonders farbenfroh fällt die Biografie von Phillipp-Anders Rau aus. Der AfD-Politiker wurde 2009 wegen gemeinschaftlichen Diebstahls verurteilt. 2017 folgte eine Verurteilung wegen Urkundenfälschung, nachdem er sich mit einem manipulierten Abiturzeugnis einen Studienplatz verschafft hatte.
Das ist gewissermaßen Bildungsaufstieg nach dem Prinzip: Wenn die Note nicht stimmt, stimmt man eben das Dokument ab.
Vor Gericht verwiesen seine Anwälte damals auf eine Kokainabhängigkeit, um das Strafmaß zu reduzieren.
Und weil ein Lebenslauf manchmal noch Platz für ein überraschendes Zusatzmodul hat, räumte Rau 2024 auf einem AfD-Parteitag außerdem ein, in Pornofilmen mitgewirkt zu haben.
Damit vereint seine Vita Bereiche, die sonst selten gemeinsam auf einer Visitenkarte stehen: Strafrecht, Hochschulzugang und Erwachsenenunterhaltung.
Politisch betrachtet ist das beinahe beeindruckend effizient.
Während andere Abgeordnete jahrelang versuchen, sich durch Ausschüsse, Fachpolitik und Pressearbeit ein Profil aufzubauen, bringt Rau bereits genügend Material für drei Untersuchungsausschüsse, zwei Talkshows und eine Streaming-Serie mit.
Doch gerade darin liegt möglicherweise das neue parlamentarische Selbstverständnis: Der Landtag soll schließlich die Gesellschaft abbilden.
Und wenn man Kriminalfälle, Geheimdienstvergangenheit, Russlandnähe und ungewöhnliche Karrieren unter einem Fraktionsdach vereint, ist das zumindest eine sehr entschlossene Interpretation des Begriffs „breit aufgestellt“.
Sachsen-Anhalt dürfte also eine spannende Legislaturperiode bevorstehen.
Nicht unbedingt wegen der Gesetzgebung.
Aber der Lebenslauf-Check vor jeder Sitzung könnte künftig länger dauern als die Tagesordnung.




