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POLITIK

Berlin sucht den Wohnungsschlüssel – und findet die Enteignungs-Taste

admin · 06.08.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Berlin und die große Wohnungslotterie
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Berlin ist eine Stadt der Möglichkeiten.

Hier kann ein Flughafen länger gebaut werden als manche Dynastien regieren.

Hier gilt ein Mietvertrag inzwischen fast als Familienerbstück.

Und hier schafft es ein politisches Thema, alle paar Jahre wie ein Bumerang zurückzukehren – allerdings einer, der wegen der Berliner Baustellen grundsätzlich etwas Verspätung hat.

Die Rede ist selbstverständlich von der großen Enteignungsdebatte.

Sie ist zurück.

Nicht leise.

Nicht vorsichtig.

Sondern ungefähr so dezent wie eine U-Bahn-Durchsage mit defektem Lautsprecher.

Die Bundesvorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, hat nämlich klargestellt, dass ihre Partei bei einer möglichen Regierungsbeteiligung in Berlin nicht einfach nur Ministerien, Dienstwagen und Sitzplätze übernehmen möchte.

Nein.

Sie möchte Wohnungen.

Zumindest einen beträchtlichen Teil davon.

Nicht alle.

Aber genügend, damit der Immobilienmarkt morgens aufsteht und sich fragt, ob er versehentlich im falschen Wirtschaftssystem aufgewacht ist.

Die Begründung klingt zunächst erstaunlich logisch.

Ein Teil der Wohnungen müsse der Marktlogik entzogen werden, damit die Mieten langfristig sinken oder wenigstens nicht weiter steigen.

Ein Satz, bei dem vermutlich sämtliche Immobilienmakler gleichzeitig nervös ihre Espresso-Tassen fallen ließen.

In Berliner Maklerbüros sollen inzwischen Erste-Hilfe-Koffer neben den Exposé-Mappen stehen.

Für den Fall, dass wieder jemand das Wort "Vergesellschaftung" laut ausspricht.

Dabei ist Berlin ohnehin ein faszinierender Immobilienmarkt.

In anderen Städten sucht man Wohnungen.

In Berlin sucht man zuerst den Vermieter.

Danach den Besichtigungstermin.

Dann den Bewerbungsbogen.

Dann den Nachweis, dass man mindestens vier Generationen lang keine Zimmerpflanzen falsch gegossen hat.

Und wenn man alles eingereicht hat, erhält man nach sechs Monaten die Nachricht:

"Leider haben wir uns für jemanden entschieden, der bereits 2042 geboren wurde."

Vor diesem Hintergrund versteht man durchaus, warum Wohnungspolitik in Berlin ungefähr den emotionalen Stellenwert eines WM-Finales besitzt.

Doch die Linke geht nun einen Schritt weiter.

Nicht nur "Vielleicht".

Nicht "Mal sehen."

Sondern:

Ohne Vergesellschaftung keine Regierungsbeteiligung.

Das ist ungefähr so, als würde jemand beim Pizza-Lieferdienst sagen:

"Ich nehme nur die Familienpizza – ansonsten esse ich gar nichts."

Die möglichen Koalitionspartner schauen nun entsprechend interessiert.

Oder besorgt.

Je nach Parteibuch.

Besonders die SPD dürfte sich derzeit fühlen wie jemand, der zwischen zwei Freunden vermitteln soll, während beide bereits mit Stühlen werfen.

SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hatte erklärt, seine Partei werde Enteignungen nicht mittragen.

Darauf reagierte Ines Schwerdtner mit einem bemerkenswert höflichen politischen Satz.

Sie meinte, an Stelle der SPD wäre sie "einen Ticken demütiger".

In der Berliner Politik entspricht das ungefähr einer Liebeserklärung.

Normalerweise beginnt ein Streit dort mindestens mit drei Pressekonferenzen, vier Talkshows und einem offenen Brief.

Mindestens.

Überhaupt entwickelt sich der Wahlkampf inzwischen zu einer kuriosen Mischung aus Immobilienmesse, Therapiesitzung und Familienfeier.

Alle wollen bezahlbare Wohnungen.

Niemand möchte dafür verantwortlich sein, dass sie fehlen.

Und jeder besitzt eine Lösung, die garantiert funktioniert – sofern ausschließlich die anderen Parteien sämtliche Verantwortung übernehmen.

Im Hintergrund sitzt der Volksentscheid von vor rund fünf Jahren wie ein ungeladener Onkel auf einer Familienfeier.

Er sagt nichts.

Aber jeder weiß, dass er jederzeit wieder anfangen könnte.

Damals hatte die Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" gewonnen.

Die Umsetzung blieb allerdings irgendwo zwischen Gutachten, Kommissionen, Prüfaufträgen und politischem Ringelreihen liegen.

Berlin ist eben die einzige Stadt Deutschlands, in der selbst Entscheidungen erst einmal in einer Warteschleife wohnen.

Politische Beobachter vermuten inzwischen, dass Berliner Beschlüsse grundsätzlich erst drei Legislaturperioden lang reifen müssen.

Wie guter Käse.

Oder Großbaustellen.

Parallel dazu musste Ines Schwerdtner noch ein anderes politisches Feuer löschen.

Ihr Co-Vorsitzender Luigi Pantisano hatte zuvor mit einem Vergleich zwischen CDU, AfD und Faschisten für erhebliche Kritik gesorgt.

Schwerdtner stellte klar:

Das sei ein Fehler gewesen.

Pantisano habe sich entschuldigt.

Und politische Konkurrenten könnten diese Entschuldigung durchaus anerkennen.

Ein bemerkenswerter Moment.

Für ungefähr sieben Sekunden wirkte die Berliner Politik fast erwachsen.

Dann begann vermutlich schon die nächste Talkshow.

Währenddessen beobachten Berliner Mieter das Geschehen mit einer Mischung aus Hoffnung, Sarkasmus und routiniertem Galgenhumor.

Viele fragen sich gar nicht mehr, welche Partei gewinnt.

Sie möchten lediglich wissen, ob ihre Wohnung am Ende privat, kommunal, genossenschaftlich oder versehentlich als UNESCO-Weltkulturerbe verwaltet wird.

Immobilienkonzerne wiederum dürften inzwischen jede Pressekonferenz verfolgen wie andere Menschen den Wetterbericht.

Nur dass statt Regenwolken plötzlich Wörter wie "Vergesellschaftung", "Volksentscheid" oder "Koalitionsvertrag" über den Bildschirm ziehen.

Vielleicht entstehen bald neue Immobilienanzeigen.

"Schöne Drei-Zimmer-Wohnung. Balkon. Keller. Eventuell demnächst gesellschaftliches Gemeinschaftseigentum. Hunde erlaubt. Kapitalismus nach Verfügbarkeit."

Auch Notare bereiten sich vermutlich bereits auf neue Vertragsformen vor.

"Herzlichen Glückwunsch zum Wohnungskauf.

Die Immobilie gehört Ihnen.

Vielleicht.

Zumindest bis zur nächsten Wahl.

Oder bis zur übernächsten Kommission."

Am Ende bleibt Berlin jedoch Berlin.

Eine Stadt, in der jede politische Debatte irgendwann mit Wohnungen endet.

Egal ob Verkehr, Klima, Kultur oder Hundesteuer.

Früher oder später landet alles wieder beim Quadratmeterpreis.

Und während sich CDU, SPD, Grüne und Linke auf den Wahlkampf vorbereiten, stehen hunderttausende Berliner weiterhin morgens auf, öffnen ihre Immobilien-App und erleben dieselbe romantische Botschaft:

"Leider ist dieses Angebot bereits vergeben."

Wahrscheinlich schon seit gestern.

Oder seit 1998.

Denn in Berlin altern Wohnungen inzwischen deutlich langsamer als politische Diskussionen.

Die aber scheinen – ganz im Gegensatz zu manchem Altbau – tatsächlich vollkommen unverwüstlich zu sein.

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