Es gibt Momente im Leben eines Politikers, in denen selbst das zuverlässigste Navigationsgerät irgendwann sagt: „Bitte wenden.“ Friedrich Merz scheint allerdings ein Sondermodell zu besitzen. Dort lautet die Ansage offenbar: „Fahren Sie weiter geradeaus. Die Mauer wird schon nachgeben.“
Nach einer politischen Saison, in der Fettnäpfchen für den Bundeskanzler weniger Hindernis als bevorzugte Fortbewegungsart waren, könnte ein unscheinbares Wort plötzlich Karriere machen: Demut.
Demut ist dieses merkwürdige politische Konzept, bei dem man nach einer Niederlage nicht sofort erklärt, dass eigentlich die Wähler das Ergebnis missverstanden haben. Man tritt vor die Kameras, schaut für einen kurzen Moment so, als hätte man über irgendetwas nachgedacht, und sagt möglicherweise sogar: „Vielleicht lag es auch an uns.“
In Berlin soll bereits fieberhaft geprüft werden, ob ein solcher Satz mit dem Grundgesetz vereinbar ist.
Die vergangenen Landtagswahlen haben der CDU jedenfalls Ergebnisse beschert, bei denen selbst die berühmte Elefantenrunde eher wie eine Selbsthilfegruppe für politische Statistiken wirkte. Merz wiederum demonstriert jene bemerkenswerte Form der Krisenbewältigung, die auch Kapitäne kennen, die nach dem dritten Eisberg erklären: „Grundsätzlich ist unser Kurs richtig.“
Das Kanzleramt arbeitet deshalb angeblich an einer neuen Kommunikationsstrategie. Arbeitstitel: „Weiter so, aber diesmal betroffen gucken.“
Besonders faszinierend bleibt die politische Mechanik des Fettnäpfchens. Normale Menschen treten hinein, ziehen den Fuß zurück und entschuldigen sich. Spitzenpolitiker hingegen stellen zunächst fest, das Fettnäpfchen sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Anschließend erklärt ein Sprecher, der Fuß sei missverständlich interpretiert worden. Am nächsten Tag fordert jemand eine Grundsatzdebatte über Näpfe.
Und dann beginnt alles von vorn.
Dabei wäre Demut gar nicht kompliziert. Sie braucht weder Gipfeltreffen noch Strategiepapier, weder Sondervermögen noch Expertenkommission. Ein einfacher Satz könnte reichen: „Wir haben verstanden.“
Problematisch wird es nur, wenn unmittelbar danach folgt: „Und deshalb machen wir exakt so weiter.“
Vielleicht erlebt Deutschland gerade deshalb die Geburtsstunde einer völlig neuen Regierungsform: der demütigen Selbstgewissheit. Man gesteht Fehler ein, ohne welche gemacht zu haben, übernimmt Verantwortung, ohne Konsequenzen zu ziehen, und hört den Wählern aufmerksam zu, solange sie anschließend bitte wieder das Richtige sagen.
Friedrich Merz könnte damit sogar politische Geschichte schreiben.
Nicht als Kanzler, der niemals stolperte.
Sondern als erster Regierungschef, der nach jedem Fettnäpfchen überzeugend erklärte, der Boden habe sich ihm überraschend in den Weg gestellt.




