Deutschland macht seine Verteidigung zukunftsfähig. Und weil moderne Kriegsführung vor allem eines braucht – Unsichtbarkeit –, bekommt nun auch die Rüstungsbeschaffung eine Tarnkappe.
Nicht für Panzer.
Nicht für Flugzeuge.
Nicht für Drohnen.
Sondern für Kostensteigerungen.
Die Idee gilt intern bereits als technischer Durchbruch. Künftig sollen Mehrkosten bei großen Rüstungsprojekten so geschickt verborgen werden, dass sie weder Haushaltsausschuss noch Öffentlichkeit auf den ersten Blick erkennen können. Erst bei genauer Untersuchung durch den Bundesrechnungshof tauchen sie plötzlich auf.
Fachleute sprechen von fiskalischer Stealth-Technologie.
Das Prinzip ist einfach: Ein Projekt kostet offiziell 4,8 Milliarden Euro. Dann wird gebaut, geändert, neu geplant, nachverhandelt, geprüft, nachgebessert, verschoben und neu ausgeschrieben. Am Ende kostet es 13,6 Milliarden.
Aber auf den ersten 800 Seiten der Unterlagen sieht es weiterhin nach 4,8 Milliarden aus.
Technologisch hoch beeindruckend.
Unsichtbar für das menschliche Auge
Die neue Tarnkappe arbeitet mit mehreren Schichten.
Ganz außen befindet sich eine sogenannte „ursprüngliche Kostenschätzung“.
Darunter folgt eine Schicht aus „unvorhersehbaren Anpassungen“.
Dann kommt „geänderte Sicherheitslage“.
Darunter liegen „technische Nachforderungen“, „Inflation“, „Lieferketten“, „Qualitätssicherung“ und die besonders leistungsfähige Beschichtung „war leider so nicht absehbar“.
Diese Kombination soll Mehrkosten nahezu vollständig absorbieren.
Ein Sprecher aus dem Umfeld der Beschaffung erklärte, bei ersten Tests sei es gelungen, einen Aufschlag von 2,1 Milliarden Euro so zu tarnen, dass er erst auf Seite 437 eines Nachtragsdokuments sichtbar wurde.
Das sei Weltklasse.
Andere NATO-Staaten seien beeindruckt.
Frankreich habe bereits angefragt, ob Deutschland die Technologie exportieren könne.
Deutschland prüft noch, ob dafür erst ein Exportkontrollverfahren eingerichtet werden muss.
Die Bundeswehr beschafft jetzt auch Nebel
Neben der Tarnkappe soll zusätzlich eine neue Generation bürokratischen Nebels beschafft werden.
Dieser dient dazu, kritische Fragen gezielt zu erschweren.
Wenn etwa gefragt wird: „Warum kostet das Projekt jetzt doppelt so viel?“, setzt automatisch ein feiner Verwaltungsschleier ein.
Dann lautet die Antwort nicht:
„Weil es teurer geworden ist.“
Sondern:
„Aufgrund einer dynamisch fortentwickelten Anforderungsarchitektur im Kontext veränderter operationeller Rahmenbedingungen ergeben sich projektbezogene Anpassungsbedarfe.“
Nach diesem Satz ist die Mehrzahl der Zuhörer entweder verwirrt oder eingeschlafen.
Beides gilt als erfolgreiche Tarnung.
Haushaltsausschuss erhält neue Spezialbrillen
Ganz unsichtbar dürfen die Kosten allerdings nicht sein.
Das wäre haushaltsrechtlich problematisch.
Deshalb sollen Mitglieder des Haushaltsausschusses künftig spezielle Prüfbrillen erhalten.
Diese zeigen neben jedem Preis drei Werte:
den ursprünglichen Preis,
den aktuellen Preis
und den Preis, über den man heute lieber nicht sprechen möchte.
Ein Fahrzeug mit einem offiziellen Preis von 12 Millionen Euro könnte dann zum Beispiel mit 12 Millionen, 18 Millionen und „bitte vertraulich behandeln“ ausgezeichnet sein.
Damit soll maximale Transparenz geschaffen werden.
Politisch versteht man unter Transparenz bekanntlich nicht, dass jeder alles sieht.
Sondern dass alles irgendwo steht.
Der Bundesrechnungshof bleibt Endgegner
Probleme bereitet allerdings der Bundesrechnungshof.
Dessen Prüfer verfügen offenbar über eine Art natürliches Gegenradar.
Wo Ministerien nur Projektfortschritt sehen, erkennen sie plötzlich Nachträge, Verzögerungen, Fehlplanungen und Rechnungen mit acht Nullen.
Das Verteidigungsministerium prüft daher angeblich bereits, ob der Bundesrechnungshof künftig zuerst eine Sicherheitsfreigabe für schlechte Nachrichten benötigt.
Auch eine technische Lösung wird diskutiert.
Künftige Prüfberichte könnten auf besonders reflektionsarmem Papier gedruckt werden.
Oder in Schriftgröße 5.
Oder vollständig in einer Excel-Datei mit 46 Tabellenblättern, davon zwölf „final“, neun „final_neu“ und vier „final_neu_wirklich“.
Experten halten insbesondere letztere Methode für nahezu unangreifbar.
Der neue Panzer: halb sichtbar, ganz teuer
Als erstes Demonstrationsprojekt könnte ein neuer Tarnpanzer dienen.
Er soll im Gelände kaum sichtbar sein.
Bei der derzeitigen Planung ist allerdings bereits klar, dass vor allem sein Preis gut getarnt werden kann.
Offiziell beginnt das Projekt bei 7 Milliarden Euro.
Dann kommen Zusatzmodule.
Neue Sensorik.
Software.
Neue Software für die Software.
Cyber-Schutz.
Neue Schnittstellen.
Schutz vor Drohnen.
Ein Update für den Schutz vor Drohnen.
Und schließlich eine Arbeitsgruppe zur Frage, warum alles so teuer geworden ist.
Diese Arbeitsgruppe kostet 38 Millionen Euro.
Sie kommt nach zweieinhalb Jahren zu dem Ergebnis:
Das Projekt ist teurer geworden.
Der Bericht umfasst 612 Seiten.
Auch Liefertermine werden unsichtbar
Die Tarntechnologie soll bald nicht nur Preise, sondern auch Termine verschleiern.
Ein Liefertermin wie „2028“ könnte künftig so behandelt werden, dass er langsam in Richtung „2031“, „2034“ und schließlich „nach aktueller Planung“ wandert.
Die Verantwortlichen betonen, das sei keine Verzögerung.
Es handle sich um eine zeitliche Signaturreduzierung.
Auch das klingt militärisch.
Und Militärbegriffe sind in der Beschaffung wichtig.
„Zu spät“ klingt nach Fehler.
„Zeitliche Signaturreduzierung“ klingt nach NATO-Konferenz.
Die Politik ist begeistert
Politisch hat die Idee große Vorteile.
Verteidigungsminister können künftig neue Projekte vorstellen und dabei deutlich niedrigere Zahlen nennen.
Finanzminister müssen weniger oft zusammenzucken.
Abgeordnete können zustimmen, ohne sofort Taschenrechner zu brauchen.
Und die Öffentlichkeit erhält das beruhigende Gefühl, dass Deutschland endlich moderne Rüstung beschafft, ohne dass gleichzeitig irgendwo eine dreistellige Milliardenzahl durchs Bild läuft.
Zumindest zunächst.
Die Wahrheit kommt später.
Das ist im Rüstungsbereich traditionell so.
Der perfekte deutsche Rüstungsauftrag
Damit hätte Deutschland endlich das perfekte Beschaffungsmodell.
Ein Projekt ist zuerst günstig.
Dann alternativlos.
Dann dringend.
Dann komplex.
Dann teurer.
Dann erheblich teurer.
Dann untersucht der Bundesrechnungshof den Vorgang.
Und schließlich erklärt jemand in Berlin:
„Aus heutiger Sicht würde man bestimmte Entscheidungen anders treffen.“
Dieser Satz gilt im deutschen Staat inzwischen als akustisches Ende eines Projekts.
Kurz darauf beginnt das nächste.
Natürlich moderner.
Natürlich effizienter.
Natürlich besser geplant.
Und selbstverständlich deutlich günstiger.
Zumindest so lange, bis jemand die Tarnkappe abnimmt.




