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KOLUMNE

Der Bundestag führt das Bonusheft ein – Zehn Sitzungen, eine Gratisdebatte und ein Kaffee aufs Haus

admin · 19.07.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Treuepunkte statt Tagesordnung im Bundestag
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Lange wurde darüber diskutiert, wie sich die Motivation der Bundestagsabgeordneten steigern lässt.

Mehr Sachpolitik?

Zu aufwendig.

Kürzere Reden?

Zu unrealistisch.

Mehr Einigkeit?

Bitte bleiben wir glaubwürdig.

Nun wurde endlich eine Lösung gefunden, die den parlamentarischen Betrieb revolutionieren dürfte.

Ab sofort gibt es das offizielle Bundestags-Treueprogramm.

Jede absolvierte Plenarsitzung bringt einen Punkt.

Wer fleißig sammelt, erhält attraktive Prämien.

Die Nachricht verbreitete sich im Reichstagsgebäude schneller als ein Gerücht über einen freien Parkplatz.

Schon am ersten Morgen bildeten sich lange Schlangen vor den neuen Treuepunkt-Terminals.

Einige Abgeordnete fragten höflich:

"Wo halte ich meine Fraktionskarte dran?"

Andere wollten wissen, ob verspätetes Erscheinen nur halbe Punkte bringt.

Die Bundestagsverwaltung reagierte professionell.

Natürlich wurde sofort ein 380 Seiten starkes Handbuch veröffentlicht.

Kapitel 1:

Was ist ein Treuepunkt?

Kapitel 2:

Wann gilt eine Sitzung als vollständig besucht?

Kapitel 3:

Zählen auch Reden, bei denen niemand zuhört?

Kapitel 4 bis 379:

Ausnahmefälle.

Schon nach wenigen Stunden entwickelte sich im Plenarsaal ein völlig neues Sozialverhalten.

Früher verließen viele Abgeordnete den Saal nach ihrer Rede.

Heute sprinten sie zurück auf ihren Platz, sobald die digitale Anwesenheitsanzeige aufleuchtet.

Man will schließlich keinen Punkt verschenken.

Die Sitzungsleitung musste mehrfach darum bitten, das gegenseitige Wegschubsen vor dem Eingang einzustellen.

Ein besonders ehrgeiziger Parlamentarier soll bereits am Vorabend mit Schlafsack im Reichstag übernachtet haben.

Man könne nie wissen, wann die Bonusaktion beginne.

Zur Sicherheit.

Die Prämienliste sorgte für Begeisterung.

Bereits zehn Punkte berechtigen zu einer Gratisdebatte ohne Zwischenrufe.

Fünfzehn Punkte bringen einen exklusiven Getränkegutschein für die Bundestagskantine.

Zwanzig Punkte können gegen einen "Ich höre wirklich zu"-Gutschein eingelöst werden, der während einer Rede tatsächlich Aufmerksamkeit garantiert.

Diese Prämie gilt allerdings als nahezu unbezahlbar und ist regelmäßig ausverkauft.

Bei fünfzig Punkten wird es luxuriös.

Der Gewinner darf eine Rede halten, ohne dass jemand gleichzeitig auf sein Smartphone schaut.

Politikwissenschaftler halten diese Auszeichnung für rein theoretischer Natur.

Ab hundert Punkten winkt schließlich der Jackpot.

Ein persönlicher Parkplatz näher am Reichstag als sämtliche Fernsehübertragungswagen.

Die Warteliste reicht bereits bis ins Jahr 2048.

Natürlich entstanden sofort kreative Ideen zur Punkteoptimierung.

Einige Fraktionen schlugen Doppelpunktwochen vor.

Andere wollten Happy Hour im Parlament.

"Montag bis Mittwoch – jede Sitzung zählt doppelt."

Der Haushaltsausschuss prüft bereits, ob es einen Familienrabatt für besonders große Fraktionen geben kann.

Auch Koalitionen entdecken neue Möglichkeiten.

"Wenn ihr unserem Gesetz zustimmt, übertragen wir euch drei Bonuspunkte."

Juristen erklärten vorsorglich, dass dies selbstverständlich keine Vorteilsgewährung, sondern "parlamentarische Kundenbindung" sei.

Besonders hektisch wurde es im Ältestenrat.

Dort musste zunächst geklärt werden, ob Zwischenrufe ebenfalls Bonuspunkte bringen.

Nach stundenlangen Beratungen entschied man sich für ein differenziertes Modell.

Sachlicher Zwischenruf:

Ein halber Punkt.

Origineller Zwischenruf:

Ein Punkt.

Zwischenruf, der anschließend in den Abendnachrichten landet:

Drei Punkte.

Persönliche Beleidigung:

Minus fünf Punkte und Nachschulung im Fach "Erwachsene Kommunikation".

Einige Abgeordnete begannen sofort mit strategischer Planung.

Statt Urlaub zu beantragen, fragten sie nach den kommenden Sitzungswochen.

"Fällt Weihnachten zufällig auf eine Plenarsitzung?"

"Kann man Punkte aus dem Vorjahr übertragen?"

"Verfallen sie nach der Legislaturperiode?"

Die Bundestagsverwaltung antwortete gelassen.

Selbstverständlich gibt es künftig das Paybacklament.

Die Punkte bleiben erhalten.

Sie können vererbt werden.

Nicht eingelöste Punkte werden allerdings automatisch in Geschäftsordnungsanträge umgerechnet.

Das wollte allerdings niemand.

Besonders kreativ zeigte sich die Lobby der Ausschussmitglieder.

Sie verlangte Sonderpunkte für besonders lange Sitzungen.

Schließlich könne niemand ernsthaft behaupten, acht Stunden Haushaltsdebatte seien genauso viel wert wie eine halbstündige Aktuelle Stunde.

Der Finanzausschuss beantragte daraufhin ein Bonusmultiplikator-System.

Je trockener das Thema, desto mehr Punkte.

Steuerrecht:

Faktor zwei.

Haushaltsordnung:

Faktor drei.

Europäische Richtlinien zur Kennzeichnung von Verpackungsetiketten:

Automatisch Goldstatus.

In der Kantine wurde bereits eine exklusive Premium-Lounge für Platin-Abgeordnete eingerichtet.

Zugang erhält nur, wer mindestens 250 Punkte gesammelt hat.

Dort gibt es frisch gebrühten Kaffee, funktionierende Kugelschreiber und WLAN ohne Aussetzer.

Für viele Parlamentarier klang das wie ein luxuriöser Wellnessurlaub.

Natürlich blieb die Opposition nicht untätig.

Sie kritisierte, das Punktesystem bevorzuge Regierungsfraktionen.

Die Regierung entgegnete, das stimme überhaupt nicht.

Alle hätten dieselben Chancen.

Man müsse lediglich häufiger erscheinen.

Die Debatte dauerte drei Stunden.

Alle Beteiligten freuten sich anschließend über zusätzliche Treuepunkte.

Auch die Medien sprangen auf den Trend auf.

Politische Talkshows blendeten künftig nicht mehr nur Umfragewerte ein.

Sondern auch den aktuellen Punktestand.

"Willkommen bei 'Hart aber Bonus'."

"Unser heutiger Spitzenreiter hat bereits 143 Sitzungssterne gesammelt."

Wahlforscher zeigten sich begeistert.

Endlich gebe es neben Erst- und Zweitstimme noch eine dritte Kennzahl.

Die Sammelleidenschaft.

Der Bundesrechnungshof meldete vorsichtig Bedenken an.

Man müsse prüfen, ob Treuepunkte bilanziell als Vermögenswert gelten.

Das Finanzministerium setzte sofort eine Expertenkommission ein.

Deren Abschlussbericht wird voraussichtlich kurz nach der Eröffnung des ersten Bundestags-Freizeitparks veröffentlicht.

Selbst internationale Parlamente beobachteten das deutsche Modell mit Interesse.

Aus Frankreich kamen Anfragen zum Punktesystem.

Großbritannien wollte wissen, ob Bonuspunkte auch bei hitzigen Debatten gelten.

Die Schweiz fragte höflich, ob sich Punkte neutral verhalten.

Am Ende stand jedoch die größte Überraschung überhaupt.

Seit Einführung des Treueprogramms waren die Plenarsäle tatsächlich voller.

Abgeordnete erschienen pünktlich.

Blieben länger.

Hörten gelegentlich sogar zu.

Nicht aus politischer Überzeugung.

Sondern weil hinter der nächsten Ecke vielleicht schon der goldene Bonusstempel wartete.

Die Demokratie hatte damit ein völlig neues Kapitel aufgeschlagen.

Nicht mit großen Reformen.

Nicht mit historischen Reden.

Sondern mit einem kleinen Heftchen voller Sammelfelder.

Und irgendwo im Reichstag fragte ein frisch gewählter Abgeordneter ganz unschuldig:

"Entschuldigung... gibt es auch doppelte Punkte an Brückentagen?"

Die Bundestagsverwaltung antwortete routiniert:

"Nur mit vorherigem Stempel der Fraktionsgeschäftsstelle."

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