Jahrelang fragten sich Politikberater, wie man das Interesse der Bevölkerung an Ministerpräsidentenkonferenzen steigern könnte.
Die bisherigen Übertragungen galten als schwierig.
Sehr schwierig.
So schwierig, dass manche Zuschauer bereits nach drei Minuten glaubten, versehentlich einen Livestream aus einer Fortbildung für Aktenordner eingeschaltet zu haben.
Doch nun kommt die Revolution.
Die Ministerpräsidentenkonferenz wird künftig als große Reality-Show produziert.
Live.
In Farbe.
Mit Publikumsvoting.
Und natürlich mit Premium-Abonnement.
Die Sendung trägt den offiziellen Titel:
„Deutschland sucht die Super-Verordnung“
Jeden Freitagabend um 20:15 Uhr.
Direkt nach dem Wetter.
Noch vor dem Tatort.
Politische Beobachter sprechen bereits von der größten Reform seit der Erfindung des Föderalismus.
Das neue Format ist simpel.
Die Ministerpräsidenten betreten einzeln die Bühne.
Unter dramatischer Musik.
Begleitet von Nebelmaschinen.
Feuerfontänen.
Und einem Sprecher, der ruft:
„Hier kommt der Mann, der zwölf Wochen lang über die Öffnungszeiten von Hallenbädern verhandelt hat – Ministerpräsident Nummer sieben!“
Das Publikum rastet aus.
Konfetti regnet von der Decke.
Irgendwo weint ein Staatsrechtler.
In der ersten Runde präsentieren die Länder ihre Vorschläge.
Bayern fordert längere Biergartenzeiten.
Berlin beantragt zusätzliche Feiertage für kreative Selbstfindung.
Hamburg möchte einen Hafenbonus.
Sachsen schlägt vor, grundsätzlich gegen alles zu sein, bis weitere Informationen vorliegen.
Schleswig-Holstein beantragt Rückenwind.
Die Juroren hören aufmerksam zu.
Anschließend beginnt die entscheidende Phase.
Das Publikum stimmt per SMS ab.
Nicht über Kandidaten.
Über Verordnungen.
Wer mit einer neuen Regelung einverstanden ist, sendet eine SMS mit dem Text:
JA 1
Wer dagegen ist:
NEIN 1
Wer keine Ahnung hat:
SPD
Innerhalb weniger Minuten gehen Millionen Stimmen ein.
Einige Verordnungen erhalten überraschende Mehrheiten.
Andere scheitern dramatisch.
Besonders tragisch verlief die Abstimmung über eine neue Verwaltungsrichtlinie zur Optimierung interkommunaler Formularprozesse.
Der Vorschlag erhielt exakt drei Stimmen.
Zwei davon stammten von den Autoren.
Die dritte offenbar von einem Bot.
Die Einschaltquoten explodieren.
Bereits nach der ersten Sendung verdrängt die MPK sämtliche Konkurrenzformate.
Selbst Castingshows wirken plötzlich langweilig.
Dort geht es nur um Gesang.
Hier geht es um Parkgebühren.
Das ist deutlich emotionaler.
Besonders beliebt wird die Rubrik:
„Wer wird Verordnungsmillionär?“
Ministerpräsidenten beantworten Fragen zu ihren eigenen Beschlüssen.
Beispielsweise:
„Welche Verordnung haben Sie vor sechs Monaten beschlossen?“
A: Weiß ich nicht
B: Weiß mein Staatssekretär
C: War das nicht Hessen?
D: Welche Verordnung?
Die Gewinnquote liegt bei erschreckenden acht Prozent.
Parallel dazu entstehen Fanlager.
Der „Team-Wüst“-Fanclub verkauft bereits Schals.
Die Anhänger von Markus Söder organisieren Choreografien.
In Niedersachsen gründen sich erste Ultra-Gruppen.
Politikwissenschaftler sprechen von einer bedenklichen Entwicklung.
Fernsehsender sprechen von hervorragenden Einschaltquoten.
Natürlich erhält auch die Sendung eine Jury.
Diese besteht aus:
- einem Verfassungsrichter,
- einem ehemaligen Wettermoderator,
- einer Verwaltungsfachangestellten,
- und Dieter Bohlen.
Niemand weiß warum.
Aber die Produzenten bestehen darauf.
Nach jeder Entscheidung bewertet die Jury die Verordnung.
Der Verfassungsrichter analysiert die Rechtslage.
Der Wettermoderator erklärt die Windrichtung.
Die Verwaltungsfachangestellte korrigiert Formfehler.
Und Dieter Bohlen sagt:
„Das war leider überhaupt nicht bundesligatauglich.“
Das Publikum jubelt.
In der zweiten Staffel werden weitere Funktionen eingeführt.
Zuschauer können gegen Aufpreis sogenannte Boost-Stimmen kaufen.
Für 1,99 Euro zählt die eigene Stimme doppelt.
Für 4,99 Euro dreifach.
Für 9,99 Euro wird zusätzlich ein digitaler Föderalismus-Sticker freigeschaltet.
Die Finanzminister der Länder zeigen sich begeistert.
Noch nie wurde Demokratie so profitabel gestaltet.
Besonders erfolgreich ist die neue Kategorie:
„Das große Verordnungs-Battle“
Hier treten zwei Ministerpräsidenten gegeneinander an.
Jeder hat drei Minuten Zeit, eine neue Regelung zu präsentieren.
Wer das Publikum überzeugt, gewinnt.
Wer verliert, muss vier Stunden lang einen Haushaltsplan vorlesen.
Bisher hat niemand freiwillig verloren.
Die Bundesregierung beobachtet das Format mit gemischten Gefühlen.
Einerseits droht ein Kompetenzverlust.
Andererseits erreicht die Politik erstmals Einschaltquoten wie die Fußball-Bundesliga.
Das Kanzleramt prüft daher ein eigenes Format.
Arbeitstitel:
„The Voice of Koalition“
Mit Blind Auditions für Ministerposten.
Der eigentliche Höhepunkt bleibt jedoch das große Staffelfinale.
Dort wird die wichtigste Verordnung des Jahres gewählt.
Millionen Bürger sitzen vor den Bildschirmen.
Familien diskutieren.
Freundschaften zerbrechen.
Nachbarschaften spalten sich.
Weil die Frage lautet:
Soll die Mülltrennung künftig in sechs oder sieben Kategorien erfolgen?
Die Spannung erreicht historische Ausmaße.
Um 23:48 Uhr steht das Ergebnis fest.
Das Publikum jubelt.
Feuerwerk steigt auf.
Die Gewinnerverordnung erhält einen Platin-Status.
Und irgendwo sitzt ein alter Verwaltungsbeamter vor dem Fernseher, wischt sich eine Träne aus dem Auge und flüstert:
„Endlich interessiert sich jemand für unsere Formulare.“
Es ist der glücklichste Moment seines Lebens.




