Im Weißen Haus soll seit Kurzem eine außergewöhnliche Betriebsamkeit herrschen. Während Berater über Handelsabkommen, Sicherheitspolitik und diplomatische Beziehungen diskutieren, sitzt Donald Trump angeblich vor einem gigantischen Flipchart mit der Überschrift:
„Wie mache ich die Welt endlich zu einem Turnier?“
Nach mehreren Stunden intensiver Überlegung soll ihm schließlich der Geistesblitz gekommen sein.
„Wir brauchen keinen neuen Diplomaten.“
Kurze Pause.
„Wir brauchen einen Schiedsrichter.“
Und wer wäre dafür geeigneter als Gianni Infantino, der Mann, der es geschafft hat, dass sich Hunderte Fußballverbände regelmäßig darüber streiten, wer sich am wenigsten benachteiligt fühlt?
Donald Trump soll daraufhin begeistert in die Hände geklatscht haben.
„Perfekt! Der Mann kennt Chaos. Der ist qualifiziert.“
Seitdem, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, wird im Weißen Haus fieberhaft an der größten Verwaltungsreform seit Erfindung des Kugelschreibers gearbeitet.
Die Vereinten Nationen sollen künftig nicht mehr aus Mitgliedsstaaten bestehen.
Sondern aus Mannschaften.
Jedes Land erhält einen Trainer.
Eine Ersatzbank.
Einen Fanblock.
Und selbstverständlich einen offiziellen Ausrüster.
Internationale Konflikte beginnen künftig nicht mehr mit diplomatischen Noten.
Sondern mit der Platzwahl.
„Russland oder Ukraine – wer beginnt?“
„Bitte Münzwurf.“
„China gegen die USA?“
„Neutraler Rasen.“
„Frankreich gegen Großbritannien?“
„Elfmeterschießen reicht vermutlich.“
Donald Trump hält das für einen gewaltigen Fortschritt.
„Man spart unglaublich viel Zeit.“
„Und die Zuschauer bleiben bis zum Schluss dran.“
Die UNO selbst soll vollständig modernisiert werden.
Der Sicherheitsrat wird in Champions Council umbenannt.
Das Vetorecht verschwindet.
Stattdessen gibt es Freistöße.
Jede Resolution wird künftig von einem Schiedsrichter gepfiffen.
Die Generalversammlung beginnt nicht mehr mit einer Rede.
Sondern mit der Nationalhymne und einer Stadiondurchsage.
„Herzlich willkommen zur heutigen Begegnung:
Planet Erde gegen sich selbst.“
Auf der Ehrentribüne sitzt Donald Trump mit einem riesigen Becher Popcorn.
Neben ihm Gianni Infantino.
Beide tragen Headsets.
Nicht für Übersetzungen.
Sondern weil sie sich permanent darüber austauschen, ob die Menschheit inzwischen Gelb oder bereits Rot verdient hat.
Der eigentliche Höhepunkt kommt allerdings erst mit dem neuen diplomatischen Regelwerk.
Jeder Staatschef darf künftig nur noch drei Beschwerden pro Halbzeit einreichen.
Wer länger als zehn Minuten redet, erhält automatisch Gelb wegen Zeitspiels.
Wer dieselbe Rede zum achten Mal hält, wird wegen Wiederholungstäterschaft ausgewechselt.
Und wer während einer Pressekonferenz das Mikrofon anschreit, muss für zwei Gipfeltreffen auf die Tribüne.
Besonders innovativ ist der Einsatz des Videoschiedsrichters.
Im Keller der Vereinten Nationen sitzen künftig Dutzende Diplomaten vor riesigen Monitoren.
„Bitte prüfen, ob diese Empörung regelkonform war.“
„Moment.“
„Wir brauchen noch die Kameraperspektive aus Genf.“
„Und die Aufnahme der Überwachungskamera.“
Vier Stunden später erscheint auf allen Bildschirmen:
„Nach intensiver Prüfung bleibt die ursprüngliche Verwirrung bestehen.“
Das Publikum applaudiert höflich.
Niemand versteht die Entscheidung.
Aber genau das kennt man bereits aus internationalen Organisationen ebenso wie aus Fußballturnieren.
Donald Trump ist begeistert.
Er schlägt sofort weitere Reformen vor.
Kriege werden künftig in zwei Halbzeiten ausgetragen.
Wirtschaftskrisen erhalten Nachspielzeit.
Inflation spielt grundsätzlich auswärts.
Und Rezessionen müssen sich zunächst für die Gruppenphase qualifizieren.
Der Internationale Währungsfonds bekommt einen neuen Namen.
Financial Fair Play Committee.
Die Weltbank veröffentlicht keine Wirtschaftsberichte mehr.
Nur noch Tabellenstände.
„Deutschland verbessert sich um zwei Plätze.“
„Argentinien steigt wegen überzogener Transferausgaben ab.“
„Luxemburg gewinnt überraschend den Fairnesspreis.“
Gianni Infantino hört sich diese Ideen geduldig an.
Er nickt gelegentlich.
Vor allem deshalb, weil niemand genau weiß, wie man höflich reagiert, wenn Donald Trump mit leuchtenden Augen erklärt, dass künftig jede UN-Resolution mit einer La-Ola-Welle beschlossen werden sollte.
Doch Trump denkt längst größer.
Sehr viel größer.
Er plant den diplomatischen Transfermarkt.
Staatschefs wechseln künftig wie Mittelstürmer.
„Frankreich verpflichtet kurzfristig den finnischen Außenminister.“
„Kanada leiht sich für sechs Monate den Präsidenten von Costa Rica.“
„Belgien verpflichtet zwei Schweizer Diplomaten ablösefrei.“
Journalisten berichten live.
Experten analysieren Transfergerüchte.
Und irgendwo sitzt ein Berater und erklärt ernsthaft:
„Die politische Chemie zwischen beiden Lagern stimmt einfach nicht. Vielleicht hilft ein Leihgeschäft.“
Natürlich bleibt auch die Presse nicht verschont.
Pressekonferenzen finden künftig ausschließlich in der Mixed Zone statt.
Reporter halten Mikrofone zwischen Staatsoberhäupter.
„Herr Donald Trump, warum wurde die Resolution verschoben?“
„Der Rasen war zu trocken.“
„Herr Gianni Infantino, wie bewerten Sie die Friedensverhandlungen?“
„Wir müssen von Gipfel zu Gipfel denken.“
„Herr António Guterres, möchten Sie sich dazu äußern?“
„Ich habe Urlaub beantragt.“
Selbst die diplomatische Sprache verändert sich.
Man spricht nicht mehr von Spannungen.
Sondern von Derbycharakter.
Keine Krise eskaliert.
Sie geht lediglich in die Verlängerung.
Ein Embargo ist künftig eine taktische Auswechslung.
Und ein Staatsbesuch gilt offiziell als Auswärtsspiel.
Die Vereinten Nationen erhalten selbstverständlich auch ein neues Maskottchen.
Es trägt einen maßgeschneiderten Anzug, schwenkt eine Weltkugel wie einen Fußball und verteilt bei Bedarf gelbe Karten an Mikrofone, Dolmetscher oder besonders lange Redebeiträge.
Donald Trump präsentiert das Konzept stolz.
„Die Quoten werden fantastisch.“
„Noch nie haben sich so viele Menschen freiwillig Sicherheitsratssitzungen angesehen.“
„Wir verkaufen sogar VIP-Tickets.“
Die erste Reihe ist selbstverständlich ausverkauft.
Popcorn inklusive.
Gianni Infantino verfolgt das Ganze mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der sich fragt, ob ein Funkloch auf einer einsamen Berghütte nicht vielleicht doch die bessere Karriereplanung gewesen wäre.
Denn eigentlich scheint er seinen derzeitigen Arbeitsplatz gar nicht verlassen zu wollen.
Dort kennt er die Regeln.
Zumindest ungefähr.
Die Verbände unterstützen ihn in großer Zahl.
Und Diskussionen drehen sich meistens um Abseitslinien statt um Weltpolitik.
Verglichen mit den Vereinten Nationen wirkt selbst eine hitzige FIFA-Sitzung plötzlich wie ein entspannter Grillabend.
Donald Trump dürfte das allerdings nicht als Niederlage sehen.
Sollte Gianni Infantino tatsächlich absagen, liegt der nächste Plan vermutlich bereits in der Schublade.
Vielleicht wird dann der Sieger des nächsten WM-Finales automatisch Friedensvermittler.
Oder der Ball selbst erhält einen Sitz im Sicherheitsrat.
Immerhin hat er in den vergangenen Wochen mehr Grenzen überschritten als so mancher Diplomat.
Und sollte irgendwann tatsächlich eine Weltkrise durch Elfmeterschießen entschieden werden, wäre das vermutlich der einzige Moment, in dem Politikwissenschaftler, Fußballkommentatoren und Schiedsrichter gleichzeitig behaupten würden:
„Ganz ehrlich … das hatten wir eigentlich schon kommen sehen.“




