Es gibt Menschen, die zählen bis zehn, bevor sie auf eine Provokation reagieren.
Dann gibt es Donald Trump.
Er zählt ebenfalls bis zehn.
Allerdings sind das meistens zehn Prozent.
Kaum war bekannt geworden, dass die Europäische Union dem Google-Konzern eine gewaltige Wettbewerbsstrafe auferlegt hatte, begann in Washington offenbar wieder das vertraute Geräusch hektisch rotierender Zollräder.
Im Weißen Haus gibt es inzwischen, so munkeln Insider, keinen klassischen Feueralarm mehr.
Stattdessen hängt dort ein großer roter Knopf.
Darauf steht:
„Mehr Zoll!“
Sobald irgendwo auf der Welt etwas passiert, das Donald Trump missfällt, ertönt ein Signal.
Ein Mitarbeiter rennt zum Knopf.
Ein anderer holt den Taschenrechner.
Ein dritter beginnt vorsorglich bereits mit einer Pressemitteilung.
Und irgendwo fragt ein Praktikant:
„Welcher Kontinent ist diesmal dran?“
„Europa.“
„Schon wieder?“
„Traditionen muss man pflegen.“
Donald Trump zeigte sich überzeugt, dass amerikanische Unternehmen ungerecht behandelt würden.
Das klang ungefähr so, als hätte jemand dem reichsten Nachbarn der Straße verboten, den gesamten Bürgersteig als Privatparkplatz zu benutzen.
Die Reaktion fiel entsprechend dezent aus.
Es wurden neue Zölle angekündigt.
Natürlich.
Denn in Donald Trumps politischem Werkzeugkasten existieren mittlerweile erstaunlich wenige Werkzeuge.
Hammer.
Megafon.
Und Zoll.
Vor allem Zoll.
Man gewinnt zunehmend den Eindruck, Donald Trump glaube ernsthaft, Zölle seien eine Art Universalmedizin.
Inflation?
Mehr Zoll.
Handelsstreit?
Mehr Zoll.
Schlechtes Wetter?
Vorsichtshalber ebenfalls mehr Zoll.
Sollte eines Morgens im Oval Office der Kaffee zu kalt sein, dürfte irgendwo ein Zoll auf Espressobohnen aus Italien vorbereitet werden.
Währenddessen saßen in Brüssel vermutlich mehrere Beamte vor ihren Bildschirmen.
Einer las Donald Trumps Ankündigung.
Ein zweiter seufzte.
Ein dritter öffnete schweigend eine neue Excel-Tabelle mit dem Namen:
„Zölle_voraussichtlich_final_final_WIRKLICHfinal.xlsx“
Internationale Handelspolitik besteht inzwischen offenbar zu siebzig Prozent aus Tabellen.
Zu zwanzig Prozent aus Pressekonferenzen.
Und zu zehn Prozent aus Menschen, die verzweifelt versuchen zu erklären, warum Gouda plötzlich geopolitische Bedeutung besitzt.
Besonders leiden dürfte irgendwann der Käse.
Niemand weiß genau warum.
Aber Käse trifft es erstaunlich oft.
Man stelle sich einen unschuldigen Camembert vor.
Er liegt friedlich im Kühlregal.
Plötzlich erfährt er:
„Herzlichen Glückwunsch.
Du bist jetzt Teil eines internationalen Handelskonflikts.“
Der Käse antwortet irritiert:
„Ich wollte eigentlich nur reifen.“
Ähnlich dürfte es europäischen Oliven, Schokolade oder Maschinenbauteilen gehen.
Sie verlassen morgens ahnungslos ihre Fabrik.
Unterwegs erfahren sie:
„Übrigens … ihr seid jetzt diplomatische Verhandlungsmasse.“
In Brüssel erklärte man die Vorwürfe gegen Europa erwartungsgemäß für wenig überzeugend.
Diplomaten besitzen dafür eine bemerkenswert elegante Sprache.
Wo normale Menschen sagen würden:
„Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“
Formulieren Diplomaten:
„Diese Darstellung erscheint aus unserer Sicht nur begrenzt nachvollziehbar.“
Was übersetzt ungefähr bedeutet:
„Habt ihr das wirklich ernst gemeint?“
Donald Trump dagegen scheint eine ganz eigene mathematische Formel entwickelt zu haben.
Sie lautet ungefähr:
EU + Entscheidung = Zoll.
Egal welche Entscheidung.
Kartellrecht?
Zoll.
Datenschutz?
Zoll.
Vogelschutz?
Sicherheitshalber ebenfalls Zoll.
Sollte Brüssel irgendwann beschließen, dass Gurken wieder gerade wachsen müssen, dürfte wenige Stunden später ein Einfuhrzoll auf europäische Salatbestecke diskutiert werden.
Im Weißen Haus arbeiten deshalb vermutlich längst keine klassischen Wirtschaftsexperten mehr.
Sondern Wettermoderatoren.
Denn beide Berufe bestehen inzwischen hauptsächlich daraus, ständig neue Prognosen abzugeben.
„Heute Nachmittag örtlich begrenzte Schauer.“
„Morgen wechselhaft.“
„Am Wochenende einzelne Zölle.“
Internationale Unternehmen verfolgen diese Vorhersagen mittlerweile ähnlich aufmerksam wie Segler einen Sturmbericht.
Manager schlafen vermutlich bereits mit einem Taschenrechner unter dem Kopfkissen.
Jedes Handy besitzt drei Apps.
Wetter.
Aktien.
Donald Trump.
Die Reihenfolge wechselt täglich.
Der eigentliche Star dieser Geschichte bleibt allerdings Google.
Der Konzern muss sich vorkommen wie jener Nachbar, dessen Gartenzaun repariert wird – woraufhin plötzlich die komplette Straße miteinander streitet.
Google schaut zu.
Europa diskutiert.
Donald Trump kündigt Zölle an.
Und irgendwo sitzt vermutlich eine Suchmaschine und denkt:
„Ich wollte eigentlich nur Suchergebnisse liefern.“
Besonders faszinierend ist inzwischen die Geschwindigkeit.
Früher entstanden Handelskonflikte über Monate.
Heute genügt eine Pressemitteilung.
Noch bevor die Druckerschwärze trocken ist, überlegen sich bereits Logistikunternehmen neue Lieferwege.
Container auf hoher See beginnen wahrscheinlich inzwischen nervös ihre Positionslichter zu kontrollieren.
„Fahren wir überhaupt noch in die richtige Richtung?“
„Keine Ahnung.“
„Vielleicht warten wir erst die nächste Pressekonferenz ab.“
Die Weltwirtschaft erinnert immer häufiger an eine riesige Familienfeier.
Jemand sagt etwas Unpassendes.
Ein Onkel steht beleidigt auf.
Eine Tante droht mit Konsequenzen.
Der Cousin versucht zu vermitteln.
Am Ende diskutieren alle – und der Kartoffelsalat wird kalt.
Donald Trump scheint dieses Familienmodell inzwischen erfolgreich auf den Welthandel übertragen zu haben.
Dabei wirkt jede neue Zollankündigung ein wenig wie die Fortsetzung einer Fernsehserie.
Die Zuschauer kennen bereits das Muster.
Folge eins:
Ankündigung.
Folge zwei:
Empörung.
Folge drei:
Gegendarstellung.
Folge vier:
Neue Ankündigung.
Staffelfinale:
Noch mehr Zölle.
Vielleicht erscheint irgendwann sogar ein Streamingdienst mit dem Titel:
„Game of Tariffs.“
Donald Trump spielt selbstverständlich die Hauptrolle.
Jede Episode endet mit einem Cliffhanger.
„Wird nächste Woche französischer Käse betroffen sein?“
„Erwischt es italienische Espressotassen?“
„Oder bekommt diesmal belgische Schokolade eine Hauptrolle?“
Das Publikum bleibt gespannt.
Nicht, weil die Handlung überraschend wäre.
Sondern weil niemand vorhersagen kann, welches Produkt als Nächstes unfreiwillig zum internationalen Politstar aufsteigt.
Am Ende bleibt allerdings die wichtigste Erkenntnis bestehen:
Während andere Politiker auf Krisen mit Gipfeltreffen, Vermittlung oder langen Verhandlungen reagieren, besitzt Donald Trump eine bemerkenswert konstante Lieblingsantwort.
Sie passt auf nahezu jede Frage.
Und besteht aus genau fünf Buchstaben.
Zoll.
Für ihn scheint der Zoll ungefähr das zu sein, was Klebeband für Hobbyhandwerker ist.
Egal, was kaputtgeht.
Egal, wo das Problem liegt.
Mit genügend Klebeband hält es irgendwie zusammen.
Oder zumindest bis zur nächsten Pressekonferenz.




