Berlin hat gewählt.
Und damit beginnt traditionell jene Phase, in der Parteien erklären, mit wem sie auf gar keinen Fall regieren wollen, bevor sie wenige Tage später sehr ernsthaft prüfen, ob es dafür nicht vielleicht doch eine Arbeitsgruppe geben könnte.
Die Hauptstadt verwandelt sich deshalb derzeit in die vermutlich teuerste Dating-App Deutschlands.
Das Prinzip ist einfach:
Partei auswählen.
Nach links wischen.
Nach rechts wischen.
Dann feststellen, dass ohne genau diese Partei keine Mehrheit zustande kommt.
„Du hast Die Linke abgelehnt. Möchtest du trotzdem gemeinsam einen Koalitionsvertrag verfassen?“
Berlin sagt: Vielleicht.
Die Linke möchte nach ihrem Wahlsieg mit Grünen und SPD sprechen. Gleichzeitig warnen bei Grünen und SPD Stimmen vor Problemen einer Zusammenarbeit, insbesondere wegen Auseinandersetzungen über Antisemitismus in Teilen der Berliner Linken.
Damit befindet sich die Hauptstadtkoalition in jener romantischen Phase, die man aus Beziehungen kennt:
„Wir müssen reden.“
Politisch gilt dieser Satz allerdings nicht als Trennungsankündigung, sondern als Beginn von Sondierungen.
Die Parteien sitzen dann gemeinsam an einem Tisch und erklären einander zunächst ausführlich, weshalb sie eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen.
Anschließend bestellen sie Kaffee.
Dann bilden sie Fachgruppen.
Und irgendwann heißt es:
„Natürlich hatten wir Differenzen. Aber gerade darin liegt unsere Stärke.“
Dating-Portale könnten davon lernen.
Auch innerhalb der Linken ist die Begeisterung über Regierungsverantwortung offenbar nicht vollkommen einheitlich. Teile der Parteijugend fordern lieber Widerstand als allzu viele Kompromisse.
Damit bekommt die Berliner Dating-App eine zusätzliche Funktion:
„Du hast ein Match. Möchtest du trotzdem lieber Opposition bleiben?“
Auch die Grünen dürfen nun jene komplizierte Beziehungsfrage beantworten, die in Berlin regelmäßig auftaucht:
Ist der potenzielle Partner politisch kompatibel – oder lediglich mathematisch verfügbar?
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Kompatibilität bedeutet gemeinsame Überzeugungen.
Mathematische Verfügbarkeit bedeutet:
Es reicht für die Mehrheit.
Am Ende könnte der Berliner Koalitionsvertrag deshalb aussehen wie ein Profiltext:
„Wir suchen eine langfristige Regierungsbeziehung mit gegenseitigem Respekt, bezahlbarem Wohnen und gelegentlicher Haushaltsdisziplin. Keine Extrempositionen. Kompromissbereitschaft erwünscht. Regierungsfähigkeit wäre schön.“
Und falls es nicht funktioniert?
Kein Problem.
Dann erklären hinterher einfach alle Beteiligten:
„Wir wollten diese Koalition eigentlich von Anfang an nie.“




