Wladimir Putin hat wieder einmal die Lage an der Front erklärt. Und wie so oft entsteht dabei der Eindruck, dass irgendwo zwischen Kreml, Generalstab und Wirklichkeit ein Paketdienst zuständig ist, der grundsätzlich nur an Fantasieadressen liefert.
Russlands Präsident behauptet, die Offensive in Donezk laufe planmäßig, das Tempo steige und seine Truppen machten große Fortschritte. Das klingt beeindruckend – vor allem, wenn man außer Acht lässt, dass Donezk nach verschiedenen russischen Ankündigungen inzwischen ungefähr 15-mal hätte vollständig erobert sein müssen.
Die militärische Zeitrechnung im Kreml funktioniert offenbar anders als unsere.
Montag: „Donezk fällt bald.“
Dienstag: „Donezk fällt sehr bald.“
Mittwoch: „Donezk fällt praktisch bereits.“
Donnerstag: „Der Zeitplan wurde erfolgreich angepasst.“
Freitag: neue Frist.
Das ist keine Niederlage. Das ist agiles Projektmanagement mit Artillerie.
Auch bei den Geländegewinnen scheint Russland inzwischen eine eigene Mathematik entwickelt zu haben. Putin spricht von 270 Quadratkilometern. Unabhängige Auswertungen kommen auf deutlich weniger.
Möglicherweise rechnet Moskau inzwischen nach dem bewährten Immobilienmaklerprinzip: Balkon, Keller, Parkplatz und Horizont werden einfach mitgerechnet.
Besonders spektakulär wird es bei Swjatohirsk. Putin meldete den Ort sinngemäß als eingenommen, während die russischen Truppen laut Auswertungen zeitweise noch mehr als zehn Kilometer entfernt waren.
Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten.
Wer künftig morgens im Stau zehn Kilometer vor dem Büro steht, darf dem Chef einfach schreiben:
„Arbeitsplatz erfolgreich erreicht.“
Noch faszinierender ist die angebliche Einkesselung von 13 ukrainischen Bataillonen mit Tausenden Soldaten in einem Gebiet, in dem unabhängige Beobachter offenbar nicht einmal belastbare Hinweise auf größere russische Präsenz finden.
Militärisch nennt man das vermutlich eine Fernkesselung.
Der Gegner ist eingekreist, weiß es nur noch nicht.
Putin versichert dennoch, seine Einschätzung sei „ziemlich objektiv“. Schließlich erhalte er Informationen aus zahlreichen Quellen: Generalstab, Geheimdienste und Behörden.
Das beruhigt ungemein.
Wenn zehn Abteilungen dieselbe falsche Excel-Tabelle weiterleiten, wird sie bekanntlich automatisch wahr.
Das eigentliche Problem liegt womöglich weniger darin, dass Putin keine Informationen bekommt. Sondern darin, dass in autoritären Systemen schlechte Nachrichten ungefähr dieselben Karrierechancen haben wie ein Vegetarier beim Metzgerkongress.
Unten meldet ein Soldat: „Wir kommen nicht voran.“
Der nächste schreibt: „Schwieriger Fortschritt.“
Darüber wird daraus: „Operativer Fortschritt.“
Beim Generalstab heißt es: „Planmäßiger Vormarsch.“
Und auf Putins Schreibtisch landet schließlich:
„Donezk praktisch erledigt. Bitte schon nächste Region aussuchen.“
So bleibt Russland militärisch vielleicht auf der Stelle.
Auf dem Papier hingegen marschiert es jeden Tag mehrere hundert Kilometer.
Wenn das so weitergeht, erreicht die russische Armee spätestens Weihnachten Portugal.
Leider nur in PowerPoint.




