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POLITIK

Russlands Drohnenlotterie: 635 Abschüsse und kein bisschen Sicherheit

admin · 05.08.2026 · 5 Min. Lesezeit
Grafik: 635 Drohnen und das große Wildberries-Wunder
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Der Krieg in der Ukraine hat eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Früher bestanden militärische Lageberichte aus Pfeilen auf Landkarten, Panzerkolonnen und Generälen, die mit ernster Miene vor Holztäfelungen standen. Heute ähnelt das Ganze eher einem sehr schlecht moderierten Teleshoppingkanal für Flugobjekte.

„Heute im Angebot: 635 Drohnen! Fast alle abgefangen! Nur solange der Vorrat reicht!“

Das russische Verteidigungsministerium meldete nach den jüngsten Angriffen, die Luftabwehr habe innerhalb einer Nacht insgesamt 635 ukrainische Drohnen abgeschossen. Eine Zahl, die so beeindruckend klingt, dass man unwillkürlich vermutet, die zuständige Pressestelle habe sie nicht gezählt, sondern gewogen.

635 Drohnen an einem einzigen Abend – das ist keine Angriffswelle mehr, das ist ein Betriebsausflug mit Rotoren.

Unabhängig bestätigt werden konnte diese Zahl bislang nicht. Das ist im Krieg nichts Ungewöhnliches. Militärische Erfolgsmeldungen besitzen traditionell ungefähr denselben Wahrheitsgehalt wie die Behauptung eines Gebrauchtwagenhändlers, der Vorbesitzer habe das Fahrzeug ausschließlich sonntags zur Kirche bewegt. Möglich ist alles. Nur der Kilometerstand wirkt ungewöhnlich kreativ.

Während die russische Luftabwehr also einen Erfolg von beinahe mythologischen Ausmaßen verkündete, starben nach Angaben russischer Behörden mindestens acht Menschen bei Angriffen in mehreren Regionen. In Belgorod, Saratow und Udmurtien schlugen Drohnen ein. Damit zeigte sich erneut das wichtigste Gesetz moderner Kriegsführung: Je erfolgreicher die Luftabwehr laut Pressemitteilung arbeitet, desto mehr beschädigte Gebäude sind anschließend auf den Bildern zu sehen.

Besonders tief ins russische Landesinnere führte ein Angriff auf ein Lager des Onlinehändlers Wildberries in Nowosemeikino. Der Ort liegt rund 800 Kilometer von der Front entfernt. Das ist militärisch betrachtet eine enorme Distanz. Logistisch betrachtet ist es ungefähr die Strecke, auf der ein Paketdienst zum ersten Mal mitteilt, die Sendung befinde sich „in Zustellung“.

Wildberries gilt als russische Antwort auf Amazon. Offenbar lautet die Antwort inzwischen: „Ihre Bestellung wurde erfolgreich bombardiert.“

Das Lager wurde getroffen, Menschen kamen dort nach Angaben des Regionalgouverneurs nicht ums Leben. Dennoch ist Wildberries innerhalb weniger Wochen wiederholt zum Ziel von Angriffen geworden. Der russische Onlinehandel hat dadurch ein vollkommen neues Liefermodell entwickelt: Bestellung heute, Versand vielleicht, Einschlag jederzeit.

Kunden, die bisher ungeduldig fragten, wann ihr Wasserkocher eintreffe, erhalten künftig möglicherweise die Mitteilung: „Ihr Paket wurde an die Luftabwehr übergeben.“

Die wiederholten Angriffe auf Lagerhäuser zeigen, wie sehr sich die Grenzen zwischen militärischer Infrastruktur, Wirtschaft und Alltag auflösen. Früher war ein Warenlager ein Ort, an dem Kartons lagerten. Heute kann darin alles vermutet werden: Ersatzteile, Ausrüstung, Elektronik, Uniformen, Schrauben, Batterien oder jene geheimnisvollen Kabel, die jeder Haushalt besitzt, aber niemand einem Gerät zuordnen kann.

Damit wird praktisch jedes Gebäude zum potenziellen strategischen Ziel. Eine Lagerhalle voller Turnschuhe? Mobilitätszentrum. Ein Regal mit Campingkochern? Feldküchenkommando. Dreitausend Powerbanks? Energieversorgung einer motorisierten Brigade. Vier Millionen Plastikenten? Vermutlich psychologische Kriegsführung.

In Udmurtien, mehr als 1.000 Kilometer von der Front entfernt, starben nach Behördenangaben drei Menschen, als eine Drohne ihr Fahrzeug traf. Die Gouverneurin Olga Abramowa bezeichnete den Angriff als abscheulich und erklärte, die Getöteten seien eindeutig kein militärisches Ziel gewesen.

Damit sprach sie einen der wenigen Sätze aus, die in diesem Krieg keiner komplizierten geopolitischen Auslegung bedürfen: Zivilisten sind keine militärischen Ziele.

Das Problem besteht darin, dass dieser Grundsatz regelmäßig nur dann entdeckt wird, wenn die eigenen Zivilisten sterben. Sobald Bomben auf der anderen Seite einschlagen, beginnt sofort das große sprachliche Möbelrücken. Aus Toten werden „Folgen eines Präzisionsschlags“, aus Wohnhäusern „mutmaßlich militärisch genutzte Strukturen“ und aus einem zerstörten Kindergarten ein „bedauerlicher Zwischenfall im Umfeld sicherheitsrelevanter Infrastruktur“.

Der moderne Krieg verfügt über eine erstaunliche Bürokratie der moralischen Zuständigkeit. Jeder besitzt Mitgefühl – allerdings ausschließlich im national vorgeschriebenen Empfangsbereich.

Die Ukraine bestreitet, gezielt Zivilisten anzugreifen, und erklärt ihre Angriffe auf russische Infrastruktur mit dem Versuch, Moskau an den Verhandlungstisch zu zwingen. Dieser Tisch muss allerdings ausgesprochen schwer zu finden sein. Seit Jahren werden Menschen getötet, Städte zerstört, Raffinerien angegriffen und Lagerhäuser in Brand gesetzt, aber offenbar hat noch niemand die genaue Adresse des Möbels.

Vielleicht steht der Verhandlungstisch in einem Wildberries-Lager.

Möglicherweise wurde er bereits versandt.

„Ihre Friedensverhandlungen befinden sich im regionalen Verteilzentrum.“

„Die Zustellung verzögert sich aufgrund eines unvorhergesehenen Drohnenereignisses.“

Russland wiederum bombardiert seit Jahren ukrainische Städte und Infrastruktur und bezeichnet dies regelmäßig als militärische Notwendigkeit. Die Ukraine greift russische Anlagen an und nennt es Druckmittel. Beide Seiten führen Buch über Treffer, Abschüsse und Schäden, während jeder neue Bericht klingt, als würde ein besonders gewissenhafter Controller die Apokalypse in eine Excel-Tabelle übertragen.

Spalte A: gestartete Drohnen.

Spalte B: angeblich abgeschossene Drohnen.

Spalte C: tatsächlich eingeschlagene Drohnen.

Spalte D: politisch verwendbare Drohnen.

Spalte E: Zahlen, die besser nicht unabhängig überprüft werden sollten.

Am Ende bleibt eine Kriegsbilanz, in der 635 abgefangene Fluggeräte als Erfolg präsentiert werden können, obwohl Menschen sterben und Ziele Hunderte Kilometer hinter der Front getroffen werden. Es ist die perfekte militärische Erfolgsrechnung: Alles wurde verhindert – abgesehen von dem, was passiert ist.

Der Krieg wird dadurch nicht weniger grausam, nur absurder. Lagerhallen werden zu Frontabschnitten, Paketzentren zu strategischen Knotenpunkten und regionale Gouverneure zu Kommentatoren einer tödlichen Drohnenliga. Die Menschen darunter erfahren unterdessen, dass Entfernung längst keinen Schutz mehr bietet.

800 Kilometer hinter der Front ist heute nicht mehr Hinterland.

Es ist lediglich eine etwas längere Flugroute.

Und während Ministerien Abschusszahlen verkünden, Gouverneure Telegram-Nachrichten verfassen und Onlinehändler ihre Brandschäden zählen, bleibt die zentrale Erkenntnis erschreckend einfach:

In diesem Krieg steigen täglich die Zahlen.

Nur die Sicherheit sinkt.

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