Nachrichten, die zum Nachdenken anregen*
*Oder zum Lachen. Oder beides.
Satiressum Harlekin
POLITIK

Putins neue Sicherheitsstrategie: Wenn die Drohne trifft, war der Eigentümer schuld

admin · 25.08.2026 · 3 Min. Lesezeit
Grafik: Erst die Drohne, dann kommt der Staat
Ronald Tramp - Banner 003Partnerlink

Russland hat offenbar eine neue Methode entdeckt, kritische Infrastruktur vor ukrainischen Drohnen zu schützen: Man wartet, bis sie getroffen wird, und nimmt sie anschließend dem Betreiber weg.

Präsident Wladimir Putin hat per Dekret verfügt, dass der russische Staat künftig vorübergehend die Kontrolle über kritische Infrastruktur übernehmen kann, wenn deren Betreiber Anlagen nicht ausreichend geschützt oder Schäden nach Angriffen nicht schnell genug repariert haben. Betroffen sein können unter anderem Energie-, Industrie-, Verkehrs-, Kommunikations- und Logistikanlagen.

Das klingt zunächst nach Sicherheitsmanagement.

Bei genauerem Hinsehen klingt es eher wie die russische Variante eines Versicherungsvertreters, der nach dem Hausbrand vorbeikommt und sagt:

„Schlimm, schlimm. Aber hätten Sie Ihr Haus besser vor Raketen geschützt, wäre das nicht passiert. Geben Sie mal die Schlüssel.“

Das neue russische Unternehmensmodell

Bislang galt in Russland ungefähr:

Unternehmer besitzt Fabrik.

Jetzt gilt:

Unternehmer besitzt Fabrik, solange Putin mit dem Zustand der Fabrik zufrieden ist.

Das schafft Planungssicherheit.

Wer morgens zur Arbeit kommt und feststellt, dass über Nacht eine Drohne das Dach entfernt hat, muss künftig nicht nur Feuerwehr und Handwerker rufen.

Er sollte vorsichtshalber auch fragen:

„Gehört mir das Gebäude eigentlich noch?“

Ein Mitarbeiter des Ministeriums könnte dann freundlich antworten:

„Vorübergehend nicht.“

„Wie lange?“

„Vorübergehend.“

„Was bedeutet vorübergehend?“

„Bis wir fertig sind.“

Das ist im russischen Verwaltungsrecht vermutlich eine sehr präzise Zeitangabe.

Keine Nationalisierung! Nur staatliches Behalten auf Zeit

Der Erste Vizepremier Denis Manturov betonte ausdrücklich, es gehe nicht um Nationalisierung oder einen Eigentümerwechsel, sondern lediglich darum, dass der Staat bei Sicherheitsproblemen vorübergehend in die Unternehmensführung eingreift. (Reuters)

Das ist beruhigend.

Es ist also keine Enteignung.

Der Eigentümer darf sein Unternehmen weiterhin besitzen.

Nur eben möglicherweise nicht kontrollieren.

Eine wunderbare juristische Konstruktion.

Das Auto gehört Ihnen weiterhin.

Lediglich Schlüssel, Lenkrad, Motor und Entscheidung über das Fahrtziel befinden sich vorübergehend bei jemand anderem.

Aber im Fahrzeugbrief steht noch Ihr Name.

Freiheit!

Wildberries bekommt Drohnen-Prime

Der Anlass ist allerdings ernst. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf russische Logistik und Wirtschaftsinfrastruktur deutlich verstärkt. Seit dem 18. Juli wurden laut Reuters mindestens zwei Dutzend Lagerhäuser des größten russischen Onlinehändlers Wildberries angegriffen. Auch Ozon meldete Angriffe auf mehrere Logistikzentren.

Damit erlebt Russland möglicherweise die unangenehmste Form von Onlinehandel:

Heute bestellt, morgen vielleicht Lagerhalle weg.

Bei Wildberries könnte die Sendungsverfolgung inzwischen lauten:

„Ihre Bestellung wurde kommissioniert.“

„Ihre Bestellung wurde verladen.“

„Ihre Bestellung befindet sich im Verteilzentrum.“

„Das Verteilzentrum befindet sich nicht mehr im ursprünglichen Zustand.“

Besonders bitter: Putin hatte erst vergangene Woche ein staatliches Wiederaufbauprogramm für beschädigte Lagerhallen angeordnet.

Russlands neue Wirtschaftspolitik besteht damit aus drei einfachen Phasen:

  1. Lager wird getroffen.
  2. Staat baut Lager wieder auf.
  3. Staat übernimmt Lager, weil Lager getroffen wurde.

Das nennt man geschlossenen Wirtschaftskreislauf.

Auch der Tankstellenbesuch wird geopolitisch

Noch unangenehmer sind die Angriffe auf Raffinerien. Die ukrainische Kampagne trifft zunehmend russische Energieanlagen und sorgt für erhebliche wirtschaftliche Belastungen.

Damit entwickelt sich der Tankstellenbesuch in Russland von einer Alltagstätigkeit zum strategischen Planspiel.

„Einmal volltanken.“

„Wie viel?“

„Alles.“

„Das sind 48 Liter.“

„Nein, ich meine wirklich alles, was Sie noch haben.“

Ein voller Reservekanister könnte bald denselben gesellschaftlichen Status besitzen wie früher eine Datscha am Schwarzen Meer.

Der entscheidende Vorteil des Dekrets

Politisch besitzt Putins Dekret allerdings einen unschätzbaren Vorteil:

Es verschiebt Verantwortung.

Wenn eine ukrainische Drohne 1.000 Kilometer durch den russischen Luftraum fliegt und eine Anlage trifft, könnte man unangenehme Fragen stellen.

Zum Beispiel:

Wo war die Flugabwehr?

Warum funktionieren Schutzmaßnahmen nicht?

Warum können ukrainische Drohnen überhaupt so tief ins Land eindringen?

Oder man fragt einfach:

Warum hat der Fabrikbesitzer sein Dach nicht besser verteidigt?

Das ist erheblich komfortabler.

Vielleicht müssen Unternehmen künftig eigene Luftabwehrabteilungen gründen.

Personalabteilung.

Buchhaltung.

Marketing.

Flugabwehr.

„Herr Petrow, Sie sind ab Montag nicht mehr im Controlling.“

„Wo dann?“

„Auf dem Dach. Hier ist ein Fernglas.“

So wird aus jeder russischen Lagerhalle eine kleine Militärbasis.

Und sollte trotzdem eine Drohne durchkommen, kann der Kreml feststellen:

Unternehmen schlecht geführt.

Problem gelöst.

Zumindest administrativ.

Denn Putins neue Sicherheitsdoktrin lässt sich bemerkenswert einfach zusammenfassen:

Wenn der Staat die Drohne nicht stoppen kann, übernimmt er eben das Gebäude, das sie getroffen hat.

Das ist zwar keine Luftverteidigung.

Aber immerhin ist danach eindeutig geklärt, wem die Ruine vorübergehend gehört.

Open-How2 - Banner 003Partnerlink
Open-How2 - Sidebar 001Partnerlink
Meinung des Tages
"
Wenn Satire die Realität überholt hat, sollte man wenigstens Maut verlangen.
– Unbekannt (aber weise)
Open-How2 - Sidebar 002Partnerlink
Newsletter
Satire ohne Spam. Versprochen.*
*Ok, vielleicht ein bisschen.
Ronald Tramp - Sidebar 002Partnerlink
Enter drücken zum Suchen