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Davos im Trump-Fieber: Wenn Eskalation als Programmpunkt gilt
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Wenn sich heute Abend die Türen des Weltwirtschaftsforums öffnen, beginnt in Davos nicht einfach eine Konferenz, sondern das jährliche Hochamt der wohltemperierten Panik. Die Limousinen rollen vor wie Gebete auf Rädern, Namensschilder glänzen wie frisch geweihte Amulette, und in den Hotellobbys wird so angestrengt gelächelt, als ließe sich der Weltfrieden mit dem richtigen Quinoa-Häppchen festkauen. Man spricht über alles, was wichtig klingt und nichts kostet: Verantwortung, Resilienz, Transformation. Und über eine Person, die noch gar nicht da ist, aber bereits den Sauerstoffverbrauch im Raum verdoppelt: Donald Trump.
Trump ist in Davos stets anwesend, ohne anwesend zu sein. Er sitzt unsichtbar zwischen den Sesseln, prüft imaginär die Wasserqualität und sorgt dafür, dass jedes Gespräch irgendwann in die gleiche Richtung kippt: „Und… was macht er diesmal?“ Am Mittwoch wird er erscheinen, und niemand erwartet eine Rede. Man erwartet ein Naturereignis. Eine verbale Lawine mit eigenem Hashtag, die alles mitreißt, was nicht rechtzeitig unter einen Konferenztisch flüchtet. Inhaltlich rechnet man mit Bewährtem: Drohung als Grußformel, Zoll als Pointe, wirtschaftlicher Druck als Umarmung mit Ellbogen.
Die Manager und Politiker kennen dieses Schauspiel. Früher reagierte man mit moralischer Empörung – ein Ritual, das sich als schlecht skalierbar erwiesen hat und in PowerPoint nur als graue Folie mit Fragezeichen funktioniert. Heute verarbeitet man Trump wie Wetter. Man wertet nicht mehr, man rechnet. Aussagen werden nicht diskutiert, sondern in Szenarien übersetzt: Best Case, Worst Case, Trump Case. Letzterer ist meist identisch mit dem Worst Case, nur mit höherer Lautstärke und kürzerer Vorwarnzeit.
In den vergangenen Jahren war Anpassung das Erfolgsmodell. Wer sich früh duckte, durfte hoffen, übersehen zu werden. Nähe zur Macht wurde zur Schlüsselressource, irgendwo zwischen Lithium und gutem Kaffee. Man reiste nach Washington, nickte an den richtigen Stellen und übte die Kunst, gleichzeitig interessiert und unsichtbar zu wirken. „America First“ war keine Provokation mehr, sondern eine Geschäftsbedingung in kleiner Schrift: Wer zuerst ist, bekommt alles. Wer später kommt, bekommt eine Rechnung mit Aufschlag und freundlichem Smiley.
Doch diesmal knirscht es im Getriebe der Gewöhnung. In Fluren und Hinterzimmern hört man ungewohnt klare Töne – nicht laut, nicht heroisch, eher so, als hätte jemand den Tonregler von „Schicksal“ auf „genug jetzt“ gedreht. Man könne nicht dauerhaft alles schlucken. Nicht jede Drohung, nicht jede öffentliche Abreibung, nicht jede spontane Strafmaßnahme mit Pressekonferenz. Der Daueralarm, das Regieren per Dezibel, die Inszenierung von Macht als Endlosschleife ermüdet selbst Profis im Weglächeln. Es ist kein Aufstand. Es ist ein kollektives Augenrollen. In Davos gilt das bereits als Widerstand.
Entsprechend wirkt das Forum weniger routiniert. Die sonst makellose Gelassenheit zeigt Haarrisse. Normalerweise funktioniert Anpassung wie Schweizer Uhrwerk: zuhören, anpassen, weitermachen. Doch Unsicherheit als Dauerzustand lässt sich schlecht managen. Wer heute nachgibt, weiß nicht, ob er morgen Ruhe hat oder zum nächsten Programmpunkt wird. In Europa wächst die Erkenntnis, dass ständiges Entgegenkommen selten Frieden schafft, aber zuverlässig neue Forderungen. Wer immer Ja sagt, bekommt irgendwann keine Fragen mehr, sondern Anweisungen in Großbuchstaben.
Besonders sichtbar wird das beim Lieblingsthema Technologie und KI. Jahrelang bestand der europäische Beitrag darin, sehr kluge Regeln zu formulieren, während andere sehr schnelle Produkte bauten. In den USA wird KI gefeiert wie der Wilde Westen: viel Tempo, wenig Geländer, großer Mythos. In Europa behandelt man KI wie ein wildes Tier im Stadtpark: erst anleinen, dann diskutieren, ob es überhaupt hereindarf, und am Ende ein Gutachten beauftragen. Neu ist die Erkenntnis, dass Regeln ohne eigene industrielle Stärke ungefähr so wirksam sind wie Verkehrszeichen auf einer Straße, die jemand anderem gehört.
Am Mittwoch wird Trump all das ignorieren. Er wird schimpfen, drohen, provozieren. Er wird erklären, dass alle anderen unfair spielen und er der Einzige ist, der es bemerkt hat – zufällig immer kurz vor der nächsten Zollankündigung. Neu ist weniger seine Botschaft als die Reaktion. Europa hört diesmal genauer zu – nicht aus Ehrfurcht, sondern aus Selbstschutz. Und erstmals denkt man ernsthaft darüber nach, gemeinsam zu reagieren. In einem Kontinent, der jahrelang über eine einheitliche Ladekabelnorm verhandelt, ist das beinahe revolutionär.
Das offizielle Motto des Forums lautet „Spirit of Dialogue“. Der Dialog lebt also weiter, bekommt aber einen Zusatz: Konsequenzen. Grenzen. Vielleicht sogar ein leises Nein. Davos entdeckt etwas, das es lange gemieden hat: Rückgrat. Ob daraus mehr wird als ein gutes Gefühl zwischen zwei Podien, bleibt offen. Aber eines ist neu: Zum ersten Mal wirkt das Weltwirtschaftsforum nicht wie ein Ort vorauseilender Anpassung, sondern wie ein Raum, in dem man zumindest kurz prüft, ob man sich wirklich alles gefallen lassen muss. Für Davos ist das fast schon ein Umsturz – selbstverständlich bei Fingerfood.