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Der Friedensrat ohne Frieden: Trumps neues Gremium und seine überraschenden Gäste

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Der Friedensrat ohne Frieden: Trumps neues Gremium und seine überraschenden Gäste

Es gibt Nachrichten, die klingen so, als hätte jemand beim Verfassen gleichzeitig Kaffee verschüttet, die Realität verlegt und die Ironie auf „Turbo“ gestellt. Die Einladung von Wladimir Putin in einen „Friedensrat“ unter der Schirmherrschaft von Donald Trump gehört zweifellos dazu. Ein Mann, der einen Angriffskrieg – pardon, eine „militärische Spezialoperation mit sehr langer Laufzeit und vielen Panzern“ – gegen die Ukraine führt, soll künftig über Frieden beraten. Das ist ungefähr so, als würde man einen Pyromanen zum Leiter der Freiwilligen Feuerwehr ernennen, weil er sich mit Feuer eben auskennt.

Moskau ließ wissen, man prüfe die Einladung. Allein dieses Wort – prüfen – verdient Applaus. Es suggeriert eine ernsthafte Abwägung, als läge ein Stellenangebot vor, bei dem man sich fragt, ob das Gehalt stimmt und ob Homeoffice möglich ist. Währenddessen schweigt das Weiße Haus und erreicht damit etwas, wofür andere Pressestellen lange üben: maximale Aufmerksamkeit bei minimaler Information. Der Friedensrat existiert damit in einem Zustand zwischen Ankündigung, Gerücht und diplomatischer Fata Morgana.

Das Konzept ist bestechend. Frieden wird nicht mehr durch Abwesenheit von Gewalt definiert, sondern durch Anwesenheit der richtigen Personen. Wer Frieden will, lädt diejenigen ein, die ihn am eindrucksvollsten vermissen lassen. Erfahrung zählt schließlich. Und Erfahrung mit Konflikten hat Putin reichlich. Kaum jemand weiß so gut wie er, wie sich Sanktionen anfühlen, wie man Landkarten neu beschriftet und wie man Pressekonferenzen führt, bei denen „nicht eskaliert“ bedeutet, dass heute nur ein Teil der Infrastruktur betroffen ist.

Der Friedensrat selbst wirkt wie eine jener Erfindungen, die groß klingen, solange niemand nachfragt. Wer sitzt drin? Was wird beschlossen? Gibt es Kaffee? Oder zumindest Namensschilder? Antworten darauf sind bislang Mangelware. Dafür gibt es Einladungen. Und Gerüchte. Und das wunderbare Gefühl, dass Diplomatie inzwischen auch ohne Tagesordnung auskommt. Wer nichts festlegt, kann nichts falsch machen. Ein Prinzip, das in der Weltpolitik erstaunlich zuverlässig funktioniert.

Die mögliche Teilnahme Putins verleiht dem Ganzen jedoch eine besondere Note. Frieden bekommt damit einen sehr flexiblen Rahmen. Ein Rahmen, in dem Panzer offenbar als Diskussionsbeiträge zählen und Raketenstarts als Wortmeldungen. Man könnte argumentieren, dass niemand besser über Frieden sprechen kann als jemand, der täglich demonstriert, wie man ihn vermeidet. Lernkurve durch Abschreckung. Didaktisch wertvoll.

Auch die kolportierte Einladung von Kassym-Jomart Tokajew passt hervorragend ins Bild. Kasachstan hat Erfahrung im diplomatischen Spagat und könnte im Friedensrat die Rolle des stillen Beobachters übernehmen, der sich fragt, ob es hier um echte Vermittlung oder um ein besonders ambitioniertes Gruppenfoto geht. Tokajew wäre vermutlich derjenige, der vorsichtig nach dem Protokoll fragt, während alle anderen noch klären, ob es überhaupt eines gibt.

Trump wiederum positioniert sich mit dem Friedensrat als globaler Zeremonienmeister. Ein Gastgeber, der Einladungen verschickt wie andere Menschen Tweets. Jeder Zusage folgt eine Schlagzeile, jeder Dementi eine neue Runde Spekulation. Sollte der Rat nie tagen, ließe sich das problemlos als Beweis interpretieren, wie schwierig Frieden eben ist. Sollte er tagen, wäre bereits die Sitzordnung ein geopolitisches Ereignis. Wer sitzt neben wem? Und wer bringt den Kuchen mit?

Besonders elegant ist die sprachliche Gymnastik, die diese Konstellation ermöglicht. Krieg wird zur Operation, Angriff zur Sicherheitsmaßnahme, Frieden zum Diskussionsformat. Worte werden so lange poliert, bis sie in jeden Kontext passen. Dass ausgerechnet Putin als Friedensrat-Mitglied gehandelt wird, ist dabei weniger ein Widerspruch als eine konsequente Weiterentwicklung dieser Logik. Wenn alles relativ ist, dann auch Frieden.

Kritiker mögen einwenden, dass ein Friedensrat ohne klare Ziele, ohne bestätigte Mitglieder und mit einer derart überraschenden Gästeliste eher wie ein politisches Improvisationstheater wirkt. Doch genau darin liegt vielleicht der Charme. Erwartungen werden unterlaufen, Begriffe neu gemischt, Rollen getauscht. Der Angreifer wird zum Berater, der Gastgeber zum Moderator, das Publikum zum Rätselrater.

Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl: Verblüffung. Verblüffung darüber, wie mühelos sich Gegensätze in Ankündigungen auflösen lassen. Frieden ist offenbar kein Zustand mehr, sondern ein Etikett. Man klebt es auf ein Gremium, lädt ein paar bekannte Namen ein und wartet ab, was passiert. Sollte jemand Einwände haben, kann man immer noch erklären, dass Dialog wichtig sei. Auch dann, wenn der Dialogpartner gerade sehr beschäftigt ist, Gebiete zu „sichern“.

So steht der Friedensrat nun im Raum wie ein leuchtendes Schild ohne Gebäude dahinter. Groß angekündigt, vage beschrieben, mit einer Gästeliste, die jede Pointe selbst schreibt. Ob daraus je mehr wird als ein diplomatisches Kuriosum, bleibt offen. Sicher ist nur: Selten war Frieden so umkämpft, bevor überhaupt jemand Platz genommen hat.