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Ein Präsident für alle Fälle: Europas neueste Antwort auf sich selbst
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Europa steht wieder einmal vor einer Erkenntnis, die so alt ist wie der letzte Gipfel: Es fehlt an Führung. Nicht an Sitzungen, nicht an Papieren, nicht an Gipfeln mit Gipfelbeschluss und anschließender Gipfelinterpretation. Es fehlt an etwas viel Wichtigerem – an einer Person, die man auf ein Foto drucken kann, ohne dass jemand fragt: „Und wer ist das jetzt genau?“
Die Lösung liegt nahe, zumindest aus Sicht ambitionierter Organisationslogik: ein neues Amt. Groß. Stark. Sichtbar. Ein Amt, das alles bündelt, was bislang sorgfältig getrennt wurde, damit sich niemand zu wichtig fühlt. Europa soll einen Präsidenten bekommen. Einen richtigen. Einen mit Ausstrahlung, Autorität und vermutlich sehr vielen Terminen.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn man ständig damit beschäftigt ist, auf äußere Reize zu reagieren, bleibt keine Zeit für innere Größe. Europa solle aufhören, sich wie ein Kommentator zu verhalten, und anfangen, selbst das Spiel zu leiten. Ein ehrenwerter Anspruch – insbesondere in einem System, dessen größte Stärke bislang darin bestand, Entscheidungen so lange abzusichern, bis sie niemanden mehr überraschen.
Das neue Amt soll Ordnung schaffen, indem es zwei bestehende Spitzenfunktionen vereint. Aus zwei wird eins. Das klingt effizient, fast schon mathematisch. Weniger Gesichter, mehr Präsenz. Weniger Zuständigkeiten, mehr Verantwortung. Ein politisches Kompaktmodell, das verspricht, aus Komplexität Klarheit zu destillieren.
Natürlich ist sofort klar: Dieses Amt wäre mächtig. Sehr mächtig. So mächtig, dass man es lieber gleich als mächtig bezeichnet, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Macht ist schließlich nichts, wovor man sich fürchten sollte – solange sie sauber verteilt, demokratisch legitimiert und regelmäßig erklärt wird. Oder zumindest benannt.
Die Frage, wie diese Macht konkret aussehen soll, bleibt angenehm offen. Offenheit ist in Europa schließlich kein Mangel, sondern Methode. Der europäische Präsident soll führen, ohne zu dominieren. Entscheiden, ohne zu spalten. Sichtbar sein, ohne jemandem die Sicht zu nehmen. Eine Kunstform, die viel Übung erfordert und bislang vor allem in Leitbildern perfektioniert wurde.
Besonders charmant ist der Wunsch nach einem „starken Gesicht“. Europa, so die Diagnose, habe viele Stimmen, aber kein Porträt. Ein Fotoalbum ohne Titelbild. Ein Orchester ohne Dirigentenstab, aber mit sehr vielen Partituren. Der neue Präsident soll das ändern. Endlich jemand, der spricht, wenn Europa spricht – und nicht erst nach Rücksprache mit 26 weiteren Mikrofonen.
Dass Europa bisher bewusst auf solche Personalisierung verzichtet hat, gilt in dieser Betrachtung weniger als Prinzip denn als Versäumnis. Konsens ist schön, aber kein Medienformat. Vielfalt ist wichtig, aber schwer zu verkaufen. Der Präsident soll Abhilfe schaffen – als personifizierte Abkürzung für alles, was sonst in Fußnoten erklärt werden muss.
Parallel dazu wächst die Union weiter. Oder soll es zumindest. Der Kontinent denkt groß, größer, am größten. Der Westen des Balkans, der Osten Europas, Staaten mit langer Beitrittsgeschichte und solche mit sehr frischer Erwartungshaltung. Dazu Regionen, die geografisch weit entfernt liegen, aber strategisch hervorragend ins Bild passen. Europa als Einladung mit Option auf Nachschlag.
Das ist mutig. Und ambitioniert. Denn je mehr Mitglieder hinzukommen, desto schwieriger wird es, gemeinsame Linien zu ziehen. Mehr Interessen, mehr Perspektiven, mehr Diskussionsbedarf. Gleichzeitig soll der neue Präsident genau das vereinfachen. Eine Person, die 30 Länder repräsentiert und dabei möglichst nicht das Gefühl vermittelt, irgendjemand werde übergangen. Ein diplomatischer Hochseilakt mit Publikum.
Grönland und Island tauchen in diesem Szenario fast wie symbolische Extras auf. Sie stehen für Weite, Kälte, Ressourcen und Zukunft. Europa denkt nicht nur kontinental, sondern gleich arktisch. Grenzen werden nicht mehr als Linien betrachtet, sondern als Möglichkeiten. Wer Interesse zeigt, darf hoffen. Wer zögert, wird eingeladen, erneut Interesse zu zeigen.
Der Vorschlag offenbart eine tiefe Sehnsucht. Nach Übersicht. Nach Klarheit. Nach jemandem, der den Satz „Europa sagt“ beginnen kann, ohne ihn mit „nach intensiven Gesprächen“ beenden zu müssen. Doch er offenbart auch ein Dilemma: Führung lässt sich nicht allein durch Titel erzeugen. Sie entsteht durch Kompetenz, Vertrauen und die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten.
Ein europäischer Präsident kann viel bewirken. Er kann moderieren, vermitteln, repräsentieren. Er kann die EU sichtbarer machen. Aber er kann nicht ersetzen, was Europa im Kern ausmacht: den mühsamen, manchmal frustrierenden, oft langwierigen Ausgleich zwischen sehr unterschiedlichen Interessen.
Vielleicht ist das neue Amt weniger eine Lösung als ein Spiegel. Es zeigt, wie sehr Europa sich nach Entschlossenheit sehnt – und wie schwer es ihm fällt, diese aus den bestehenden Strukturen heraus zu entwickeln. Also denkt man neu. Größer. Titelreicher.
Ob dieser Präsident am Ende mehr ist als ein sehr gut ausgeleuchtetes Symbol, bleibt offen. Sicher ist nur: Europa arbeitet weiter an sich. Und wenn Führung nicht organisch wächst, dann eben per Organisationsdiagramm.
Denn eines kann Europa besonders gut: sich neu erfinden, ohne sich dabei zu sehr zu verändern.