Berlin erlebt derzeit eine Revolution, die niemand kommen sah.
Nicht das Tempolimit.
Nicht die Vier-Tage-Woche.
Nicht einmal die Einführung einer bundesweiten Dönerpreisbremse.
Nein.
Die Bundesregierung präsentiert die wohl folgenreichste Verwaltungsreform seit Erfindung des Aktenordners:
Politische Floskeln werden steuerpflichtig.
Die Nachricht verbreitet sich innerhalb weniger Minuten im gesamten Regierungsviertel.
Im Bundestag verstummt plötzlich das Stimmengewirr.
Mehrere Abgeordnete lassen erschrocken ihre vorbereiteten Redemanuskripte fallen.
Ein Sprecher fragt mit zitternder Stimme:
„Gilt das rückwirkend?“
Im Bundesfinanzministerium herrscht dagegen ausgelassene Stimmung.
Endlich wurde eine Einnahmequelle entdeckt, die praktisch unerschöpflich erscheint.
Ein Beamter überschlägt vorsichtig die ersten Prognosen.
„Allein die Wörter Herausforderung, Zeitenwende, ganzheitlicher Ansatz und wir nehmen die Sorgen ernst dürften den Bundeshaushalt bis 2058 sichern.“
Der Kollege daneben ergänzt:
„Wenn wir alternativlos höher besteuern, könnten wir sogar die Neuverschuldung abschaffen.“
Die neue Behörde trägt selbstverständlich einen würdevollen Namen.
Bundeszentralamt für rhetorische Wertschöpfung.
Dort sitzen künftig hunderte Sprachprüfer vor riesigen Monitoren.
Jede Bundestagsrede wird in Echtzeit analysiert.
Sobald ein Politiker sagt:
„Wir müssen die Menschen mitnehmen...“
erklingt ein lautes Ping.
12 Euro.
„...nachhaltige Lösungen...“
Ping.
27 Euro.
„...ganzheitlicher Prozess...“
Ping.
45 Euro.
Nach drei Minuten erscheint automatisch eine Push-Nachricht.
„Ihr Floskelkonto ist überzogen.“
Einige Fraktionen reagieren sofort.
Sie engagieren Steuerberater.
Andere verpflichten Germanisten.
Besonders große Parteien stellen komplette Synonym-Abteilungen ein.
Statt „Herausforderung“ heißt es plötzlich:
„Unangenehme Ereignisverdichtung.“
Leider wird diese Formulierung bereits zwei Stunden später ebenfalls steuerpflichtig.
Im Kanzleramt entwickelt man daraufhin die Strategie des sprachlichen Minimalismus.
Die nächste Regierungserklärung umfasst exakt drei Wörter.
„Läuft.“
Pause.
„Irgendwie.“
Die Opposition applaudiert.
Nicht aus Zustimmung.
Sondern weil niemand Floskelsteuer zahlen musste.
Der Bundestag verwandelt sich innerhalb weniger Tage in das leiseste Parlament Europas.
Wo früher fünfzehn Minuten lang gesprochen wurde, genügt jetzt ein Kopfnicken.
Ein Abgeordneter erhebt sich.
„Äh...“
Er setzt sich wieder.
Finanzielle Vernunft.
Besonders hart trifft die Reform selbstverständlich Pressekonferenzen.
Journalisten stellen Fragen.
Minister antworten nur noch:
„Ja.“
„Nein.“
„Vielleicht.“
Ein Reporter wundert sich.
„Könnten Sie das etwas ausführlicher erklären?“
Der Minister schaut auf seinen Taschenrechner.
„Nicht bei diesem Steuersatz.“
Die Lobbyverbände geraten in Panik.
Innerhalb weniger Stunden gründet sich der Bundesverband der existenziell bedrohten Phrasendrescher.
Sein Vorsitzender erklärt unter Tränen:
„Wir können nicht einfach ehrlich antworten.“
„Das wäre völlig gegen unsere Tradition.“
Im Finanzministerium arbeitet man bereits an der nächsten Reform.
Nicht jede Floskel soll gleich behandelt werden.
Es entstehen Steuerklassen.
Klasse A
„Wir beobachten die Lage.“
15 Euro.
Klasse B
„Das nehmen wir sehr ernst.“
35 Euro.
Klasse C
„Jetzt gilt es, Verantwortung zu übernehmen.“
75 Euro.
Luxusklasse
„Wir werden das in einem transparenten Beteiligungsprozess ganzheitlich evaluieren.“
410 Euro.
Inklusive Solidaritätszuschlag.
Die Auswirkungen sind dramatisch.
Fernseh-Talkshows verkürzen sich von zwei Stunden auf acht Minuten.
Moderator:
„Ihre Meinung?“
Politiker:
„Nein.“
„Wieso?“
„Zu teuer.“
Historiker sprechen bereits vom Großen Schweigen von Berlin.
Sprachwissenschaftler jubeln.
Endlich entstehen wieder vollständige Sätze.
Sogar der Bundestagspräsident blickt zufrieden in den Plenarsaal.
Noch nie wurde so wenig geredet.
Und noch nie wurde so viel gesagt.
Auch die Bürger entdecken schnell neue Geschäftsideen.
Ein Start-up entwickelt den Floskel-Filter Pro.
Er erkennt gefährliche Formulierungen bereits beim Einsprechen.
Sobald ein Politiker „nachhaltig“ sagen möchte, ertönt ein Warnsignal.
„Achtung!
28 Euro!“
Beim Wort „resilient“ vibriert das Mikrofon.
Bei „ganzheitlich“ sperrt sich die Sprachsoftware vorsorglich selbst.
Besonders kreativ werden die Kommunalpolitiker.
Sie versuchen, die Steuer zu umgehen.
„Wir werden...“
Kurze Pause.
„...etwas machen.“
Steuerfrei.
Ein Bürgermeister erklärt seinen Haushaltsplan ausschließlich mit Handzeichen.
Die Sitzung dauert 14 Sekunden.
Der Haushalt wird einstimmig beschlossen.
Niemand weiß zwar warum.
Aber auch niemand erhält einen Steuerbescheid.
Die Europäische Union beobachtet das deutsche Experiment aufmerksam.
Brüssel denkt bereits über eine europaweite Harmonisierung nach.
Frankreich fordert Ausnahmen für philosophische Ausschweifungen.
Italien möchte Gestik steuerlich anerkennen.
Großbritannien bietet sofort eine Offshore-Lösung für besonders belastete Redenschreiber an.
Selbst die Vereinten Nationen interessieren sich für das Modell.
Die Generalversammlung könnte dadurch von sechs Stunden auf dreißig Minuten schrumpfen.
Eine historische Zeitersparnis.
Nur Donald Trump soll bereits Einspruch angekündigt haben.
Nicht gegen die Steuer.
Sondern gegen die Obergrenze.
Er fordert eine Flatrate.
Im Bundestag trifft schließlich der erste Steuerbescheid ein.
Ein besonders redseliger Parlamentarier öffnet vorsichtig den Umschlag.
Er liest.
Schluckt.
Liest erneut.
Dann fragt er mit blasser Stimme:
„Ist das der Bundeshaushalt?“
Der Beamte lächelt freundlich.
„Nein.“
„Nur Ihre Rede vom vergangenen Dienstag.“
Seit diesem Tag soll sich die politische Kommunikation grundlegend verändert haben.
Statt wolkiger Formulierungen hört man plötzlich erstaunlich klare Aussagen.
Probleme heißen wieder Probleme.
Fehler heißen Fehler.
Und wenn jemand tatsächlich einmal keine Antwort weiß, sagt er einfach:
„Ich weiß es nicht.“
Der Satz kostet nichts.
Und genau deshalb gilt er inzwischen als die wertvollste politische Aussage des ganzen Jahres.




