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KOLUMNE

Demokratie-Tournee 2028: Iowa aus dem Vorprogramm gestrichen

admin · 21.08.2026 · 5 Min. Lesezeit
Grafik: Iowa fliegt aus der Show
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Amerika sucht den Superpräsidenten

Die amerikanische Demokratie bereitet sich auf ihre nächste große Staffel vor. Arbeitstitel: „America's Next Top President 2028“.

Noch kennt niemand die vollständige Kandidatenliste, niemand weiß, welche politischen Krisen bis dahin auftreten werden, und vermutlich existieren einige Wahlkampfslogans noch nicht einmal als Baseballkappe. Aber das Wichtigste steht bereits fest:

Wer darf zuerst wählen?

Das Democratic National Committee hat South Carolina für 2028 an die Spitze des Vorwahlkalenders gesetzt. Iowa, jahrzehntelang so etwas wie der zeremonielle Türsteher amerikanischer Präsidentschaftswahlen, gehört dagegen nicht mehr zur frühen Spitzengruppe.

Damit beginnt die Präsidentschaftskür der Demokraten künftig nicht mehr zwischen Maisfeldern, sondern in South Carolina.

Für Iowa ist das ungefähr so, als würde das ZDF dem Neujahrskonzert mitteilen: „Vielen Dank für Ihre jahrzehntelange Tradition. Ab nächstem Jahr senden wir stattdessen eine Kochshow aus Saarbrücken.“

And twelve points go to … South Carolina!

Dass Bundesstaaten überhaupt darum konkurrieren, möglichst früh abstimmen zu dürfen, gehört zu den faszinierenden Besonderheiten amerikanischer Demokratie.

Denn früh wählen bedeutet Einfluss.

Wer zuerst abstimmt, entscheidet zwar nicht automatisch über den Kandidaten, kann aber bestimmen, über wen anschließend wochenlang gesprochen wird.

Das ist ein bisschen so, als würden bei einer Castingshow die ersten 200 Zuschauer entscheiden, welche Sänger anschließend überhaupt noch Mikrofone bekommen.

South Carolina erhält nun den begehrten Auftaktplatz.

Politisch ist das nachvollziehbar: Der Bundesstaat hat eine große schwarze Wählerschaft, die für die Demokratische Partei zentral ist, und gilt als repräsentativer für wichtige Teile der demokratischen Koalition als Iowa.

Fernsehtechnisch bedeutet es:

South Carolina – Prime Time.

Iowa dagegen:

Leider konnten wir Ihre Bewerbung diesmal nicht berücksichtigen.

Iowa: Vom Star zum ehemaligen Teilnehmer

Besonders bitter ist der Absturz für Iowa, weil der Staat jahrzehntelang überzeugt war, eine naturgesetzliche Verbindung zwischen Maisanbau und Präsidentenauswahl zu besitzen.

Seit 1972 stand der Iowa Caucus am Anfang des demokratischen Nominierungsprozesses.

Generationen amerikanischer Politiker pilgerten deshalb durch Turnhallen, Gemeindehäuser, Diners und Scheunen, um Menschen persönlich davon zu überzeugen, dass sie hervorragend geeignet seien, Atomwaffen zu kontrollieren.

„Guten Abend, ich möchte Präsident der Vereinigten Staaten werden.“

„Interessant. Möchten Sie noch Kartoffelsalat?“

„Sehr gerne.“

So entstand Weltpolitik.

Doch spätestens 2020 bekam Iowas traditionsreiche Rolle erhebliche Risse, als technische Probleme und Meldechaos dafür sorgten, dass die Ergebnisse des Caucus nicht wie geplant verkündet werden konnten.

Für einen Staat, dessen wichtigste Aufgabe darin bestand, als Erster ein Wahlergebnis zu produzieren, war das ungefähr so günstig wie ein Bewerbungsgespräch für die Feuerwehr, bei dem man versehentlich das Büro anzündet.

Die Bundesstaaten-Castingshow

Der neue Vorwahlkalender zeigt wunderbar, dass Demokratie in den USA nicht nur ausgeübt, sondern auch programmiert wird.

Bundesstaaten müssen sich praktisch bewerben.

Warum sollten wir früh wählen dürfen?

Michigan könnte argumentieren:

„Wir haben Arbeiter, Vorstädte und eine wichtige Automobilindustrie.“

Nevada:

„Wir haben eine diverse Bevölkerung und außerdem Las Vegas.“

New Hampshire:

„Wir machen das seit Ewigkeiten!“

Iowa:

„Wir haben Mais.“

DNC:

„Sonst noch etwas?“

Iowa:

„Sehr viel Mais.“

DNC:

„Wir melden uns.“

Eigentlich fehlt nur noch eine Jury.

Drei Parteifunktionäre sitzen hinter einem Tisch und drücken rote Knöpfe.

„South Carolina, du hast mich emotional abgeholt.“

„Michigan, deine Swing-State-Energie ist fantastisch.“

„Iowa, wir lieben deine Tradition, aber dein Auftritt wirkt dieses Jahr leider etwas 1972.“

Dann traurige Musik.

Iowa verlässt das Studio.

Im Hintergrund weht Mais.

Demokratie mit Einschaltquote

Das eigentliche Problem des Kalenders ist jedoch größer.

Ein früher Erfolg kann Kandidaten plötzlich als „wählbar“ erscheinen lassen.

Ein frühes Scheitern kann Kampagnen beenden, bevor Millionen andere Parteimitglieder überhaupt ihre Stimme abgegeben haben.

Damit entsteht eine bemerkenswerte demokratische Reihenfolge:

Einige Bürger wählen.

Medien interpretieren das Ergebnis.

Spender interpretieren die Medien.

Kandidaten interpretieren die Spender.

Und anschließend dürfen weitere Bürger entscheiden, ob sie das bereits interpretierte Ergebnis bestätigen möchten.

Das ist Demokratie mit eingebautem Serienrecap.

„Bisher bei Presidential Primary 2028 …“

Kandidat A gewann South Carolina überraschend deutlich.

Kandidat B enttäuschte.

Kandidat C erklärte seinen zweiten Platz zum historischen Sieg.

Kandidat D stieg aus und unterstützt jetzt Kandidat A.

Und Sie in Kalifornien dürfen in vier Wochen ebenfalls noch mitmachen!

Der regional optimierte Präsidentschaftskandidat

Aus Marketingsicht ist das Verfahren natürlich genial.

Jeder Kandidat kann seine Persönlichkeit regional anpassen.

In South Carolina spricht er über Gemeinschaft und Bürgerrechte.

In Michigan über Industriearbeitsplätze.

In Nevada über Wachstum.

In Iowa künftig vermutlich über die schöne Zeit, die man früher miteinander hatte.

Der moderne Präsidentschaftsbewerber benötigt deshalb weniger ein Parteiprogramm als eine geografisch gesteuerte Benutzeroberfläche.

Standort erkannt: South Carolina.

Politische Einstellungen werden geladen …

Lokale Themen aktiviert.

Passende Hemdsärmel hochgekrempelt.

Authentischer Diner-Besuch vorbereitet.

Warnung: Kandidat hat noch nie Grits gegessen.

Bald mit Wildcard und Publikumsvoting

Die konsequente Weiterentwicklung wäre ohnehin, das Vorwahlsystem vollständig in eine Castingshow umzubauen.

Nach South Carolina erhält der Sieger Immunität für Michigan.

New Hampshire bekommt eine Wildcard.

Nevada darf einen Kandidaten zurückholen.

Beim Super Tuesday gibt es doppelte Delegiertenpunkte.

Und kurz vor dem Parteitag entscheidet das Publikum per SMS:

„Sende PRESIDENT 03 an 2028.“

Teilnahme ab 18 Jahren. Kosten abhängig vom Mobilfunkanbieter. Demokratiegebühren können anfallen.

Der Parteitag selbst wird anschließend zum großen Finale.

Konfetti.

Musik.

Delegierte.

Ein Moderator hält 45 Sekunden lang einen Umschlag in die Kamera.

„Amerika … der demokratische Präsidentschaftskandidat 2028 … ist …“

Werbung.

Und Iowa?

Iowa bleibt natürlich ein Bundesstaat.

Es gibt weiterhin Mais, Menschen, Straßen und vermutlich Politiker, die dort vorsichtshalber trotzdem frühstücken gehen.

Nur die jahrzehntelange Sonderrolle ist vorerst vorbei.

South Carolina eröffnet 2028 die demokratische Vorwahlsaison, während die Partei versucht, ihren Kalender stärker an ihrer tatsächlichen Wählerschaft und strategischen Realität auszurichten.

Das kann durchaus sinnvoll sein.

Satirisch bemerkenswert bleibt trotzdem, dass ausgerechnet die Reihenfolge demokratischer Beteiligung selbst Ergebnis eines politischen Auswahlverfahrens ist.

Bevor Amerika also darüber abstimmt, wer Präsident werden soll, wird zunächst entschieden, wer darüber abstimmen darf, wer zuerst darüber abstimmt, wer Präsident werden soll.

Demokratie kann sehr einfach sein.

Man muss sie nur kompliziert genug organisieren.

Und falls Iowa irgendwann wieder an die Spitze möchte, gibt es immerhin Hoffnung.

Neue Staffel.

Neue Jury.

Neue Chance.

Vielleicht sollte der Staat bis dahin einfach sein Profil modernisieren:

Iowa 2032 – jetzt mit Mais UND TikTok.

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