Es gibt in Washington offenbar zwei Arten von Handelsabkommen: schlechte Abkommen und Abkommen, bei denen Howard Lutnick noch nicht fertig nachgerechnet hat.
Noch am Freitag sah es zwischen den USA und Kanada nach jener diplomatischen Wunderformel aus, die Regierungen gern „sehr nah an einer Einigung“ nennen. US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer zeigte sich optimistisch, Kanadas Handelsminister Dominic LeBlanc ebenfalls – und Donald Trump hatte zuvor sogar von einem guten Deal gesprochen.
Dann kam Handelsminister Howard Lutnick.
Oder, wie man ihn künftig in kanadischen Verhandlungskreisen vermutlich nennt:
der Mann mit dem Nachschlag beim Zollbuffet.
Laut CBC-Bericht hielten mehrere mit den Gesprächen vertraute Quellen Lutnick für unzufrieden mit dem ausgehandelten Stand. Besonders die mögliche Senkung des US-Autozolls auf kanadische Fahrzeuge von 25 auf 15 Prozent soll ihm nicht gefallen haben.
Fünfzehn Prozent!
Praktisch Freihandel.
Noch ein paar Zugeständnisse und Kanadier hätten ihre Autos womöglich ohne persönliche Entschuldigung beim US-Handelsministerium über die Grenze fahren dürfen.
Washingtons neues Verhandlungsprinzip
Das Problem amerikanischer Handelsgespräche scheint inzwischen weniger darin zu bestehen, einen Deal zu finden.
Das Schwierige ist, ihn lange genug festzuhalten.
Man stelle sich die Szene vor:
Kanada: „Sind wir uns einig?“
Greer: „Ja.“
Trump: „Guter Deal.“
LeBlanc: „Sehr gut.“
Lutnick, aus dem Hintergrund: „Moment.“
Alle frieren ein.
Lutnick zieht einen Taschenrechner hervor.
„Da sind noch zehn Prozent Autozoll drin.“
Kanada: „Aber wir haben drei Tage verhandelt.“
„Eben. Da müsste doch mehr drin sein.“
Das ist keine Handelspolitik mehr.
Das ist Basarhandel mit Atomwaffen und Excel-Tabelle.
Zölle als universelles Heilmittel
Lutnicks grundsätzliche Begeisterung für Zölle ist dabei gut dokumentiert. Sie sollen Produktion zurück in die USA holen und amerikanische Unternehmen schützen.
Das eröffnet faszinierende Möglichkeiten.
Amerikanisches Auto zu teuer?
Zoll.
Kanadischer Stahl?
Zoll.
Milch?
Zoll.
Whiskey?
Zoll.
Kanadischer Ahornsirup schaut verdächtig?
Vorsichtshalber 35 Prozent.
Demnächst könnte das Handelsministerium feststellen, dass kanadische Gänse ohne Einfuhrabgabe über die Grenze fliegen.
Das wäre Wettbewerbsverzerrung.
Jede Gans erhält deshalb künftig beim Grenzüberflug ein Formular und einen Zollbescheid.
Kanada bietet Alkohol, Amerika möchte Industrie
Besonders herrlich war der mögliche Tauschhandel: Kanada erwog Lockerungen bei Provinzverboten für amerikanischen Alkohol, während Washington über niedrigere Stahl-, Aluminium- und Autozölle verhandelte.
Das klingt weniger nach internationaler Handelspolitik als nach einer Scheidung:
„Du bekommst wieder deinen Bourbon ins Regal.“
„Dafür will ich 15 Prozent bei Autos.“
„Zwanzig.“
„Siebzehn und Zugang zu Milchprodukten.“
„Deal.“
Lutnick öffnet die Tür:
„Kein Deal.“
Und tatsächlich wurde aus dem vermeintlich fast fertigen Abkommen kurz darauf gar kein Abkommen mehr. Die Gespräche brachen am Freitag zusammen; seit Samstag erheben die USA neue 50-Prozent-Zölle auf bestimmte kanadische Waren im Umfang von rund 20 Milliarden Dollar.
Damit hat die nordamerikanische Diplomatie einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt:
Mittwoch: „Wir sind zufrieden.“
Donnerstag: „Sehr nah.“
Freitag: „Fast fertig.“
Samstag: Handelskrieg.
So schnell installiert selbst Windows kein Update.
Vielleicht war Howard Lutnick also gar nicht der Störenfried.
Vielleicht war er lediglich der einzige Mann im Raum, der das neue amerikanische Handelsprinzip vollständig verstanden hatte:
Ein Deal ist erst dann gut, wenn die andere Seite sich fragt, warum sie überhaupt gekommen ist.




