Parteitage gehören normalerweise zu den berechenbarsten Veranstaltungen der Republik.
Ein Redner begrüßt die Delegierten.
Jemand bedankt sich bei den Ehrenamtlichen.
Es wird applaudiert.
Es werden Anträge abgestimmt.
Irgendwann gibt es Kartoffelsalat oder belegte Brötchen.
Anschließend erklären alle Beteiligten vor laufenden Kameras, man sei "geschlossen, geeint und voller Zuversicht".
Dann kam Marl.
Bereits am Eingang hätte jedem Besucher klar werden können, dass hier andere Regeln gelten.
Das Begrüßungskomitee wirkte ungefähr so entspannt wie ein Schiedsrichter vor einem Derby mit 40.000 Ultras und einem einzigen gelben Karton.
Namensschilder wurden verteilt.
Programmhefte lagen bereit.
Feuerlöscher vermutlich ebenfalls.
Denn schon nach wenigen Minuten entwickelte sich die Veranstaltung weniger zu einem Parteitag als zu einer Mischung aus Familienfeier, Eigentümerversammlung und einem Improvisationstheater, bei dem alle gleichzeitig Regie führen wollten.
Im Mittelpunkt stand Martin Vincentz.
Landeschef.
Gastgeber.
Und offenbar Besitzer einer Eigenschaft, die in politischen Parteien ähnlich selten vorkommt wie Parkplätze in Innenstädten:
Er hörte auf einen Vorschlag der Parteispitze…
…und machte anschließend genau das Gegenteil.
Aus Berlin meldeten sich Alice Weidel und Tino Chrupalla.
Der Wunsch war überschaubar.
Versammlung beenden.
Neu beginnen.
Einfach noch einmal von vorne.
Quasi die politische Variante von:
"Haben Sie schon versucht, das Gerät aus- und wieder einzuschalten?"
Doch Martin Vincentz muss diesen Vorschlag ungefähr so begeistert aufgenommen haben wie ein Steuerzahler die Ankündigung einer zusätzlichen Sonderabgabe.
Seine Reaktion lautete sinngemäß:
"Vielen Dank für die Anregung."
"Wir machen jetzt weiter."
Damit wurde eine organisatorische Sensation geboren.
Die Bundesvorsitzenden wollten stoppen.
Der Landesverband wollte beschleunigen.
Die Delegierten entschieden sich schließlich mehrheitlich für die erstaunlich mutige Strategie:
"Wir ignorieren Berlin einfach."
Es war ungefähr so, als würde ein Fahrlehrer laut "Bremsen!" rufen und der Fahrschüler antwortet:
"Ich glaube, wir beschleunigen erst einmal."
Während Alice Weidel und Tino Chrupalla vermutlich noch über den weiteren Ablauf nachdachten, begann Martin Vincentz bereits Fakten zu schaffen.
Und zwar mit einer Geschwindigkeit, die sonst nur Menschen entwickeln, wenn der Supermarkt fünf Minuten vor Ladenschluss den Rabatt auf Grillfleisch verdoppelt.
Listenplatz.
Abstimmung.
Weiter.
Nächster Listenplatz.
Weiter.
Noch einer.
Noch einer.
Noch einer.
Bis schließlich über dreißig Plätze verteilt waren.
Die Wahlleitung dürfte ungefähr das Tempo eines Auktionators erreicht haben.
"Zum Ersten."
"Zum Zweiten."
"Gewählt."
"Nächster."
Ein Delegierter soll Berichten zufolge versucht haben, sich kurz zu melden.
Als er den Arm vollständig gehoben hatte, waren bereits sieben weitere Abstimmungen abgeschlossen.
Selbst der Beamer bat zwischendurch um eine Trinkpause.
Die Mikrofone entwickelten Burnout-Symptome.
Und die Stimmkarten beantragten kollektiv Überstundenvergütung.
Besonders spektakulär wurde allerdings die juristische Nebenhandlung.
Martin Vincentz entschied sich nämlich nicht nur für politischen Widerstand.
Er griff sofort zur Lieblingsbeschäftigung deutscher Institutionen.
Dem Gang zum Gericht.
Deutschland ist schließlich das einzige Land, in dem vermutlich sogar zwei Gartenzwerge zunächst eine einstweilige Verfügung beantragen würden, bevor sie sich gegenseitig schief anschauen.
Man stelle sich die Szene vor.
"Martin, Berlin will eingreifen."
"Verstehe."
"Was machen wir?"
"Wir verklagen Berlin."
"Und danach?"
"Dann stimmen wir weiter ab."
"Perfekt."
Irgendwo dürfte ein Verwaltungsrichter kurz auf seine Kaffeetasse geschaut und beschlossen haben, den Nachmittag vorsichtshalber freizuhalten.
Alice Weidel und Tino Chrupalla fanden sich plötzlich in einer Situation wieder, die jeder Führungskraft Albträume bereiten dürfte.
Man gibt Anweisungen.
Der Landesverband antwortet mit einem gerichtlichen Schreiben.
Das ist ungefähr so, als würde ein Chef seinem Mitarbeiter sagen:
"Bitte räumen Sie den Schreibtisch auf."
Und der Mitarbeiter erwidert:
"Mein Anwalt meldet sich."
Währenddessen spielte Matthias Helferich ebenfalls eine tragende Rolle in diesem politischen Theaterstück.
Bereits beim ersten Teil der Veranstaltung war die Stimmung zwischen den Lagern ungefähr so harmonisch wie ein gemeinsamer Campingurlaub von Katzen und Staubsaugerrobotern.
Beleidigungen flogen durch den Saal.
Rempeleien sorgten für zusätzliche Bewegung.
Der Begriff "Parteifreund" bekam eine vollkommen neue, experimentelle Bedeutung.
Der Sicherheitsdienst dürfte irgendwann vorsorglich begonnen haben, Namensschilder nach Gefährdungsstufe zu sortieren.
Grün.
Gelb.
Rot.
"Bitte niemals gemeinsam an einen Tisch setzen."
Im Berliner Konrad-Adenauer-Haus beobachtete man das Geschehen vermutlich mit einer Mischung aus Verwunderung und Erleichterung.
Ein CDU-Mitarbeiter soll leise gesagt haben:
"Zum Glück sind wir heute mal nicht die Schlagzeile."
Politische Konkurrenz verbindet schließlich manchmal mehr als jedes Koalitionspapier.
Im AfD-Bundesvorstand dürfte inzwischen fieberhaft an einem neuen Organisationshandbuch gearbeitet werden.
Kapitel eins:
Wenn Landesverbände nicht zuhören.
Kapitel zwei:
Wenn sie trotzdem weitermachen.
Kapitel drei:
Wenn sie einen verklagen.
Kapitel vier:
Kaffee. Viel Kaffee.
Politikberater entwickelten bereits erste Verbesserungsvorschläge.
Künftige Parteitage könnten vorsorglich mit zusätzlichen Ausstattungsmerkmalen geplant werden.
Ein Mediator am Rednerpult.
Ein Schiedsrichter neben der Wahlurne.
Ein Notar hinter dem Präsidium.
Und ein Therapeut direkt neben dem Kaffeeautomaten.
Außerdem könnte jede Delegiertenkarte künftig mit einer Ampel ausgestattet werden.
Grün:
"Ich stimme zu."
Gelb:
"Ich bin verwirrt."
Rot:
"Ich reiche gleich Klage ein."
Besonders spannend bleibt die Frage, wie es mit Martin Vincentz weitergeht.
In Berlin wird offenbar über Konsequenzen nachgedacht.
In Marl dürfte man darüber vermutlich bereits abgestimmt haben.
Und falls beide Ergebnisse voneinander abweichen, entscheidet am Ende wahrscheinlich wieder ein Gericht.
Man möchte schließlich konsequent bleiben.
Vielleicht entwickelt sich daraus sogar ein neues demokratisches Verfahren.
Parteitage beschließen etwas.
Der Bundesvorstand widerspricht.
Das Landgericht erklärt den Zwischenstand.
Und am Ende fasst ein Oberlandesgericht das Protokoll zusammen.
Politikwissenschaftler sprechen gern von innerparteilicher Willensbildung.
Nach diesem Wochenende dürfte allerdings auch der Begriff "innerparteiliche Eigenwillensbildung" offiziell eingeführt werden.
Denn Marl hat eindrucksvoll gezeigt, dass politische Veranstaltungen nicht zwingend langweilig sein müssen.
Sie können auch gleichzeitig Parteitag, Familienberatung, Eilverfahren, Casting-Show und Extremsport sein.
Am Ende räumten die Hausmeister den Saal auf.
Sie sammelten Stühle ein.
Papierbecher.
Stimmzettel.
Lose Nerven.
Und irgendwo unter einem Tisch fanden sie vermutlich auch noch den ursprünglichen Plan für ein ruhiges Parteitagswochenende.
Er war erstaunlicherweise noch völlig unbenutzt.




