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POLITIK

Midterms-Casting in Amerika: Trump verteilt Rosen, aber nicht jeder Kandidat bekommt eine

admin · 12.08.2026 · 6 Min. Lesezeit
Grafik: US-Vorwahlen: Trumps goldener Stempel wackelt
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In den Vereinigten Staaten hat wieder jene wundervolle Phase begonnen, in der Politiker zunächst gegen ihre eigenen Parteifreunde kämpfen müssen, bevor sie anschließend gemeinsam behaupten können, die andere Partei sei das eigentliche Problem.

Es sind Vorwahlen.

Oder wie man in Deutschland sagen könnte:

Parteitag, nur mit Millionen Wählern und deutlich mehr Fernsehwerbung.

In South Carolina, Minnesota, Wisconsin und Alabama wurde abgestimmt. Dabei ging es nicht nur darum, wer im November bei den Midterms antreten darf. Gleichzeitig wurde untersucht, wie viel politische Zauberkraft eine Empfehlung von Donald Trump noch besitzt.

Das Ergebnis:

Trump kann Kandidaten weiterhin Rückenwind geben.

Aber offenbar nicht mehr mit eingebauter Sieggarantie.

Der politische Gütestempel „Trump approved“ funktioniert damit inzwischen ungefähr wie eine Restaurantbewertung im Internet: sehr hilfreich, aber man sollte trotzdem vorher nachsehen, ob das Gebäude noch steht.

South Carolina präsentiert: Graham II

Besonders interessant wurde es in South Carolina.

Dort muss der Senatssitz des verstorbenen Lindsey Graham neu besetzt werden. In der republikanischen Vorwahl trat unter anderem dessen Schwester Darline Graham an.

Und damit zeigt Amerika wieder einmal, dass es Monarchien zwar 1776 offiziell abgeschafft hat, berühmte Familiennamen aber weiterhin äußerst praktisch findet.

Kennedy.

Bush.

Clinton.

Graham.

Das amerikanische politische System funktioniert gelegentlich wie ein Familienunternehmen, bei dem auf der Tür zwar „Demokratie“ steht, im Personalbüro aber zunächst gefragt wird:

„Und wer waren Ihre Eltern?“

Darline Graham war nach dem Tod ihres Bruders zur Übergangssenatorin ernannt worden und erhielt Unterstützung von Donald Trump.

Kritiker sprachen deshalb von einer möglichen „Krönung“.

Was natürlich völlig übertrieben ist.

Eine Krönung hätte schließlich eine Krone benötigt.

Amerikanische Politik bevorzugt Baseballkappen.

Doch trotz Trump-Unterstützung und berühmtem Nachnamen erreichte Graham nach den im Ausgangstext genannten Prognosen nur rund 33 Prozent.

Das reichte für Platz eins.

Aber nicht für die notwendige absolute Mehrheit.

Deshalb geht es am 25. August in eine Stichwahl gegen den Kongressabgeordneten Ralph Norman.

Das republikanische Publikum bekommt also eine weitere Folge.

„Graham gegen Norman – Wer wird Senator?“

Donald Trump sitzt gedanklich auf dem Jury-Stuhl.

Die Kandidaten treten vor.

Amerika stimmt ab.

Und irgendwo sucht ein Fernsehsender bereits nach einem Sponsor.

Zehn Kandidaten und keiner über 50 Prozent

Besonders schön ist die Vorstellung, dass gleich zehn Kandidaten angetreten sind.

Zehn Republikaner wollten denselben Senatssitz.

Das ist keine Vorwahl mehr.

Das ist eine politische Reise nach Jerusalem.

Nur dass am Ende nicht neun Stühle fehlen, sondern ein Senatorensitz.

Darline Graham landete vorne, Ralph Norman ebenfalls stark – und acht andere Kandidaten dürfen nun vermutlich erklären, dass ihre Kampagne trotzdem ein großer Erfolg gewesen sei.

Das gehört zur Demokratie.

Niemand verliert eine Wahl.

Man „setzt wichtige Impulse“.

Man „stößt Debatten an“.

Man „baut Strukturen auf“.

Und gelegentlich verbringt man anschließend mehr Zeit mit seiner Familie.

Mike Lindell entdeckt die Grenzen des Trump-Bonus

Noch interessanter wurde es in Minnesota.

Dort wollte Mike Lindell republikanischer Kandidat für das Gouverneursamt werden.

Lindell ist Unternehmer und ein prominenter Anhänger der unbelegten Behauptung, die US-Präsidentschaftswahl 2020 sei gestohlen worden.

Außerdem hatte er etwas, das bei republikanischen Vorwahlen lange als politische Lebensversicherung galt:

Donald Trumps Unterstützung.

Doch dann passierte etwas Unerhörtes.

Lisa Demuth gewann.

Damit könnte in republikanischen Parteizentralen kurzfristig hektische Betriebsamkeit ausgebrochen sein.

„Moment! Trump hat doch den anderen unterstützt!“

„Ja.“

„Und trotzdem hat jemand anderes gewonnen?“

„Offenbar.“

„Ist das technisch möglich?“

Offensichtlich ja.

Das Trump-Endorsement entwickelt sich damit von einer politischen Garantie zu einer Empfehlung.

Früher:

„Trump unterstützt Kandidat X.“

Analyse:

„Dann gewinnt X.“

Heute:

„Trump unterstützt Kandidat X.“

Analyse:

„Interessant. Schauen wir mal.“

Das ist für Politikwissenschaftler ausgesprochen spannend.

Für Trump vermutlich etwas weniger.

Wisconsin entscheidet per Mikroskop

Bei den Demokraten wiederum zeigte Wisconsin, dass man für amerikanische Vorwahlen inzwischen nicht nur Wahlcomputer, sondern möglicherweise auch Messschieber benötigt.

Die selbst erklärte demokratische Sozialistin Francesca Hong trat gegen David Crowley an.

Hong wurde dem linken Parteiflügel zugerechnet, Crowley erhielt Unterstützung des früheren Gouverneurs Tony Evers, der nicht erneut kandidierte.

Am Ende gewann Crowley.

Mit ungefähr einem halben Prozentpunkt Vorsprung.

Ein halbes Prozent.

Das ist politisch ungefähr der Abstand zwischen:

„Die Partei hat sich eindeutig entschieden“

und

„Bitte niemand niest neben den Wahlurnen.“

Bei solchen Ergebnissen kann jeder einzelne Wähler morgens aufwachen und denken:

„Vielleicht war ich das.“

Das ist Demokratie in ihrer konzentriertesten Form.

Ein Kreuz.

Ein Stimmzettel.

Ein halbes Prozent.

Und anschließend 400 politische Analysten im Fernsehen, die erklären, warum dieses Ergebnis selbstverständlich bereits seit Monaten vorhersehbar gewesen sei.

Alabama und die kreative Geometrie

Dann wäre da noch Alabama.

Im zweiten Kongresswahlbezirk setzte sich Rhett Marques gegen fünf republikanische Konkurrenten durch.

Die Republikaner hoffen, diesen Sitz bei der eigentlichen Wahl von den Demokraten zurückzugewinnen.

Dabei hilft eine neu zugeschnittene Wahlkreiskarte.

Und damit kommen wir zu einer der faszinierendsten amerikanischen politischen Disziplinen:

Gerrymandering.

Das Prinzip lautet vereinfacht:

Man zeichnet Wahlkreise.

Aber nicht unbedingt so, wie ein normaler Mensch einen Wahlkreis zeichnen würde.

Normale Menschen denken:

„Diese Städte liegen nebeneinander. Das könnte ein Wahlkreis sein.“

Politische Strategen denken:

„Wenn wir hier links am Supermarkt vorbeigehen, anschließend 73 Kilometer einem Fluss folgen, um diese drei Wohnblocks herumfahren und danach durch das Fenster einer Tankstelle abbiegen, bekommen wir vielleicht zwei Prozent mehr.“

Das Ergebnis sind Wahlkreise, deren Formen gelegentlich aussehen wie ein Tintenfisch nach einem elektrischen Unfall.

Demokratie trifft Geometriebaukasten

Der im Ausgangstext erwähnte Hintergrund ist ernst: Entscheidungen über Wahlrechtsregeln und Wahlkreisgrenzen können erheblichen Einfluss darauf haben, wie stark unterschiedliche Bevölkerungsgruppen politisch vertreten sind.

Satirisch betrachtet bleibt allerdings bemerkenswert, wie viel Kreativität ausgerechnet bei der Geografie entsteht.

Amerikanische Wahlstrategen könnten vermutlich problemlos eine Landkarte zeichnen, auf der ein einzelner Wahlkreis gleichzeitig einen Vorort, drei Tankstellen, eine Universität, zwei Parkplätze und den linken Flügel eines Walmart umfasst.

Begründung:

„Historisch gewachsene regionale Einheit.“

Natürlich.

Donald Trump bleibt mächtig – aber nicht allmächtig

Die interessanteste Erkenntnis dieser Vorwahlen betrifft dennoch Donald Trump.

Sein Einfluss auf die Republikanische Partei bleibt erheblich.

Aber Unterstützung bedeutet offenbar nicht automatisch Sieg.

Darline Graham muss in die Stichwahl.

Mike Lindell verliert.

Andere Kandidaten setzen sich ohne Trump-Stempel durch.

Damit nähert sich die Republikanische Partei einem Zustand, der früher einmal als vollkommen normal galt:

Wähler entscheiden Wahlen.

Eine mutige Neuerung.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der Demokraten, dass auch dort heftige Flügelkämpfe stattfinden.

Links gegen Mitte.

Parteiführung gegen Außenseiter.

Establishment gegen Aktivisten.

Amerika bereitet sich also hervorragend auf die Midterms vor.

Beide Parteien sind zunächst intensiv damit beschäftigt, sich selbst zu bekämpfen.

Danach bleibt gerade noch genug Zeit, um gemeinsam festzustellen:

Die anderen sind schuld.

America’s Next Top Candidate

Und so geht das große amerikanische Politik-Casting weiter.

Donald Trump verteilt Empfehlungen.

Darline Graham kämpft gegen Ralph Norman.

Lisa Demuth beweist, dass ein Trump-Kandidat verlieren kann.

David Crowley gewinnt in Wisconsin mit einem Vorsprung, den man beinahe mit der Lupe suchen muss.

Rhett Marques zieht für die Republikaner in Alabama weiter.

Und politische Strategen sitzen über Landkarten und entdecken geometrische Formen, die Euklid aus seinem Grab holen würden.

Im November folgt schließlich das große Finale.

Bis dahin lautet die wichtigste Erkenntnis:

In Amerika entscheidet nicht nur, wer kandidiert.

Entscheidend ist auch, wer wen unterstützt, welchem Parteiflügel jemand angehört, wie der Wahlkreis aussieht, welchen berühmten Nachnamen man trägt und ob Donald Trump einem öffentlich auf die Schulter klopft.

Amerikanische Demokratie ist eben kein einfaches System.

Sie ist eine Mischung aus Wahl, Familiendrama, Talentshow, Mathematikprüfung und Reality-TV.

Nur eines fehlt noch:

Ein goldener Buzzer.

Aber vermutlich arbeitet bereits jemand daran.

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