Die internationale Diplomatie hat einen weiteren historischen Entwicklungsschritt vollzogen. Nachdem jahrhundertelang davon ausgegangen worden war, dass für Verhandlungen mindestens zwei Seiten benötigt werden, hat US-Präsident Donald Trump dieses überholte Konzept radikal vereinfacht.
Trump kündigte Gespräche mit dem Iran an.
Der Iran erklärte daraufhin, keine Gespräche mit den USA zu führen.
Damit waren die Fronten geklärt: Washington verhandelte, Teheran nicht, und die Finanzmärkte waren bereits begeistert.
Der Vorgang erinnert an einen Mann, der am Montagmorgen im Büro verkündet, er sei für den Abend mit einer berühmten Schauspielerin verabredet. Die Schauspielerin erklärt öffentlich, sie kenne ihn nicht und werde den Abend bei ihrer Familie verbringen. Der Mann deutet dies anschließend als schwierige, aber grundsätzlich konstruktive Vorverhandlung.
Donald Trump hatte sogar schon einen ungefähren Zeitpunkt genannt. Am Montagnachmittag solle gesprochen werden. Über den Ort, die Teilnehmer oder die Tagesordnung machte er keine näheren Angaben.
Solche Kleinigkeiten werden in der modernen Diplomatie überschätzt.
Wichtig ist nicht, wer erscheint.
Wichtig ist, wer den Termin zuerst verkündet.
Die neue Ein-Personen-Diplomatie
Das klassische Verfahren internationaler Verhandlungen war unnötig kompliziert. Diplomaten mussten Kontakt aufnehmen, Botschaften austauschen, Vertreter bestimmen, Sicherheitsvorkehrungen organisieren und eine Agenda abstimmen.
Das kostete Zeit, Geld und Nerven.
Donald Trump zeigt nun, dass es auch einfacher geht.
Schritt eins: Man verkündet ein Treffen.
Schritt zwei: Die andere Seite widerspricht.
Schritt drei: Man erklärt, die Gespräche seien schwierig.
Schritt vier: Man lobt die eigenen Verhandlungskünste.
Schritt fünf: Man kündigt für die nächste Woche weitere Gespräche an.
Damit kann eine Friedensinitiative über Monate laufen, ohne dass jemals jemand das Risiko eingehen muss, tatsächlich mit dem Gegner in einem Raum zu sitzen.
Das spart nicht nur Reisekosten. Es verhindert auch unangenehme Gegenargumente.
Die amerikanische Delegation könnte allein an einem langen Konferenztisch Platz nehmen. Auf der gegenüberliegenden Seite blieben die Stühle leer. Donald Trump würde kurz warten, dann die Sitzung eröffnen:
„Wir haben dem Iran ein fantastisches Angebot gemacht.“
Stille.
„Ich stelle fest, dass es keinen Widerspruch gibt.“
Stille.
„Das Angebot wurde einstimmig angenommen.“
Anschließend könnte Trump vor die Presse treten und von einem außerordentlich harmonischen Treffen berichten. Die iranische Delegation habe sich respektvoll verhalten, niemand habe ihn unterbrochen, und sämtliche amerikanischen Forderungen seien ohne Gegenstimme durchgegangen.
Noch nie war der Iran während einer Verhandlung so ruhig.
Teheran spricht mit Oman
Während Washington offenbar ein amerikanisch-iranisches Treffen organisierte, ohne den iranischen Veranstaltungskalender zu belasten, führte Teheran nach eigener Darstellung Gespräche mit Oman.
Dort ging es um den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus.
Oman befindet sich damit in einer diplomatisch anspruchsvollen Situation. Das Sultanat spricht mit dem Iran über die Wasserstraße, während Donald Trump öffentlich den Eindruck vermittelt, er selbst befinde sich bereits mitten in einer neuen Verhandlungsrunde mit Teheran.
Oman könnte künftig vor jedem Gespräch eine Teilnehmerkontrolle durchführen.
„Iran?“
„Anwesend.“
„Oman?“
„Anwesend.“
„Vereinigte Staaten?“
„Nicht eingeladen.“
„Donald Trump?“
„Behauptet dennoch, die Sitzung zu leiten.“
Möglicherweise benötigt die Diplomatie bald Türsteher.
Sie könnten vor jedem Konferenzraum prüfen, ob die Personen, die später einen Verhandlungserfolg verkünden, zuvor auch tatsächlich im Gebäude waren.
Esmaeil Baghaei übernimmt den Telefondienst
Irans Außenamtssprecher Esmaeil Baghaei hatte die undankbare Aufgabe, ein internationales Treffen abzusagen, zu dem sein Land offenbar niemals zugesagt hatte.
Das ist schwieriger, als es klingt.
Normalerweise sagt man einen Termin ab, den man vorher vereinbart hat. Hier musste Baghaei erklären, dass der Iran nicht an einer Veranstaltung teilnehme, die ausschließlich im politischen Programm Donald Trumps existierte.
Er wirkte damit wie der Mitarbeiter eines Restaurants, der einem Gast erläutern muss:
„Nein, Herr Trump, Sie haben keinen Tisch für zwei reserviert.“
„Doch, selbstverständlich.“
„Auf welchen Namen?“
„Frieden.“
„Und wer ist Ihre Begleitung?“
„Der Iran.“
„Der Iran hat gerade angerufen und gesagt, er kommt nicht.“
„Perfekt. Dann haben wir mehr Platz.“
Baghaei könnte vorsorglich eine automatische Ansage einrichten:
„Willkommen beim iranischen Außenministerium. Für tatsächlich vereinbarte Gespräche drücken Sie die Eins. Für von Donald Trump angekündigte Gespräche, von denen wir nichts wissen, drücken Sie bitte die Zwei. Aufgrund des hohen Anrufaufkommens kann es zu längeren Wartezeiten kommen.“
Der Dax feiert schon einmal
Die Börse reagierte auf die Aussicht möglicher Verhandlungen mit großer Erleichterung. Der Dax erreichte einen Rekordstand.
Das ist bemerkenswert.
Die Finanzmärkte benötigen heute offenbar keine Einigung mehr. Sie brauchen auch keine Verhandlung. Nicht einmal eine bestätigte Teilnahme beider Seiten ist erforderlich.
Eine Behauptung reicht.
Donald Trump könnte morgens erklären, der Weltfrieden werde voraussichtlich gegen 15.30 Uhr beginnen, und noch vor dem Mittagessen würden Aktienhändler neue Rekorde feiern.
Der Dax ist damit diplomatisch weiter als die Regierungen.
Während Washington und Teheran noch darüber streiten, ob sie überhaupt miteinander sprechen, hat Frankfurt die Entspannung bereits eingepreist, analysiert und in ein börsengehandeltes Friedensprodukt verwandelt.
Banken könnten künftig passende Fonds anbieten:
Global Peace Opportunity Fund
Anlagestrategie: Investiert in internationale Verhandlungen, die von mindestens einer Seite angekündigt wurden.
Risikoklasse: optimistisch.
Laufzeit: bis zum nächsten Präsidentenbeitrag in sozialen Medien.
Die Börse reagiert auf politische Aussagen ohnehin wie ein nervöses Haustier.
„Trump kündigt Gespräche an!“
Kaufen.
„Der Iran dementiert!“
Verkaufen.
„Oman bestätigt eigene Gespräche!“
Wieder kaufen.
„Niemand kennt den Treffpunkt!“
Noch besser. Unklarheit bedeutet Wachstumspotenzial.
Der Ölpreis hört jedes Wort
Auch die Ölpreise gingen zurück. Die Händler hofften offenbar, dass eine Entspannung den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus erleichtern könnte.
Damit ist Rohöl endgültig zum sensibelsten Zuhörer der Weltpolitik geworden.
Jedes Wort Donald Trumps kann den Preis bewegen.
Sagt er „Angriff“, wird Öl teurer.
Sagt er „Gespräch“, wird es billiger.
Sagt er „großartige Gespräche nach einem möglichen Angriff“, beginnen Computerprogramme gleichzeitig zu kaufen und zu verkaufen, bis irgendwo ein Server um Hilfe ruft.
Ölhändler brauchen deshalb bald keine Fachleute für Bohrtechnik mehr. Sie benötigen Sprachwissenschaftler.
Diese sitzen während Trumps Auftritten mit Kopfhörern vor den Bildschirmen:
„Er sagte, die Gespräche beginnen am Nachmittag.“
„Hat er das Futur oder das Präsens verwendet?“
„Futur.“
„Dann Brent verkaufen.“
„Teheran dementiert.“
„Zurückkaufen.“
„Oman spricht über eine sichere Passage.“
„Was bedeutet das?“
„Keine Ahnung. Kaufen und verkaufen Sie jeweils die Hälfte.“
Der moderne Ölmarkt wird nicht mehr durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern durch die grammatische Zeitform einer Präsidentenäußerung.
Die Straße von Hormus wird zum globalen Gartentor
Die Straße von Hormus ist eine der bedeutendsten Wasserstraßen für den internationalen Energietransport. Inzwischen wirkt sie allerdings weniger wie eine Meerenge und mehr wie das Gartentor einer besonders zerstrittenen Nachbarschaft.
Der Iran steht an der einen Seite und erklärt, unter welchen Bedingungen jemand passieren darf.
Die USA stehen an der anderen und verlangen, dass das Tor geöffnet wird.
Oman versucht, einen Ersatzschlüssel zu organisieren.
Die Reedereien warten davor mit kilometerlangen Tankern.
Und die Versicherungen sitzen etwas weiter entfernt und erhöhen vorsorglich die Beiträge.
Ein Kapitän benötigt mittlerweile mehr politische Informationen als nautische Kenntnisse.
Vor der Abfahrt muss er prüfen:
Ist die Meerenge offen?
Hat Donald Trump einen Angriff angekündigt?
Hat er ihn wieder abgesagt?
Finden Gespräche statt?
Weiß der Iran davon?
Hat Oman einen Tisch reserviert?
Was macht der Ölpreis?
Erst danach darf das Schiff losfahren.
Die sicherste Route dürfte inzwischen darin bestehen, den Tanker zu Hause zu lassen und das Öl per Einschreiben zu verschicken.
Der vorläufig abgesagte Angriff
Donald Trump hatte außerdem erklärt, die USA und Israel würden vorerst auf angekündigte Angriffe verzichten.
Das Wort „vorerst“ ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung.
Es ist die geopolitische Variante des Satzes:
„Ich stelle das Bügeleisen zunächst ab.“
Niemand weiß, ob die Gefahr gebannt ist oder der Sprecher nur kurz zur Tür muss.
Ein vorläufig abgesagter Angriff ist kein Frieden. Er ist ein Angriff, der im Wartezimmer sitzt und regelmäßig prüft, wann seine Nummer aufgerufen wird.
Daneben sitzt die Diplomatie, blättert nervös in einer alten Zeitschrift und fragt sich, ob sie überhaupt einen Termin hat.
Sollten die angekündigten Gespräche nicht stattfinden, könnte Donald Trump erklären, der Iran habe sie platzen lassen.
Teheran könnte darauf hinweisen, dass es nie zugesagt habe.
Trump könnte erwidern, genau diese Weigerung beweise, wie notwendig die Gespräche gewesen seien.
Damit trägt am Ende jene Seite die Verantwortung für das Scheitern, die nach eigener Darstellung gar nicht teilgenommen hat.
Das ist diplomatisch ausgesprochen praktisch.
Der perfekte Verhandlungserfolg
Donald Trumps Methode besitzt einen entscheidenden Vorteil: Sie ist nahezu unmöglich zu widerlegen.
Sagt der Iran später doch Gesprächen zu, kann Trump erklären, seine Ankündigung sei korrekt gewesen.
Lehnt Teheran Gespräche ab, kann er behaupten, der Iran sei unter Druck geraten.
Findet ein Treffen an einem anderen Tag statt, war der zuerst genannte Termin lediglich der Beginn eines umfassenden Prozesses.
Findet überhaupt kein Treffen statt, wurden die Verhandlungen möglicherweise vertraulich geführt.
Und sollte jemand nach Belegen fragen, kann man auf die positive Reaktion der Börse verweisen.
„Natürlich fanden Gespräche statt. Schauen Sie sich den Dax an.“
Damit wird der Aktienkurs zum diplomatischen Anwesenheitsprotokoll.
Internationales Recht könnte bald entsprechend modernisiert werden.
Ein Vertrag gilt künftig als geschlossen, sobald eine Börse um mehr als ein Prozent steigt.
Eine Waffenruhe tritt in Kraft, wenn Brent unter 85 Dollar fällt.
Und ein Friedensnobelpreis wird vergeben, sobald Donald Trump dreimal hintereinander von ausgezeichneten Gesprächen berichtet, ohne einen neuen Angriff anzukündigen.
Die neue Weltordnung des Terminkalenders
Vielleicht handelt es sich nicht um ein Missverständnis, sondern um die Zukunft der Politik.
Regierungen müssen künftig nicht mehr aufeinander warten. Jedes Land kann seine eigenen Verhandlungen organisieren.
Frankreich führt Gespräche mit Russland, Russland spricht währenddessen mit China, China verhandelt mit Brasilien, und Brasilien erfährt davon am Abend aus den Nachrichten.
Alle verkünden Fortschritte.
Niemand muss Zugeständnisse machen.
Die Reisekosten sinken dramatisch.
Auch private Konflikte würden leichter.
„Meine Frau und ich haben uns darauf verständigt, dass ich am Wochenende Golf spiele.“
„Was sagt deine Frau dazu?“
„Sie verhandelt momentan mit ihrer Schwester über einen Kurzurlaub.“
„Also hat sie zugestimmt?“
„Sie hat nicht an meiner Pressekonferenz teilgenommen und konnte deshalb nicht widersprechen.“
Donald Trump hat die Diplomatie somit möglicherweise von ihrem größten Hindernis befreit: der Gegenseite.
Der Iran redet mit Oman.
Oman redet über Hormus.
Die USA reden über Gespräche mit dem Iran.
Die Börse redet von Entspannung.
Der Ölmarkt redet mit seinem Therapeuten.
Und irgendwo steht ein leerer Konferenzraum bereit, in dem die erfolgreichsten Gespräche stattfinden könnten, die niemals begonnen haben.
Am Ende wird Donald Trump vermutlich vor Kameras treten und erklären:
„Es waren großartige Gespräche. Sehr produktiv. Der Iran hat kaum ein Wort gesagt.“
Damit hätte er ausnahmsweise vollkommen recht.




