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365 Siege, 0 Atempausen: Amerikas neues Rekordjahr im Listenformat
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Wenn eine Regierung „365 Siege in 365 Tagen“ verkündet, ist das zunächst ein beruhigendes Zeichen: Es gibt offenbar noch genug Papier für Listen. Und genug Selbstbewusstsein, um aus jedem Verwaltungsakt eine Heldenreise zu machen. In der Mitteilung aus dem Weißen Haus wird das erste Jahr der Trump-Rückkehr als beispielloser Triumphzug beschrieben – ein Jahr, in dem alles gleichzeitig besser, größer, schneller und historischer geworden sein soll. Man hat fast das Gefühl, Amerika sei nicht regiert, sondern auf „Sieg-Autopilot“ gestellt worden: morgens Rekord, mittags Rekord, abends noch ein Rekord zur Verdauung.
Das Format ist dabei ein Meisterstück moderner Machterzählung: Eine nummerierte Liste wirkt wie Mathematik. Und Mathematik wirkt wie Wahrheit – zumindest so lange niemand fragt, ob die Zahlen auch das erzählen, was der Satz darüber behauptet. „365 Wins“ ist die politische Variante eines Fitness-Trackers, der jeden Schritt als Marathon verbucht, solange man beim Gehen entschlossen genug schaut.
Der zentrale Trick: Alles wird als Ergebnis dargestellt. Nicht als Behauptung, nicht als Wunsch, nicht als Interpretation – sondern als erledigte Tatsache. Negative Netto-Migration? Erledigt. Historische Mordrückgänge? Erledigt. „Trillions“ an Investitionen? Erledigt. Friedensdeals, Energie-Rekorde, Bürokratie-Abschaltungen? Alles erledigt. Die Realität wird dabei wie ein Großraumbüro behandelt: Man muss nur die richtigen Aufgaben abhaken, dann ist das Problem gelöst. Und wenn das Problem nicht gelöst ist, hat man es vielleicht nur noch nicht in der Liste gefunden.
Besonders beeindruckend ist die Abteilung „Grenze und Sicherheit“, die mit einer dramatischen Bildsprache arbeitet: Hier wird nicht verwaltet, hier wird gerettet, gestoppt, beendet, ausgelöscht. Eine Politik im Tonfall eines Actionfilms, in dem jedes Formular ein Einsatz ist und jeder Stempel eine Spezialoperation. Die Zahlen dazu wirken wie aus einem Videospiel-Highscoreboard: Millionen entfernt, Hunderttausende festgenommen, riesige Datenbanken gefüttert, Programme gestoppt, Programme umfunktioniert, Programme neu erfunden. Es ist die Art von Statistik, die nicht erklärt, sondern einschüchtert: Wer so viele Zahlen hat, muss recht haben – oder zumindest Zugriff auf sehr große Tabellen.
Dann wird es poetisch: Aus einer App wird ein „Selbstabschiebe-Mechanismus“, aus einer Maßnahme wird ein „Ende für immer“, aus einem politischen Signal wird ein Naturgesetz. Das klingt nach Kontrolle, Ordnung und Konsequenz. Nebenbei klingt es auch nach einem Staat, der seine Verwaltungssoftware wie einen Zauberstab schwingt: Du bist jetzt kein Einreise-Tool mehr, du bist jetzt ein Ausreise-Tool. Und alle applaudieren, weil das Wort „Tool“ so herrlich nach Effizienz riecht.
Im nächsten Block geht es um „Sicherheit in den Communities“. Auch hier regiert der Superlativ: größte Rückgänge, historischste Verbesserungen, spektakulärste Task Forces. Man bekommt den Eindruck, Kriminalität sei ein Schalter gewesen, den man endlich gefunden hat. Klick – weniger Mord. Klick – weniger Overdoses. Klick – weniger dies, mehr das. Das ist eine bequeme Erzählung: Sie suggeriert, dass komplexe soziale Phänomene vor allem ein Problem falscher Willenskraft waren. Keine jahrelangen Trends, keine strukturellen Ursachen, kein zähes Zusammenspiel aus Prävention, Justiz, Sozialpolitik – sondern schlicht: vorher wollte man nicht, jetzt will man.
Noch interessanter wird es dort, wo die Liste anfängt, wie ein Universal-Fernbedienungs-Handbuch zu wirken. Inflation? Runter. Löhne? Hoch. Hypotheken? Besser. Aktienmarkt? Rekord. Eierpreise? Dramatisch gerettet. Kreditkarten-Zinsen? Gedeckelt. Penny? Abgeschafft, weil zu teuer. Das ist diese Art von Regierungsstil, in dem Wirtschaft wie ein Mischpult behandelt wird: Bass hoch, Treble runter, „Make Prosperity Great Again“-Taste drücken, fertig.
Dabei entfaltet die Liste eine ganz eigene Komik: Manche Punkte wirken wie „Staat als Kundendienst“. Calls schneller beantwortet, Websites modernisiert, Retirement automatisiert – Dinge, die in einem normalen Land als „endlich“ und „warum erst jetzt“ gelten würden, werden hier als zivilisatorische Durchbrüche inszeniert. Ein bisschen so, als würde ein Restaurant „WASSER IST JETZT NASS“ auf die Speisekarte drucken und es „kulinarische Revolution“ nennen.
Der Abschnitt „Innovation und Technologie“ steigert das Ganze zu futuristischer Operette: KI-Dominanz, gigantische Investments, eine nationale Challenge, ein Plan, ein Deal, ein Reserve-Topf – alles klingt nach Zukunft, solange man es schnell genug ausspricht. Dazu eine „Strategische Bitcoin-Reserve“ – ein Satz, der wirkt, als hätte jemand in einem Tresorraum ein Passwort vergessen und daraus eine Doktrin gemacht. Man verwaltet digitale Vermögenswerte wie Museumsstücke: nicht anfassen, nur bestaunen, und unbedingt eine Plakette dran: „Historisch.“
Und dann: die Weltpolitik. Hier wird die Liste endgültig zum Wunschkonzert mit Nummernvergabe. Kriege enden, Waffen schweigen, Abkommen entstehen, Geiseln werden befreit, Staaten normalisieren, Konflikte lösen sich auf. Ein Jahr, das sich liest wie ein globaler Kalender, in dem jeden zweiten Mittwoch „Frieden“ eingetragen wurde. Es ist eine angenehm einfache Vorstellung: Frieden ist nicht kompliziert, man muss ihn nur „brokern“. Wie eine Immobilie, nur mit mehr Flaggen und weniger Notartermin.
Genau hier liegt der satirische Kern dieser Art von Aufzählung: Sie tut so, als sei Weltgeschichte ein Projektplan. Als könne man „Ende eines Kriegs“ wie „Meeting verschoben“ abhaken. Als sei Diplomatie ein Lieferdienst: Bestellung aufgeben, Deal erhalten, bitte bewerten Sie uns mit fünf Sternen.
Die Liste erreicht ihren Höhepunkt in der Verwaltungsabteilung: Behörden werden verkleinert, Regeln abgebaut, Dinge umbenannt, Dinge zurückbenannt, Dinge verboten, Dinge wieder erlaubt. Man bekommt das Gefühl, das Land sei eine gigantische Schreibtischschublade, in der man endlich aufräumt. Und wenn etwas nicht passt, benennt man es um, bis es passt. Wahlweise klassisch, patriotisch oder „endlich normal“. Das hat eine fast therapeutische Qualität: Wenn die Realität widerspricht, wird nicht die Realität geprüft, sondern die Beschriftung.
Am Ende ist „365 Wins“ weniger ein Bericht als eine Choreografie. Sie erzeugt Tempo, lässt Zweifel alt aussehen und verwandelt Politik in eine Dauer-Siegesshow. Kritische Fragen werden durch die schiere Menge ersetzt: Wer will schon bei Punkt 247 noch nachhaken? Die Liste ist nicht nur Inhalt, sie ist Strategie. Sie sagt: Wir sind so beschäftigt mit Gewinnen, dass keine Zeit für Nuancen bleibt.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Botschaft zwischen all den Nummern: Wenn man die Welt in 365 Siege pressen kann, dann passt auch alles andere hinein – Widersprüche, Nebenwirkungen, Grauzonen. Hauptsache, es klingt nach Erfolg. Und falls irgendwo doch etwas nicht funktioniert: Keine Sorge. Es gibt noch viele freie Nummern für nächstes Jahr.