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Atmen, warten, zuhören: Davos entdeckt die Achtsamkeitspolitik

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Atmen, warten, zuhören: Davos entdeckt die Achtsamkeitspolitik

Davos ist der einzige Ort auf der Welt, an dem Menschen mit Privatjets anreisen, um über Bescheidenheit zu sprechen, und wo selbst Verspätungen sofort eine geopolitische Dimension bekommen. Genau hier trat ein Mann ans Rednerpult, der an diesem Morgen weniger Finanzminister als Entspannungscoach war: Scott Bessent.

Seine Botschaft an Europa war denkbar einfach und zugleich von monumentaler Tragweite: Bitte nicht aufregen. Nicht jetzt. Am besten gar nicht. Vor allem nicht spontan. Gefühle seien unpraktisch, wenn sie zu schnell auftreten. Man solle sich stattdessen setzen, die Schultern locker lassen und innerlich bis zehn zählen – gern auch bis dreihundert, denn der Hauptredner sei ohnehin noch unterwegs.

Es war ein bemerkenswerter Moment. Während draußen Schnee fiel und drinnen über Milliarden entschieden wurde, erklärte Bessent sinngemäß, dass Empörung eine Art politischer Hautausschlag sei: unangenehm, aber vermeidbar, wenn man rechtzeitig tief durchatmet. Europa, so der Tenor, neige zu überhasteten Regungen. Dabei sei Geduld doch eine Tugend. Besonders dann, wenn man auf jemanden wartet, der immer dann erscheint, wenn man gerade nicht mehr damit rechnet.

Der Gegenstand der allgemeinen Nervosität war eine Insel, die sich durch Kälte, Ruhe und geologische Gelassenheit auszeichnet. Grönland stand im Raum wie ein stiller Gast auf einer sehr lauten Party. Niemand hatte es eingeladen, aber plötzlich redeten alle darüber. Und während Europa überlegte, wie man souverän reagiert, kam aus Washington der Ratschlag: erst einmal nichts tun. Zuhören sei wichtiger als antworten.

Der Mann, auf den alle hören sollten, war Donald Trump – allerdings mit Verzögerung. Die Präsidentenmaschine hatte beschlossen, dass auch Symbolik gelegentlich Wartung braucht. Also kehrte sie um. Ein Ersatzflugzeug sprang ein. Und plötzlich wurde aus einer Rede ein Ereignis mit Vorprogramm.

Bessent nutzte diese Zeit. Nicht für Zahlen, nicht für Märkte, sondern für emotionale Verkehrsregeln. Keine hektischen Bewegungen. Keine vorschnellen Kommentare. Bitte warten, bis der Präsident da ist, dann werde alles klarer. Das klang ein wenig wie die Durchsage in einem überfüllten Bahnhof: „Bitte bleiben Sie ruhig. Der Zug verspätet sich nur minimal. Niemand weiß warum.“

Der Gedanke dahinter ist bestechend: Wenn man lange genug wartet, lösen sich Probleme möglicherweise von selbst. Oder sie wirken zumindest weniger bedrohlich, wenn man sie sitzend betrachtet. Europa solle also nicht reagieren, sondern reifen. Wie ein guter Käse. Oder ein Wein. Oder ein diplomatisches Kommuniqué, das erst nach drei Abstimmungsrunden genießbar wird.

Besonders elegant war dabei die implizite Unterstellung, Empörung sei eine Art Luxusproblem. Wer sich ärgert, hat offenbar zu viel Zeit. Besser sei es, ruhig zu bleiben und Argumente anzuhören. Welche genau, blieb offen. Aber allein die Tatsache, dass sie noch nicht vorgetragen wurden, verlieh ihnen einen gewissen mystischen Glanz.

Währenddessen wuchs die Aufmerksamkeit. Kameras wurden neu ausgerichtet, Panels verschoben, Zeitpläne angepasst. Eine Rede, die noch nicht stattgefunden hatte, wurde zum wichtigsten Programmpunkt. Ein Klassiker von Davos: Inhalt optional, Erwartung verpflichtend.

Trump selbst hatte zuvor erklärt, er wisse nicht, wie sein Auftritt verlaufen werde. In Davos ist das beinahe revolutionär. Hier weiß normalerweise jeder schon vorher, wie alles laufen wird – inklusive der Fragen aus dem Publikum. Ungewissheit wirkt da wie ein frischer Windstoß durch einen Konferenzsaal voller PowerPoint-Folien.

Und so saßen sie da: Regierungsvertreter, Wirtschaftsführer, Berater mit sehr ernsten Gesichtern. Sie warteten. Sie atmeten. Sie versuchten, nicht zu reagieren. Grönland lag weiterhin still in der Ferne und verstand vermutlich nicht, warum es plötzlich Teil eines globalen Atemtrainings geworden war.

Der eigentliche Geniestreich dieser Situation liegt jedoch in der Umdeutung politischer Verantwortung. Nicht handeln gilt plötzlich als Zeichen von Reife. Nicht widersprechen als Ausdruck von Stärke. Geduld wird zur Strategie erklärt, und Verzögerung zur Tugend. Dass dies ausgerechnet in einem Umfeld geschieht, in dem sonst jede Minute in Marktbewegungen übersetzt wird, verleiht dem Ganzen eine fast poetische Absurdität.

Am Ende bleibt Davos als Ort, an dem Europa lernte, dass Ruhe manchmal eingefordert wird – vorzugsweise von jenen, die den Zeitplan kontrollieren. Und dass man selbst dann gelassen bleiben soll, wenn man nicht weiß, was gleich gesagt wird, sondern nur, wer es sagen wird.

Vielleicht ist das die neue Form der Weltordnung: Erst warten. Dann zuhören. Und erst ganz am Schluss entscheiden, ob man überhaupt noch reagieren möchte.

Bis dahin gilt: tief einatmen. Und bitte nicht aufregen.