- Veröffentlicht am
- • Politik
Der Friedensnobelpreis im Handgepäck – Donald Trump, María Corina Machado und die diplomatische Kunst der Selbstumarmung
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Es gibt Termine im Weißen Haus, bei denen die Welt den Atem anhält. Und es gibt Termine, bei denen man sich fragt, ob irgendwo im Hintergrund bereits ein Regisseur „Und bitte lächeln!“ ruft. Der für Donnerstag angekündigte Empfang der venezolanischen Oppositionspolitikerin María Corina Machado durch Donald Trump fällt eindeutig in die zweite Kategorie. Offiziell geht es um Gespräche über Venezuela, Demokratie und Zukunft. Inoffiziell geht es um etwas sehr viel Größeres: um den Friedensnobelpreis – genauer gesagt um seine emotionale Verfügbarkeit.
Trump selbst hat die Erwartungshaltung bereits sauber justiert. Er habe gehört, sagte er, dass Machado plane, ihm ihren Friedensnobelpreis zu überreichen. „Das wäre eine große Ehre.“ Ein Satz, der klingt, als habe jemand versehentlich die Dankesrede zu früh aus dem Teleprompter geladen. Schließlich ist Trump seit Jahren überzeugt, dass der Friedensnobelpreis ihn eigentlich nur aus organisatorischen Gründen verpasst hat. Andere hätten ihn bekommen – für Reden, für Hoffnungen, für Absichtserklärungen. Er hingegen habe geliefert. Frieden, Ordnung, starke Worte. Wenn man es genau nehme, sei das Nobelkomitee ihm noch etwas schuldig.
Dass Machado den Friedensnobelpreis erst im Dezember erhalten hat, verleiht dem Ganzen eine gewisse Eile. Kaum ist die Medaille warm, wird sie bereits als diplomatisches Accessoire gehandelt. Der Preis wirkt dabei weniger wie eine Auszeichnung und mehr wie ein hochwertiges Souvenir, das man auf Auslandsreise mitnimmt, um dem Gastgeber eine Freude zu machen. In dieser Logik ist der Friedensnobelpreis kein Abschluss, sondern ein Beginn – idealerweise einer Fotostrecke.
Natürlich meldet sich an dieser Stelle pflichtbewusst das Nobel-Institut zu Wort. Eine Übertragung oder Rückgabe des Friedensnobelpreises sei nicht möglich, heißt es aus Oslo. Der Preis sei persönlich, endgültig und nicht teilbar. Eine Klarstellung, die ungefähr so wirkt wie der Hinweis eines Museumswärters, dass man bitte nicht auf die Mona Lisa tippen solle. Formell korrekt, praktisch aber gegen eine Inszenierung gerichtet, die sich längst verselbstständigt hat.
Denn in Washington gelten andere Gesetze. Dort ist Symbolik eine eigene Währung, und der Friedensnobelpreis eine besonders stabile. Trump denkt nicht in Paragrafen, sondern in Bildern. Niemand müsse den Preis offiziell überreichen, Hauptsache, er sei „im Raum“. Nähe reicht. Sichtbarkeit genügt. Wenn irgendwo zwischen Oval Office und Flaggenarrangement das Wort „Nobelpreis“ fällt, ist der Zweck erfüllt.
Besonders pikant ist die Vorgeschichte dieses Treffens. Nach der Entmachtung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro hatte Trump Machado selbst eine Spitzenposition im künftigen Venezuela abgesprochen. Sie habe nicht die nötige Unterstützung und den Respekt im Land, erklärte er. Politisch zu schwach, gesellschaftlich nicht breit genug verankert. Eine Diagnose, die normalerweise das Ende einer Karriere markiert. Nicht jedoch in diesem Fall. Denn mangelnde Eignung für ein Amt schließt offenkundig nicht aus, für eine Inszenierung geeignet zu sein.
So entsteht ein bemerkenswerter Rollentausch. Machado ist offiziell Friedensnobelpreisträgerin. Trump ist offiziell keiner. In der Inszenierung jedoch wirkt es fast umgekehrt. Der Präsident tritt als moralischer Schwergewichtsboxer auf, der den Preis schon aus Gründen der Fairness verdient hätte. Machado wird zur Überbringerin einer symbolischen Anerkennung, die weniger ihr gilt als dem Gastgeber.
Trump beherrscht diese Dramaturgie perfekt. Er fordert den Preis nicht. Er erwartet ihn nicht. Er erwähnt nur, dass andere offenbar der Meinung sind, er habe ihn verdient. Eine rhetorische Eleganz, die Verantwortung elegant auslagert. Wenn es zu einer symbolischen Geste kommt, war es nicht seine Idee. Wenn nicht, bleibt immerhin die Erzählung.
Das Nobel-Institut versucht derweil, die Realität vor allzu kreativer Auslegung zu schützen. Der Preis sei nicht teilbar, nicht übertragbar, nicht symbolisch neu zu vergeben. Doch diese Regeln wirken in einer Medienwelt, die von Bildern lebt, beinahe nostalgisch. Entscheidend ist nicht, was juristisch gilt, sondern was im Gedächtnis bleibt. Und im Gedächtnis bleibt vor allem eines: dass der Friedensnobelpreis plötzlich sehr nah bei Donald Trump war.
Machado selbst bewegt sich dabei auf einem schmalen Grat. Einerseits ist sie die ausgezeichnete Friedensnobelpreisträgerin, andererseits droht sie in dieser Konstellation zur Nebenfigur zu werden. Ihr Preis dient als Projektionsfläche für eine amerikanische Erzählung, deren Zentrum nicht Caracas, sondern Washington ist. Ob sie diese Rolle bewusst annimmt oder ihr schlicht keine Alternative bleibt, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur: Die Bühne gehört dem Gastgeber.
So wird aus einem Staatsbesuch eine Art diplomatisches Improvisationstheater. Der Friedensnobelpreis wird nicht überreicht, aber gedacht. Nicht weitergegeben, aber imaginiert. Nicht verloren, aber neu kontextualisiert. Und Trump erhält genau das, was er am besten gebrauchen kann: die Nähe zu einer Auszeichnung, die er nie bekommen hat, aber stets beansprucht.
Am Ende bleibt ein Bild, das erstaunlich gut in diese Zeit passt. Ein Präsident, der überzeugt ist, zu wenig gewürdigt worden zu sein. Eine Nobelpreisträgerin, deren Preis plötzlich eine Nebenrolle spielt. Und ein Nobel-Institut, das aus der Ferne darauf hinweist, dass Regeln existieren – während in Washington längst an der nächsten Szene gearbeitet wird.
Der Friedensnobelpreis bleibt, wo er ist. Doch seine symbolische Reichweite hat sich erweitert. Er reist nicht offiziell, aber gedanklich. Und manchmal reicht das schon, um Geschichte zu schreiben – oder zumindest eine sehr gut ausgeleuchtete Schlagzeile.