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Der Gouverneur erklärt die Welt: Europa, bitte einmal härter auftreten
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Es gibt Momente in der Weltpolitik, in denen plötzlich jemand aufsteht, tief Luft holt und sagt: „So, jetzt erkläre ich euch das mal.“ In diesem Fall war es Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien, Bundesstaat der Sonne, der Avocados und der festen Überzeugung, moralisch grundsätzlich ein paar Etagen über dem Rest der Welt zu wohnen.
Newsom hatte Europa entdeckt. Nicht als Kontinent, nicht als historisches Projekt, sondern als pädagogische Herausforderung. Und wenn Kalifornien eines kann, dann Herausforderungen erklären. Mit ruhiger Stimme, erhobenem Zeigefinger und dem leicht genervten Blick eines Menschen, der gerade zum fünften Mal erklären muss, dass man Recycling bitte ernst nehmen sollte.
Der Anlass war ein Streit, der so surreal wirkt, dass er sich eigentlich selbst schreiben müsste: Grönland. Eis, Schnee, sehr wenige Menschen – und dennoch genug Fantasie, um globale Eitelkeiten zuverlässig zum Schmelzen zu bringen. Während Europa versuchte, Haltung, Diplomatie und politische Realität in ein halbwegs stabiles Gleichgewicht zu bringen, trat Newsom auf die Bühne und rief sinngemäß: „Ihr macht das falsch. Alle.“
Europa, so die Diagnose aus Kalifornien, sei zu leise, zu höflich, zu sehr damit beschäftigt, Sätze zu Ende zu formulieren. Man müsse klarer auftreten. Deutlicher. Härter. Am besten gleichzeitig und mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Denn der Mann, um den sich alles dreht, Donald Trump, reagiere nicht auf Zwischentöne. Er reagiere auf Lautstärke. Auf Dominanz. Auf das politische Äquivalent eines Türknallens.
Trump, so die implizite Lehre, ist keine politische Figur, sondern ein naturwissenschaftliches Phänomen. Eine Mischung aus Druckwelle und Echo. Wer ihm entgegenkommt, wird überrollt. Wer freundlich lächelt, gilt als Einladung. Wer komplizierte Sätze benutzt, hat bereits verloren. Es ist eine Weltsicht, in der internationale Beziehungen ungefähr so funktionieren wie ein Schulhof in der großen Pause.
Besonders faszinierend ist dabei die Rolle Europas. Der Kontinent wird dargestellt wie eine leicht verunsicherte Theatergruppe, die vergessen hat, wie man selbstbewusst auftritt. Zu viele Stimmen, zu viele Absprachen, zu wenig Pathos. Man müsse endlich „mit einer Stimme sprechen“, heißt es aus Übersee – idealerweise in Großbuchstaben und ohne Nebensätze.
Dass diese Stimme dann aus 27 Kehlköpfen gleichzeitig kommen soll, wirkt dabei wie ein Detail, das man unterwegs klärt. Hauptsache laut. Hauptsache entschlossen. Hauptsache niemand fragt nach Zuständigkeiten.
Trump wiederum wird in diesem Weltbild zum ultimativen Testfall. Er sei jemand, der aufhöre zuzuhören, sobald Respekt ins Spiel kommt. Der aufblühe, wenn er merkt, dass jemand versucht, höflich zu sein. Ein Mensch, der Textnachrichten vorliest, Regeln ignoriert und sich ausschließlich an das hält, was ihm gerade nützt. Kurz gesagt: ein Charakter, den alle kennen, aber immer noch behandeln, als könne man ihn mit gutem Benehmen überraschen.
Newsoms Warnung ist eindeutig: Wenn Europa jetzt nicht lernt, sich anders zu verhalten, dann wird es weitere Fälle geben. Weitere Inseln. Weitere symbolische Machtspiele. Weitere Momente, in denen jemand fragt, ob man dieses oder jenes Gebiet nicht vielleicht „neu denken“ könne. Die Welt als politischer Flohmarkt, bei dem alles verhandelbar ist, solange niemand laut genug widerspricht.
Das eigentlich Unterhaltsame an dieser Inszenierung ist jedoch die Rollenverteilung. Kalifornien, selbst nicht gerade frei von inneren Spannungen, erklärt der Weltgemeinschaft, wie Standhaftigkeit funktioniert. Ein Bundesstaat, der regelmäßig darüber diskutiert, ob er nicht besser ein eigenes Land wäre, erteilt Nachhilfe in geopolitischer Geschlossenheit. Das hat Charme. Und eine gewisse künstlerische Freiheit.
Europa wiederum darf zuhören. Und lernen. Und bitte nicht widersprechen. Denn wer widerspricht, zeigt Schwäche. Wer nachfragt, auch. Wer differenziert, sowieso. Die neue Weltordnung, so scheint es, bevorzugt klare Ansagen gegenüber komplexen Realitäten.
Am Ende bleibt ein Bild, das schwer zu vergessen ist: Ein Gouverneur am Pazifik erklärt einem Kontinent am Atlantik, wie man sich richtig fühlt, richtig spricht und richtig empört. Grönland steht irgendwo dazwischen und fragt sich vermutlich, wie es passieren konnte, plötzlich zum Hauptdarsteller eines globalen Erziehungsdramas zu werden.
Und während alle darüber diskutieren, wer Stärke zeigt und wer nicht, bleibt eine kleine, unbequeme Frage im Raum stehen: Wenn Stärke wirklich nur Lautstärke wäre – warum schreien dann eigentlich alle gleichzeitig?