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Der Friedenspreis zum Mitnehmen – Zwei Hände, ein Pokal und Oslo ruft die Hausordnung auf
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Es gibt Preise, die man sich ins Regal stellt. Es gibt Preise, die man an die Wand hängt. Und es gibt Preise, bei denen offenbar irgendwann die Frage aufkommt, ob man sie nicht kurz jemand anderem in die Hand drücken kann – nur für ein Foto, nur symbolisch, nur für die Geschichte. Der Friedensnobelpreis hat diese Schwelle nun endgültig überschritten. Nicht offiziell, versteht sich. Sondern gedanklich. Und das reicht heute völlig.
Die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado, frisch gekürt und international gefeiert, trat vor die Kameras und formulierte einen Gedanken, der in keiner Nobelurkunde vorgesehen ist: Sie würde ihren Friedensnobelpreis gern Donald Trump widmen. Später sogar teilen. Oder überreichen. Oder zumindest gemeinsam emotional anfassen. Das venezolanische Volk, so erklärte sie, habe entschieden, dass dieser Preis eigentlich ein Gemeinschaftswerk sei – mit Trump als emotionalem Mehrheitsaktionär.
Damit war eine neue Disziplin geboren: Nobelpreis-Sharing, bislang nur bekannt aus sehr freien Interpretationen politischer Symbolik. Man teilt ja heute alles. Inhalte. Verantwortung. Schuld. Warum also nicht auch einen Friedenspreis? Es fehlte eigentlich nur noch der Vorschlag, ihn wochenweise rotieren zu lassen. Montag bis Mittwoch Machado, Donnerstag Trump, Wochenende internationaler Pop-up-Frieden.
Der Ort dieser Idee war kein zufälliger. Sie wurde nicht etwa im stillen Kämmerlein geäußert, sondern auf Fox News, dem Studio, in dem komplexe geopolitische Vorgänge bevorzugt auf die Größe eines Frühstücksfernsehsegments zurechtgeschnitten werden. Moderator Sean Hannity stellte die entscheidende Frage mit jener Mischung aus Ernst und Erwartung, mit der man sonst fragt, ob der Gast auch einen Nachschlag möchte. Und Machado antwortete, als ginge es um genau das.
Trump reagierte erwartungsgemäß offen. Er habe davon gehört, sagte er. Vielleicht komme sie nächste Woche vorbei. Er freue sich darauf. Das war kein politisches Statement, das war eine höfliche Reservierungsbestätigung. Ob Nobelpreis oder nicht – Hauptsache Besuch, Hauptsache Kamera, Hauptsache Geschichte.
An diesem Punkt betrat Nobel Institute die Bühne. Nicht laut. Nicht empört. Sondern mit der Energie eines Bibliothekars, der bemerkt, dass jemand versucht, ein Buch mit nach Hause zu nehmen, „nur symbolisch“. In einer knappen Mitteilung erklärte man, dass ein Nobelpreis weder widerrufen, geteilt noch übertragen werden kann. Die Entscheidung sei endgültig. Punkt. Ende. Kein Sternchen, kein Zusatz, kein „außer bei sehr guten Argumenten“.
Das war der Moment, in dem der politische Luftballon sanft, aber hörbar platzte. Kein Drama, kein Skandal – nur eine nüchterne Regel. Und genau diese Regel wirkte inmitten der aufgeheizten Symbolik wie eine Beleidigung. Denn während sich auf politischer Bühne bereits ein neues Narrativ formte, stand in Oslo jemand mit dem Regelwerk und sagte: „So war das nicht gedacht.“
Dabei hatte die Erzählung alles, was modernes Polit-Theater braucht. US-Streitkräfte hatten Ziele in Venezuela angegriffen. Präsident Nicolás Maduro wurde festgenommen, gemeinsam mit seiner Ehefrau Cilia Flores außer Landes gebracht und in New York angeklagt. Frieden durch Zugriff. Demokratie per Handschelle. Man hätte es sich kaum filmischer ausdenken können.
Machado nannte Trumps Rolle historisch. Ein großer Schritt in Richtung demokratischer Wandel. Das Wort „historisch“ fiel dabei so mühelos, als sei es ein Universalwerkzeug für alles zwischen epochalem Umbruch und gelungenem Fernsehauftritt. Wer historisch handelt, so die implizite Logik, darf auch historisch ausgezeichnet werden. Oder zumindest mit ausgezeichneten Dingen in Verbindung gebracht werden.
Trump selbst setzte dem Ganzen die bekannte Volte auf. Er äußerte Zweifel an Machados Eignung als künftige Führungspersönlichkeit Venezuelas. Sie sei nett, sagte er. Aber ihr fehle der Respekt im Land. Das ist jene Form von Lob, bei der man sich unwillkürlich bedankt und gleichzeitig weiß, dass es besser gewesen wäre, nichts gesagt zu haben. In der gleichen Woche potenzieller Nobelpreis-Partner und politischer Skeptiker zu sein – das ist eine Kunstform für sich.
Das Nobelinstitut hingegen blieb unbewegt. Man kommentiere grundsätzlich nicht das Verhalten von Preisträgern nach der Verleihung, hieß es. Man beobachte. Man verfolge. Man äußere weder Zustimmung noch Besorgnis. Das klang weniger nach Distanz als nach stiller Buchführung. Jede Geste wird notiert, jeder Satz archiviert, jedes Interview abgelegt – für den Fall, dass später jemand fragt, wie es eigentlich dazu kommen konnte.
Am Ende bleibt ein Bild, das sich aufdrängt: Ein Friedensnobelpreis, geschniegelt und geregelt, während um ihn herum politische Akteure versuchen, ihn in ihre jeweilige Dramaturgie einzubauen. Der Preis selbst bleibt stur. Er lässt sich nicht teilen, nicht verschenken, nicht symbolisch überschreiben. Er ist da. Er gehört jemandem. Und genau das macht ihn in dieser Geschichte zum eigentlichen Störfaktor.
Denn in einer Zeit, in der alles verhandelbar scheint – Narrative, Wahrheiten, Zuständigkeiten – ist ein Objekt, das sich nicht bewegen lässt, fast schon provokant. Der Friedensnobelpreis steht plötzlich als Mahnmal dafür da, dass nicht jede große Geste automatisch eine gute Idee ist. Und dass selbst die kühnste politische Symbolik irgendwann an einer norwegischen Hausordnung scheitert.