- Veröffentlicht am
- • Politik
Apokalypse als Service: Ein Blogpost drückt auf „Sell“
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Früher brauchte es für einen Börsencrash mindestens eine Ölkrise, eine Bankenpleite oder einen Kometen am Himmel. Heute genügt offenbar ein gut formulierter Blogeintrag mit dramatischem Titel und genügend Emojis im Umlauf. Willkommen im Zeitalter der Finanzmärkte, in dem ein Gedankenexperiment schneller wirkt als eine Zinserhöhung.
Citrini Research veröffentlichte ein Papier mit dem klangvollen Namen „The 2028 Global Intelligence Crisis“. Darin wird eine Zukunft skizziert, in der Künstliche Intelligenz Millionen Jobs ersetzt, die Produktivität durch die Decke geht und Unternehmen statt Mitarbeiter lieber Server anschaffen. Eine hypothetische Erzählung – ausdrücklich als Gedankenspiel deklariert. Die Wall Street jedoch las es wie die Bedienungsanleitung zum Weltuntergang.
Das Szenario ist dramatisch genug für eine Kinopremiere: Bürohochhäuser leeren sich, GPU-Cluster in North Dakota erledigen die Arbeit von 10.000 Angestellten in Manhattan, die Arbeitslosenquote springt in die Zweistelligkeit. Unternehmen investieren nicht mehr in Menschen, sondern in Rechenleistung. Excel wird arbeitslos. Der Drucker kündigt freiwillig.
Die Pointe: Es handelt sich nicht um eine Prognose, sondern um eine mögliche Entwicklung. Ein „Was wäre, wenn“. Doch an den Märkten wurde daraus ein „Es ist soweit“.
Binnen Stunden gerieten Software-Aktien unter Druck. Milliarden Dollar an Marktwert lösten sich in digitalem Staub auf. Der US-Software-Index verlor kräftig, als hätte jemand den Stecker gezogen. Anleger trennten sich nicht nur von Tech-Werten, sondern auch von Unternehmen, die theoretisch automatisierbar sind. Wenn schon Panik, dann bitte breit gestreut.
Investmentstrategen sprachen von einer neuen Eskalationsstufe der KI-Angst. Ein einzelner Blogpost mit Millionen Aufrufen reichte aus, um die Stimmung zu kippen. Das ist weniger ein Beweis für die Macht der KI als für die Empfindlichkeit der Märkte. Offenbar reicht inzwischen ein Gedankenexperiment, um zweistellige Milliardenbeträge in Bewegung zu setzen.
Deutsche-Bank-Ökonom Jim Reid berichtete, der Beitrag sei ihm unzählige Male weitergeleitet worden. Soziale Medien hätten die Kursverläufe dominiert. Wer früher Geschäftsberichte las, scrollt heute durch Threads. Fundamentaldaten sind wichtig – aber virale Narrative sind schneller.
Natürlich steckt ein realer Kern in der Geschichte. KI automatisiert Prozesse, beschleunigt Analysen, schreibt Code, generiert Texte, optimiert Logistik. Produktivität kann steigen. Doch zwischen technologischem Fortschritt und Massenarbeitslosigkeit liegt ein weiter Weg – gesäumt von Anpassung, neuen Berufen und kreativer Umverteilung von Aufgaben.
Kritiker des Berichts werfen Citrini vor, die Flexibilität von Wirtschaft und Gesellschaft zu unterschätzen. Geschichte ist voll von Prognosen, die das Ende der Arbeit ankündigten. Die Dampfmaschine sollte alles verändern – tat sie auch. Aber sie schuf neue Industrien. Das Internet zerstörte Branchen – und erfand andere.
Trotzdem hat die Vision von 2028 einen Nerv getroffen. Anleger reagierten, als würde der Termin bereits morgen im Kalender stehen. Defensive Titel gewannen an Attraktivität. Chiphersteller und Energieunternehmen galten plötzlich als Gewinner der kommenden KI-Ära. Wenn schon Roboter übernehmen, dann bitte mit stabilem Strom und leistungsfähigen Prozessoren.
Ein Marktbeobachter sprach davon, dass KI derzeit wie ein Frankenstein-Monster eingepreist werde. Ein Geschöpf, das seinen Schöpfer ersetzt und anschließend die Konsumwirtschaft verschlingt. Ein hübsches Bild – nur dass dieses Monster bislang eher Cloud-Abos verkauft als Dorfbewohner jagt.
Nach dem ersten Schock beruhigte sich die Lage wieder etwas. Stimmen wurden laut, die auf die positiven Effekte hinwiesen: Effizienzgewinne, Innovation, neue Geschäftsmodelle. Vielleicht ersetzt KI nicht den Menschen, sondern ergänzt ihn. Vielleicht verliert der Programmierer nicht seinen Job, sondern bekommt einen Assistenten mit unerschöpflicher Geduld.
Doch das eigentliche Lehrstück dieser Episode liegt woanders. Märkte sind keine reinen Rechenmaschinen. Sie sind emotionale Organismen mit WLAN-Anschluss. Wenn eine Geschichte genug Aufmerksamkeit erhält, wird sie zur Realität – zumindest für ein paar Handelsstunden.
Ein Gedankenexperiment wurde zur Kursbewegung. Ein Blogpost zum Auslöser. Nicht weil er Fakten schuf, sondern weil er Vorstellungen lieferte. Und Vorstellungen bewegen Kapital schneller als Quartalszahlen.
Die nächste Bewährungsprobe steht mit den Zahlen eines großen KI-Chip-Herstellers bevor. Sollten die Ergebnisse glänzen, wird das Weltuntergangsszenario vielleicht in die Kategorie „spannende Fiktion“ verschoben. Sollten sie enttäuschen, könnte der nächste Blogpost bereits in den Startlöchern stehen.
Bis dahin bleibt festzuhalten: In einer vernetzten Welt ist Zukunft kein fernes Konzept, sondern ein handelbarer Vermögenswert. Wer sie überzeugend beschreibt, bewegt Märkte.
Und irgendwo in North Dakota surrt ein GPU-Cluster – vermutlich ahnungslos, dass es gerade als Hauptdarsteller einer globalen Börsenpanik gefeiert wird.