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Kasernenhof trifft Kapitol – Wie das Pentagon versuchte, einen Senator zum Rapport zu zitieren
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- tmueller
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Es beginnt wie ein schlechter Scherz aus einem sehr langen Politikjahr: Ein Senator redet. Das Pentagon fühlt sich gestört. Und plötzlich steht die Frage im Raum, ob man einem gewählten Volksvertreter nicht einfach den militärischen Ruhestandsrang kürzen kann, weil einem der Tonfall nicht gefällt. Willkommen im Fall Mark Kelly gegen Pete Hegseth – einer Auseinandersetzung, die wirkt, als habe jemand die Gewaltenteilung mit einer PowerPoint über „Disziplin im Einsatz“ verwechselt.
Der Auslöser ist denkbar unspektakulär und gerade deshalb spektakulär eskaliert: Kelly, Ex-Navy-Offizier, Kampfpilot, Raumfahrer und inzwischen demokratischer Senator, beteiligt sich an einem Video. Darin erinnern sechs ehemalige Militärangehörige, die heute Politik machen, aktive Soldaten daran, dass illegale Befehle nicht befolgt werden müssen. Kein Aufruf zur Meuterei, kein Sturm auf die Waffenkammern, sondern ein Hinweis auf ein Grundprinzip militärischer und rechtsstaatlicher Ordnung. In vielen Demokratien würde man das als staatsbürgerliche Nachhilfe verbuchen. Im Pentagon hingegen offenbar als Anlass für Alarmstufe Rot.
Verteidigungsminister Hegseth reagiert mit der Entschlossenheit eines Mannes, der überzeugt ist, dass Ordnung am besten durch Zeichen gesetzt wird. Das Zeichen in diesem Fall: Das Pentagon prüft, Kellys militärischen Ruhestandsrang herabzustufen. Damit verbunden wären finanzielle Einbußen. Die Botschaft ist klar, auch wenn sie juristisch etwas unscharf formuliert ist: Wer politisch redet, soll militärisch spüren.
Hier lohnt ein kurzer Realitätscheck. Mark Kelly ist kein aktiver Soldat. Er steht nicht in Uniform auf dem Appellplatz. Er ist Senator. Mitglied der Legislative. Ausgestattet mit genau jener Aufgabe, die in der Verfassung ausdrücklich vorgesehen ist: Kontrolle der Exekutive, inklusive des Militärs. Dass genau diese Rolle nun als Problem wahrgenommen wird, verleiht der Geschichte ihren besonderen Reiz.
Kelly selbst reagiert nicht mit betretenem Schweigen, sondern mit einer Klage. Er wirft dem Pentagon und seinem Chef vor, rechtswidrig und verfassungswidrig zu handeln. Verletzt seien nicht nur seine Meinungsfreiheit, sondern auch die Rede- und Debattenklausel der Verfassung, die Abgeordneten Immunität für Amtshandlungen gewährt. In der Klageschrift findet sich zudem ein Satz, der so trocken ist, dass er fast komisch wirkt: In der Geschichte der USA habe es noch nie einen Fall gegeben, in dem die Exekutive militärische Sanktionen gegen einen Kongressabgeordneten wegen politischer Äußerungen verhängt habe. Übersetzt heißt das: Das habt ihr euch gerade ausgedacht.
Die Situation wird noch absurder, wenn man sich Kellys Lebenslauf anschaut. Er flog 39 Kampfeinsätze für die Navy, nahm an Militäroperationen gegen den Irak teil und wechselte später zur NASA, wo er vier Weltraummissionen absolvierte. Ein Mann, der Raketenstarts erlebt hat, soll nun lernen, wie militärische Ordnung funktioniert – erklärt von einem Ministerium, das offenbar glaubt, die Verfassung sei ein optionales Zubehör.
Hegseth begründet sein Vorgehen mit der Sorge um Disziplin. Kellys Aussagen seien „aufrührerisch“ und könnten Soldaten dazu verleiten, Befehle infrage zu stellen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass genau dieses Infragestellen illegaler Befehle ein fester Bestandteil militärischer Ausbildung ist. Die Nürnberger Prozesse haben diese Erkenntnis nicht als Fußnote, sondern als Fundament hinterlassen. Dass sie nun als problematisch gilt, zeigt, wie flexibel Begriffe wie „Ordnung“ ausgelegt werden können.
Das Pentagon selbst gibt sich nach Einreichung der Klage betont schweigsam. Man äußere sich nicht zu laufenden Verfahren. Eine diplomatische Formel, die meist dann verwendet wird, wenn man hofft, dass die Angelegenheit möglichst leise vorübergeht. Denn die juristischen Risiken sind offensichtlich. Würde man akzeptieren, dass die Exekutive Abgeordnete militärisch sanktionieren darf, weil ihr deren politische Rede missfällt, wäre das ein Machtinstrument von beachtlicher Reichweite. Heute trifft es einen Senator wegen eines Videos. Morgen vielleicht einen Ausschuss wegen einer Anhörung.
Die eigentliche Parodie dieser Affäre liegt jedoch in der Rollenvertauschung. Ein Senator, der seine verfassungsmäßige Rolle wahrnimmt, wird behandelt, als habe er die Truppenstärke verraten. Ein Verteidigungsministerium, dessen Aufgabe es ist, der zivilen Führung unterstellt zu sein, agiert, als könne es politische Disziplinarmaßnahmen verhängen. Der Kasernenhof schwappt ins Kapitol, inklusive imaginärer Trillerpfeife.
Kelly spricht in seiner Stellungnahme von einem „verfassungswidrigen Kreuzzug“. Das klingt dramatisch, ist aber juristisch präzise. Es geht nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern um die Grundfrage, ob militärische Macht als politisches Druckmittel gegen gewählte Vertreter eingesetzt werden darf. Die Antwort der Verfassung ist klar. Die Tatsache, dass sie überhaupt gestellt wird, sagt viel über den Zustand der Debatte aus.
Man kann diesen Konflikt auch als Lehrstück lesen. Über Macht, die sich ihrer Grenzen nicht mehr ganz sicher ist. Über Institutionen, die ihre Zuständigkeiten dehnen, bis sie mit der Verfassung kollidieren. Und über einen Senator, der zufällig alle Qualifikationen besitzt, um zu wissen, wovon er spricht – militärisch wie politisch.
Am Ende werden Gerichte entscheiden. Sehr wahrscheinlich werden sie daran erinnern, dass Senatoren keine Rekruten sind und Ruhestandsränge kein politisches Druckmittel. Bis dahin bleibt dieser Fall ein Stück politisches Theater mit unfreiwillig komischen Momenten. Denn selten wurde so anschaulich demonstriert, dass Disziplin zwar im Militär wichtig ist – aber in einer Demokratie immer der Verfassung untergeordnet bleibt.