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Makler des Nordens – Donald Trump entdeckt Grönland als Schnäppchen mit Eskalationsoption
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Es gibt Momente in der internationalen Politik, in denen man das Gefühl hat, jemand habe versehentlich die falsche App geöffnet. Statt Außenpolitik läuft Immobilienportal, statt Diplomatie eine Mischung aus Actionfilm-Trailer und Verkaufsgespräch. Genau in dieser Gemengelage findet nun der große Grönland-Gipfel in Washington statt – ein Treffen, das offiziell der Sicherheit, der NATO und der Zusammenarbeit gewidmet ist, sich aber anfühlt wie eine Eigentümerversammlung, bei der ein Teilnehmer bereits mit dem Abrissbagger vorfährt.
Der Gastgeber dieser frostigen Fantasie ist Donald Trump, der Grönland inzwischen behandelt, als hätte er die Insel beim nächtlichen Scrollen entdeckt: riesig, strategisch gelegen, viel Potenzial, kaum Nachbarn – warum sollte das nicht gehen? Trump betont, er würde „gerne einen Deal machen“. Ein Satz, der in seiner Welt stets wie ein freundliches Angebot klingt, aber zuverlässig von einer Drohkulisse flankiert wird. Wenn es nicht auf die „einfache Art“ gehe, dann eben auf die „harte Art“. Außenpolitisch ist das ungefähr so beruhigend wie ein Autohändler, der hinzufügt: Oder ich nehme mir den Wagen einfach.
Dass diese „harte Art“ militärisch gedacht wird, macht die Sache nicht besser. Berichten zufolge lässt Trump bereits hochrangige Militärs Szenarien durchspielen. Welche genau, bleibt offen. Wahrscheinlich irgendetwas zwischen „friedliche Übernahme“ und „wir erklären später, warum das notwendig war“. Europa hört das und greift reflexartig zu den bewährten Werkzeugen: Diplomatie, Appelle, sehr lange Sätze mit vielen Nebensätzen.
Währenddessen liefert das White House die passende Bebilderung. Eine Fotomontage zeigt Trump im Oval Office, hinter ihm eine gigantische Karte Grönlands. Keine Legende, kein Maßstab, keine Besitzverhältnisse – nur Fläche. Viel Fläche. Es ist die politische Variante von „Ich stell mir das schon mal hierhin, dann gehört es gefühlt mir“. Kunsthistoriker werden diese Phase später vielleicht als „imperialen Minimalismus“ einordnen.
Doch Symbolik allein reicht nicht. Im Kongress meldet sich Randy Fine zu Wort und kündigt ein „Gesetz zur Annexion und Staatlichkeit von Grönland“ an. Schon der Titel klingt wie ein Verwaltungsakt aus dem Baumarktregal: Annexion – jetzt auch in Staatlichkeit. Das Gesetz würde Trump erlauben, „alle nötigen Schritte“ zu unternehmen, um Grönland zu annektieren. Welche Schritte nötig sind, bleibt erfreulich vage. Völkerrecht? NATO? Dänemark? Alles Details, die man später klärt – idealerweise nach der Pressekonferenz.
Experten halten das Gesetz für aussichtslos. Die Republikaner sind gespalten, die Demokraten planen ein Gegen-Gesetz, und selbst in Washington scheint man zu ahnen, dass territoriale Expansion nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Doch darum geht es gar nicht. Der Vorstoß erfüllt seinen Zweck: Er normalisiert den Gedanken. Plötzlich steht nicht mehr die Frage im Raum, ob man Grönland einfach beanspruchen darf, sondern nur noch, wie unrealistisch das Ganze ist. Ein klassischer Diskurs-Trick.
Während Trump verbal weiter eskaliert, versuchen Teile seiner eigenen Partei, den Feuerlöscher zu finden. Eine Delegation von US-Senatoren reist nach Kopenhagen, um die Allianz mit Europa zu beruhigen. Mit dabei ist Thom Tillis, der öffentlich erklärte, er habe „diese Dummheit satt“. In Washington ist das ungefähr so deutlich wie ein Megafon. Tillis wünscht sich „gute Ratschläge“ für den Präsidenten, damit dieser ein positives Vermächtnis hinterlasse. Der Grönland-Zirkus lenke davon ab. Übersetzt: Es gibt politische Schlachten, die sich lohnen – und es gibt solche, bei denen man sich fragt, warum man überhaupt angetreten ist.
In Grönland selbst bleibt man bemerkenswert ruhig. Regierungschef Jens-Frederik Nielsen erklärte nüchtern, Grönland sei eine demokratische Gesellschaft, treffe eigene Entscheidungen und handele auf Grundlage des Völkerrechts. Die NATO müsse Grönland als Teil des Königreichs Dänemark verteidigen. Das ist die höfliche arktische Version von: Wir sind kein Sonderangebot.
Natürlich ist Grönland strategisch relevant. Arktische Routen, Rohstoffe, Militärbasen – alles korrekt. Doch Trumps Ansatz verwandelt diese nüchterne Analyse in eine geopolitische Casting-Show. Europa bewirbt sich um Stabilität, Trump um Besitz. Diplomatie trifft auf Deal-Rhetorik. Während die NATO über Sicherheit spricht, denkt der US-Präsident in Quadratkilometern.
Das wirklich Absurde ist die Selbstverständlichkeit, mit der über Annexion gesprochen wird. Als handle es sich um ein leerstehendes Lagerhaus, das man sichern sollte, bevor China oder Russland es mietet. Diese beiden Mächte werden zuverlässig als Begründung herangezogen – die ewigen Allzweck-Bösewichte, die immer dann auftauchen, wenn man einen Plan erklären muss, der ansonsten erklärungsbedürftig wäre. Dass Grönland selbst existiert, wählt und entscheidet, wird dabei gern als störendes Detail behandelt.
So wird der Grönland-Gipfel zum Sinnbild einer Außenpolitik, die Lautstärke mit Einfluss verwechselt. Je größer die Provokation, desto größer die Aufmerksamkeit. Karten an der Wand ersetzen Gespräche am Tisch. Gesetzesentwürfe ersetzen Vertrauen. Und Verbündete lernen, dass sie nicht nur über Inhalte verhandeln müssen, sondern auch über Temperament.
Am Ende bleibt die Hoffnung, dass sich trotz Fotomontagen, Drohkulissen und Annexionsfantasien eine banale Erkenntnis durchsetzt: Allianzen sind keine Immobilien. Man kann sie nicht kaufen, nicht einfach übernehmen und schon gar nicht gegen den Willen der Bewohner verwalten. Grönland ist groß, kalt und strategisch wichtig – aber es ist kein Souvenir aus dem geopolitischen Duty-Free-Shop.
Und vielleicht ist genau das die größte Pointe dieser Geschichte: Dass im 21. Jahrhundert ausgerechnet das Völkerrecht der härteste Verhandlungspartner bleibt.